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Un borghese piccolo piccolo

Die bleiernen Jahre

 

Eine nebelige Uferlandschaft, melancholische Musik, in der Bildmitte ein Steg mit einem Angler darauf. Am linken Bildrand eine Ruine, unter der sich ein zweiter Mann befindet, niedergekauert, fast in Fötalstellung. Da dies ein Standbild ist, über das zudem die Filmtitel laufen, können wir das ungewöhnliche Panorama lange beobachten. Es zeigt, wie wir bald erfahren, Vater und Sohn, gespielt von Alberto Sordi, dem Star der Commedia all’italiana, und dem eher unbekannten Vincenzo Crocitti. Man befindet sich auf einem kleinen Streifen Land außerhalb Roms, den sich Giovanni Vivaldi (Sordi) von seinem spärlichen Beamtengehalt gekauft hat. Ein Paradies sei es, sagt er später, und die Landschaft, die doch eher trostlos wirkt, akzeptiert den Euphemismus stumm. Sein Sohn Mario zuckt nur mit den Schultern. Die Kinder von heute: kein Verständnis für die schönen Dinge des Lebens! Ein Generationenkonflikt wird angedeutet. Und noch etwas wird gezeigt: Als der Vorspann endet, hat Giovanni einen Fisch gefangen. Es ist ein großer Fisch, eine Bestie, wie er empört feststellt, als das Tier ihn durch den wollenen Handschuh hindurch beißt. Dafür zertrümmert er ihm mit einem Stein den Kopf, schlägt wieder und wieder zu, bis dieser nur noch Brei ist und, einfach so, vom Rumpf abfällt. Die Kamera hält voll drauf. Eine Irritation, ganz zu Anfang also. Dieser so ruhig wirkende, etwa 50-jährige scheint eine Menge unterdrückte Aggressionen in sich zu tragen.

 

Die beiden Männer kehren nach Hause zurück, in die muffig-kleine Wohnung, in der der Sohn im Wohnzimmer auf einer Ausziehcouch schläft und Giovanni seine duldsame Frau (eindrucksvoll gespielt von Shelley Winters) herumkommandiert. Ununterbrochen lobt der Vater den Sohn, dem er mit allen Mitteln eine Stelle in seiner Behörde verschaffen will. Mario ist eben ein figlio unico, ein Einzelkind, und damit der ganze Stolz seiner Eltern. War schon die Uferlandschaft nicht wirklich einladend, so ist die Hauptstadt aber nur noch abschreckend: vom Rom der Touristen sehen wir bei Monicelli nichts. Stattdessen: ein einziges hässliches Chaos voller Smog und Schmutz, überall Autos, regennasse Straßen, die nichts mehr reflektieren, bestenfalls stumpf schimmern. Im Rückblick wirkt der Nebel der ersten Bilder nun fast so, als sei der römische Smog schon in diese Bilder hinübergewabert. Auf dem Amt, in dem Giovanni arbeitet, versinken die Angestellten im buchstäblichen Sinn in Arbeit: Die Männer sind im Büro hinter Aktenordnern eingegraben und können nicht einmal mehr Blickkontakt halten. Konsequenterweise zeigt die Kamera beim morgendlichen Geplänkel nacheinander montiert Einstellungen des jeweiligen Aktenbergs, hinter dem sich der Sprecher verbirgt. Ein anderer Kollege (Romolo Valli) – höhere Hierarchie und damit unbegrenzt freie Zeit zur Verfügung – verbringt den Tag damit, seine aus dem Haar gekämmten Schuppen nach dem Prachtexemplar des Tages zu durchsuchen. Ein erfülltes Leben sieht anders aus. Vielleicht verstehen wir nun etwas von diesem „sehr einfachen Bürger“ Giovanni Vivaldi: Glück, Erfüllung, selbst das Paradies, das sind alles nur relative Dinge. Im Verhältnis zu diesem Rom, zur schäbigen Wohnung, zur Entfremdung der Arbeitswelt ist die kleine Hütte am Flussufer vielleicht wirklich das Paradies.

 

Die gesamte erste Stunde ist – abgesehen von dem irritierenden Moment mit dem Fisch – dem Tonfall der Commedia all’italiana verpflichtet, wobei insbesondere Vivaldis Versuche, seinem Sohn eine Beamtenstelle zu verschaffen, an die grotesken Momente des Genres anknüpfen. So tritt der Vater sogar den Freimaurern bei, um die entsprechenden Verbindungen zu erhalten, und dabei wird die in sich selbst schon absurde Aufnahmezeremonie gänzlich ins Lächerliche gezogen, bis zum Slapstick ausgereizt. Schließlich kommt der Tag von Marios Aufnahmeprüfung. Der ist perfekt vorbereitet, hat er doch die Prüfungsunterlagen dank der neuen Kontakte seines Vaters schon im Voraus einsehen können. Aber kurz zuvor werden Vater und Sohn Zeuge, wie eine Bank ausgeraubt wird. Schüsse fallen, ein MG knattert. Giovanni steht verwirrt da, im Gesicht ein Blutspritzer. Vor ihm liegt sein Sohn in einer Blutlache.

 

Von diesem Moment an, exakt zur Hälfte der Laufzeit, wechselt „Un borghese piccolo piccolo“ vollständig den Tonfall. Nichts bleibt mehr von der ironisch-komödiantischen Haltung, schrullig-amüsante Momente werden völlig aufgegeben, bestenfalls das Groteske wird in die nachfolgende Tragödie hinübergerettet. Denn das Schicksal meint es nicht gut mit Giovanni. Als ob der Verlust des Sohns nicht ausreichen würde, hat seine Frau einen Schlaganfall. Stumm vegetiert sie von nun an vor dem Fernseher dahin. Auch sonst wird es Giovanni schwer gemacht, zu vergessen. Nicht einmal der Friedhof bietet seinem Sohn einen Platz; die Warteliste für ein neues Grab füllt ein ganzes Buch. Die Mitgliedschaft bei den Freimaurern hilft hier wenig. Und so wird der tote Mario in einem von jammernden Angehörigen überfüllten Lagerraum abgestellt, in dem sich rechts und links die vor Jahren eingelagerten Särge bis unter die Decke stapeln. Als einer der Särge explodiert, stürzt eine ganze Sarg-Wand ein. Nichts ungewöhnliches, wird Giovanni aufgeklärt, das geschieht regelmäßig – die Zersetzungsgase, sie wissen schon. Das mag grotesk überzeichnet wirken, aber in Anbetracht des Missmanagements und der Korruption im Italien der 1970er Jahre ist das wahrscheinlich direkt aus der Tageszeitung ins Drehbuch übernommen worden. Giovanni jedenfalls nimmt auch dies hin; was soll er auch machen. Als er jedoch bei einer Gegenüberstellung einen der Täter wiedererkennt, sagt er nichts, sondern folgt dem jungen Mann, zieht ihm bei der ersten Gelegenheit den Wagenheber über den Kopf und entführt ihn. Er schafft ihn in das Haus am Fluss und fesselt ihn mit Draht an einen Stuhl. Dann macht er mit ihm das, was er mit dem Fisch am Anfang gemacht hat: Er schlägt ihn tot.

 

Monicellis sperriges Werk ist einer dieser Filme, die in kein Schema passen: Die erste Hälfte ist eine fast typische italienische Komödie, die zweite Hälfte eine bittere Tragödie, die in ihren freundlicheren Momenten anmutet, wie ein mit kalter Wut versetzter Buñuel-Film. Zudem ist das Ganze mit expliziten Bezügen zur italienischen Tagespolitik angereichert. Nicht nur, dass Mitte der 70er Jahre die Diskussion um die Wiedereinführung der Todesstrafe kontrovers geführt wurde, nebenher erfahren wir z.B., dass Giovanni in der Resistenza gewesen war und seit Jahren vergeblich auf seine Pension wartet. Der Banküberfall greift den ganz realen Terror in den Straßen auf, der in den anni di piombo, den bleiernen Jahren, das politische Geschehen unübersichtlich machte. Auch die grassierende Arbeitslosigkeit und die allumfassende Korruption werden thematisiert. Ergreift Monicelli vor diesem Hintergrund Partei für einen amoklaufenden Kleinbürger? Rückt er ihn zur Entschuldigung in die Tradition der Resistenza, wie es ganz deutlich Enzo G. Castellaris „Il cittadino si ribella“ („Ein Mann schlägt zurück“, I 1974) konstruierte? Hat für Monicelli der Terror der Straße, der Jugend und der politischen Radikalisierung die Gewalt der Faschisten ersetzt und ist „Un borghese piccolo piccolo“ eine Art italienische „Death Wish“-Variante („Ein Mann sieht Rot“, USA 1974)? Nicht wirklich. Dagegen spricht schon, dass Gewalt in diesem Film grundsätzlich nichts bringt. Sie bleibt vor allem Gewalt, wird immer so gezeigt, dass es weh tut: unmittelbar, direkt, ohne abzublenden, nie schafft sie auch nur die geringste Katharsis. Als Giovanni etwa seine stumme Frau zu dem gefangenen Mörder ihres Sohns bringt und beide gegenüberstellt, kann diese nur wimmern. Weder beginnt sie wieder zu sprechen, noch scheint sie irgendeine Genugtuung zu empfinden. Und auch Giovannis Handeln wirkt zunehmend irrational und übermäßig grausam. Nachdem er den Jungen entführt hat und ihm den Wagenheber bereits einige Male über den Kopf geschlagen hat, zeigt uns Monicelli den alten Mann in einer langen Einstellung, wie er am Tisch sitzt, isst und dabei gewissenhaft seine Büroarbeit erledigt, während im Vordergrund der Junge vor sich hin blutet. (Überhaupt sehen wir erstaunlich viel Blut in diesem Film – immer schreiend rot). Am Ende deutet Monicelli an, dass der tote Bankräuber nicht Giovannis einziges Opfer bleiben wird. Auch der Titel ist letztlich doppeldeutig: Erzählt der Film nun von dem sprichwörtlichen kleinen Mann auf der Straße oder verweist das „piccolo piccolo“ als Steigerung auf einen sehr kleinen Mann im Sinne von kleinkariert, mit begrenztem Horizont? Fraglos tut einem dieser von der Welt verlassene „kleine Kleinbürger“ zwar leid, aber wirklich nachvollziehbar wird sein Handeln auch nicht. Monicelli lässt uns einfach mit der ganzen Malaise alleine, setzt die Gewalt der zweiten Hälfte als Antidot zum Humor der ersten Hälfte. Damit bringt er die italienische Komödie, die immer einen Hang zur Tragödie und zum Elend hatte, an einen Endpunkt: Er treibt ihr (und uns) das Lachen aus. Der Gestus ist offensichtlich: Schaut euch doch um! Während alles vor die Hunde, da wollt ihr noch Lachen?

 

In Frankreich und Italien wurde „Un borghese piccolo piccolo“ in seinem zeitgenössischen Kontext und im Œuvre Monicellis verstanden. In Cannes war er 1977 für die „Goldene Palme“ nominiert, in Italien gewann er fünf Preise beim „David di Donatello“, u.a. als bester Film, für die beste Regie und Alberto Sordi als besten Schauspieler. In Deutschland fand er nicht einmal einen Verleih.

 

Harald Steinwender

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen in: http://themroc-filmblog.blogspot.com/

 

Un borghese piccolo piccolo

(engl. Verleihtitel: AN AVERAGE LITTLE MAN)

Italien 1977, Länge: 122 min.

Regie: Mario Monicelli – Drehbuch: Sergio Amidei, Mario Monicelli nach einer Vorlage von Vincenzo Cerami – Produktion: Aurelio De Laurentiis, Luigi De Laurentiis – Kamera: Mario Vulpiani – Musik: Giancarlo Chiaramello – Schnitt: Ruggero Mastroianni – Darsteller: Alberto Sordi (Giovanni Vivaldi), Shelley Winters (Amalia Vivaldi), Vincenzo Crocitti (Mario Vivaldi), Romolo Valli (Dr. Spazioni), Renzo Carboni (Bankräuber) u.a. – Format: Breitwand 1.85:1

 

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