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Une Jeunesse Allemande - Eine deutsche Jugend

 

Andere Bilder gibt es immer

Jean-Gabriel Périots "Une jeunesse allemande" sucht nach filmischen Spuren von Studentenprotesten und linksradikalem Terror.

"Ist es möglich, heutzutage in Deutschland Filme zu machen?" - Das ist eine außergewöhnliche Eingangsfrage für einen Film, der sich mit der linksradikalen Studentenbewegung der 1960er und deren terroristischen Ausläufern in den 1970ern beschäftigt. Naheliegend ist sie allerdings schon deshalb, weil Jean-Gabriel Périot seinen Film "Une jeunesse allemande" komplett aus vorgefundenem Material und hauptsächlich aus westdeutschen Filmen und Fernsehbeiträgen der 1960er und 1970er Jahre montiert. Die Eingangsfrage wird zum Beispiel von Jean-Luc Godard gestellt, in einem Ausschnitt aus Hellmuth Costards "Der Kleine Godard an das Kuratorium Junger Deutscher Film". Eine weitere Rechtfertigung erhält sie dadurch, dass die 1965 gegründete Berliner Filmhochschule dffb, wo der erhoffte Aufstand gegen Staat und Kapital schon einmal im Aufstand gegen die Studienleitung erprobt wurde, in den ersten Jahren ihres Bestehens zu einem Sammelbecken linker Aktivisten wurde. Ein paar Jahre lang erkundeten die kleinen, westdeutschen Godards Möglichkeiten und Grenzen des politischen Kinos, bevor sich zwei von ihnen - Holger Meins und Philip Werner Sauber - terroristischen Gruppen im Untergrund anschlossen.

"Une jeunesse allemande" - wenn damit nicht nur eine aus allen Bildern synthetisierte überindividuelle, sondern auch eine einzelne, individuelle deutsche Jugend gemeint ist, dann die Ulrike Meinhofs. Den ersten Teil des Films dominieren - neben schönen Ausschnitten aus frühen dffb-Filmen wie Carlos Bustamantes grandios radikalem "Green Beret" - Meinhofs Arbeiten fürs Fernsehen, zum einen ihre kurzen Reportagen etwa über Arbeitsschutz, zum anderen ihre Auftritte in Talkshows. Da legt sie geduldig und nicht ohne Humor ihre Positionen dar, in Gesprächen, die nicht unbedingt "auf Augenhöhe" geführt werden (worauf sie selbst mehrmals hinweist), aber die doch immerhin ein wechselseitiges Interesse der Gesprächspartner aneinander beweisen, einen kommunikativen Raum, und damit einen demokratischen Diskurs hervor bringen. In diesen Archivbildern kann man nachfühlen, was für eine wichtige Figur Meinhof damals war, weil es ihr gelungen war, sich als emanzipatorisch-aufgeklärte Linke, aber auch als junge Frau in den sonst eher bürokratisch Thema nach Thema abarbeitenden öffentlich-rechtlichen Männerrunden Gehör zu verschaffen.

Meinhof bricht das Gespräch, dessen wichtiger Teil sie ist, schließlich von sich aus ab, verzichtet selbst auf ihr Rederecht im öffentlichen Gespräch (eine Spur, die sich leider, in Périots Film wie in der historischen Wirklichkeit, im Nichts verliert, stellt ihr Fernsehfilm "Bambule" dar, den man als ihren Versuch betrachten kann, ihre Stimme weiterzugeben, an andere Frauen, die nicht so geschliffen wie sie, aber dafür in rauhem Berliner Dialekt, die Welt herausfordern). Meinhofs Weg in den Untergrund wird durch ein Schwarzbild und einen längeren Monolog aus dem Off markiert. Im restlichen Film gibt es nur noch die monoton und in jeder Hinsicht isoliert vor sich hin dozierende Meinhof-Stimme auf der einen und den auf Fahndungsplakaten und in sensationalistischen Fernsehreportagen objektivierten Meinhof-Körper auf der anderen Seite. Eine zweite biografische Spur durch den Film legt Horst Mahler, ein anderer, deutlich opportunistischerer Medienprofi, der die Öffentlichkeit von Anfang an eher instrumentalisiert, als dass er sich auf sie einlassen würde.

Das alles ist natürlich zuerst einmal nur Périots Rekonstruktion; was aber lediglich heißt: es hätte auch andere Bilder gegeben. Zum Beispiel hätte es Bilder der Opfer der Terroristen gegeben, oder, auf der anderen Seite, Bilder jener polizieilichen Repression und sozialen Missstände, auf die Meinhof in ihren journalistischen Arbeiten hinwies. Aber ein solcher Vorwurf führt nicht weit: Andere Bilder gibt es immer. Man kann Périot in jedem Fall zugute halten, dass seine Montage (in die gelegentlich auch nicht ganz so naheliegendes Material einfließt, aus Aktenzeichen XY beispielsweise, oder aus Antonionis "Zabriskie Point") alle denunziatorischen Tricks, wie überhaupt alles billig Rhetorische vermeidet. Es geht ihm nicht um nachträgliche Schuldzuweisungen, ums Nachtreten, noch weniger ums nachträgliche Idealisieren oder Entschuldigen, sondern darum, die verstreuten Zeugnissen lesbar zu machen als Gesellschaftsbilder, die auf etwas Gemeinsames bezogen sind. (Und natürlich geht es auch um die Schönheit von Archivmaterial, um jenen Moment in Renate Samis "Es stirbt allerdings ein jeder" zum Beispiel, in dem Günter Peter Straschek seinen Erinnerungsmonolog kurz unterbricht, um auf die Katze hinzuweisen, die sich auf seinem Gartentisch niedergelassen hat. Oder auch um die Schönheit von historischen Sendelogos und Talkshow-Intros.)

Das Gemeinsame, das Périot findet, ist nicht Protest und Terror, sondern der Begriff von Öffentlichkeit, der sich im Umgang mit Protest und Terror schärft. In den spielerischen Erstlingswerken der jungen dffb-Regisseure, in Meinhofs aufklärerischem Ethos, aber auch in den entschleunigten, unaufgeregten Talk-Formaten des Öffentlich-Rechtlichen Fernsehens der 1960er Jahre beginnt eine junge, fast direkt aus der Barbarei heraus gegründete Demokratie mit erstaunlicher Offenheit über sich selbst nachzudenken; diese dialogischen und wenigstens einigermaßen pluralistischen Reflektionsprozesse reduzieren sich nach '68 in Windeseile auf polizeistaatliche Verlautbarungen (als besonders stählern erweist sich in der historischen Rückschau Helmut Schmidt) auf der einen und die empathiebefreiten Automatismen der Militanz auf der anderen Seite. Kommunikation gibt es höchstens noch im Sinne von: Franz-Josef Strauss poltert - der CSU-Parteitag applaudiert. Geschichte reduziert sich (auch in Périots immer atemloserer Montage) auf Ereignisgeschichte, auf Aktion und Reaktion. Ganz am Ende öffnet sich, in zwei Ausschnitten aus Rainer Werner Fassbinders Beitrag zum Omnibusfilm "Deutschland im Herbst", doch noch einmal ein Reflektionsraum, der freilich nicht mehr um eine Gruppe widerständiger, kreativer Citoyens herum strukturiert ist, sondern um ein vereinzeltes, nackt seinen Fernseher anschreiendes Künstlersubjekt.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte 

 

Une Jeunesse Allemande - Eine deutsche Jugend
OT: Une jeunesse allemande - Deutschland, Schweiz, Frankreich 2015 - 96 min. Regie: Jean-Gabriel Périot - Drehbuch: Jean-Gabriel Périot - Verleih: W-Film - FSK: ab 12 Jahre - Kinostart (D): 21.05.2015

 

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