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Un homme qui crie - Ein Mann, der schreit

  

Väter und Söhne

Seit 1998 währt der Bürgerkrieg in dem zentralafrikanischen Staat. Mahamat-Saleh Harouns Film "Ein Mann der schreit" nähert sich dem Thema auf vielschichtige Weise an.

Bürgerkriege sind verheerende, rational nur schwer fassbare Gewalten, die aus dem Innersten heraus wirken. Wie schmerzhaft und aufreibend diese Kräfte sind, erschließt sich aus dem unmittelbaren Wortsinn des Begriffes: Krieg der Bürger. Das Gemeinwesen zersetzt sich im Konflikt seiner konstituierenden Elemente; das Individuum kündigt der Gemeinschaft seine Solidarität auf. Die Folge ist ein Volk im Krieg mit sich selbst. In der zentralafrikanischen Republik Tschad tobt seit 1998 in wechselnden Intensitäten ein verlustreicher Bürgerkrieg zwischen den Regierungstruppen Idriss Débys und einer Allianz von Rebellengruppen, die sich unter dem Namen "Front für den Wandel" zusammengeschlossen haben.

Der in Frankreich lebende Regisseur Mahamat-Saleh Haroun hat schon vor einigen Jahren den Bürgerkrieg in seinem Heimatland thematisiert. In "Abouna - Der Vater" begaben sich zwei Jungen auf die Suche nach ihrem Vater, der wie so viele Männer in das angrenzende Kamerun geflüchtet war. Zurück blieb eine vaterlose Generation. Mit "Un homme qui crie - Ein Mann, der schreit" versucht er sich nun an einer vielschichtigen Beschreibung dieses inneren Konflikts, die das individuelle Schicksal seiner Hauptfigur in eine Kontinuität mit der politischen Entwicklung im Tschad stellt. 

Adam, die Hauptfigur (Youssouf Djaoro), ist Ende fünfzig und arbeitet seit 30 Jahren als Bademeister in einem Luxushotel von NDjamena. Wenn er seiner neuen, chinesischen Chefin erklärt, dass der Pool sein Leben sei, verbirgt sich hinter seinen Worten ein Doppelsinn. Als junger Mann war er zentralafrikanischer Schwimmmeister; von diesem Selbstverständnis zehrt er noch immer. Die Menschen auf der Straße nennen ihn "Champ". Während das Land um ihn herum auseinanderfällt, sitzt Adam gelassen am Becken. Sein Sohn Abdel soll einmal seine Nachfolge antreten, doch der Junge besitzt bereits einen ganz anderen Antrieb als der Vater.

"Un homme qui crie" beschreibt vor dem Hintergrund des eskalierenden Bürgerkriegs, wie sich auch Adams Leben langsam vom Zentrum zu den Rändern hin auflöst. Radio und Fernsehen sind die Agenten dieses Wandels; Harouns Film ist unterlegt mit Schreckensnachrichten über die nach NDjamena vorstoßenden Rebelleneinheiten und mit panischen Regierungserklärungen. Die Bevölkerung wird aufgerufen, einen finanziellen Tribut zur Unterstützung des Militärs zu leisten. Doch der mittellose Adam ist zu sehr mit sich beschäftigt, als dass er den Ernst der Lage erkennen könnte. Zudem ist auch sein Privatleben äußerlichen Gewalten ausgesetzt: den Kräften des Marktes. Ein chinesischer Investor hat das Hotel übernommen und sortiert rigoros Personal aus. Bald muss Adam hilflos mit ansehen, wie um ihn herum seine Freunde und Kollegen entlassen werden; er selbst wird vom Bademeister zum Pförtner degradiert. Der größte Schock allerdings ist, dass ausgerechnet Abdel seinen alten Job übernimmt.

Haroun führt mit "Un homme qui crie" einen dezidiert anderen Ton in den postkolonialen Diskurs des Third Cinema ein. Adam ist eine durchaus ambivalente Figur: Als Leidtragender des gesellschaftlichen Umbruchs ist er selbst nicht ohne Schuld. Er hat sich mit den Verhältnissen arrangiert, innerhalb der Hotelanlage ist seine Welt in Ordnung. Seiner Frau, die ihm einmal Apathie vorwirft, entgegnet Adam, dass nicht er sich verändert habe, sondern die Welt. Den gesellschaftlichen Fliehkräften hilflos ausgeliefert, sieht er sich schließlich gezwungen, das für einen Vater Undenkbare zu tun. Aus Enttäuschung und Neid (und um seine vermeintliche Kriegsschuld abzuleisten), lässt er seinen eigenen Sohn vom Militär einziehen. An seine alte Wirkungsstätte kehrt Adam als gebrochener Mann zurück. Doch auch hier hat die Realität zwischenzeitlich Einzug gehalten; als letzter Angestellter steht er mit seiner chinesischen Chefin ratlos am verwaisten Schwimmbecken. Die ausländischen Gäste haben die Stadt längst verlassen. Adam aber schwingt sich auf sein altes Motorrad und begibt sich in die Kriegsregion, um seine Schuld gegenüber dem Sohn zu begleichen.

Mehr noch als in "Abouna" und Harouns letztem Film "Daratt" wird in "Ein Mann, der schreit" deutlich, welche Schlüsselfunktion der Regisseur dem Verhältnis von Vätern und Söhnen innerhalb der gesellschaftlichen und politischen Umbrüche im Tschad beimisst. In seinen früheren Filmen hatten die Rollen noch eine klare Zuordnung. Harouns Figuren sind stets in einer Suchbewegung unterwegs, die abwesenden Väter wurden dabei auch zur Projektionsflächen einer gesellschaftlichen Sinnsuche. "Un homme qui crie - Ein Mann, der schreit" bleibt hier jedoch ambivalenter, Haroun entzieht sich moralischen Werturteilen.

Das macht sich auch in der Bildsprache bemerkbar, die auf große emotionale Distanz bedacht ist. Haroun arbeitet kaum mit Close-ups, er beobachtet Adam meist in langen Halbtotalen als regungslosen Schmerzensmann. Doch dieser Schmerz ist innerlich, Adam macht die Entwicklung zum "Mann, der schreit" bis zum Ende nicht durch. Dafür findet Haroun andere schöne Tonalitäten der Versehrung. Ein Lied zum Beispiel, dass Abdels schwangere Freundin singt, nachdem sie ein Lebenszeichen aus dem Krieg erhalten hat. Adam tritt in die Tür und lauscht eine Weile ihrem traurigen Gesang. Die junge Frau verfügt bereits über eine Sprache, ihrem Schmerz Ausdruck zu verliehen, die der Vater für sich erst noch finden muss.

Andreas Busche

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: taz

 

 

Un homme qui crie - Ein Mann, der schreit
Frankreich / Belgien / Tschad 2010 - Originaltitel: Un homme qui crie - Regie: Mahamat-Saleh Haroun - Darsteller: Youssouf Djaoro, Diouc Koma, Emil Abossolo M'Bo, Hadjé Fatimé N'Goua - FSK: ab 6 - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 90 min. - Start: 7.4.2011

 

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