zur startseite

zum archiv

zu den essays

 

Umsonst


 


Einmal fährt Aziza, ihre kecke Freundin Blanche hinten auf dem Gepäckträger, mit dem Fahrrad sehr lange durch Kreuzberg oder Neukölln. Die atmosphärischen Bilder sind mit dem lichten, verträumten Neo-Folk von Chloe Alice Lewer unterlegt. Die entspannte Stimmung wird jäh gebrochen, als ein Auto aus einem Hinterhof auf den Bürgersteig fährt, um sich in den Straßenverkehr einzureihen. Es kommt zu einer harmlosen Kollision. Die Mädchen lachen sich halbtot, als der Fahrer flucht, weil das Auto nur „geleast“ sei. Im allgemeinen Durcheinander – Aziza bleibt am Unfallort, Seyneb macht sich, verfolgt vom Fahrer, davon – schreibt Aziza „I burn your car“ auf die Windschutzscheibe des Autos. Eine Drohung? Ein Versprechen?
Als Aziza wenig später von einem Polizisten aufgegriffen und zur Befragung aufs Revier gebracht wird, fühlt man sich an den Schluss von „
Zur Sache, Schätzchen“ (fd 15 202) erinnert, als Werner Enke spielerisch mit den Vertretern der Exekutive zu diskutieren beginnt. Später brennen in „Umsonst“ tatsächlich Autos, doch darum geht es nur am Rande. Brennende Autos als Zeichen des Kampfes gegen die Gentrifizierung urbaner Lebensräume sind ein Klischee, das einem zum realen Kreuzberg leichthin einfällt. So leichthin und bedenkenlos, wie Aziza in dieser Nacht ein Fahrrad klaut, das kurz vor einer Dönerbude abgestellt wurde. Doch solche Klischees sind mit einem lockeren Film-im-Film-Szenario verwoben, das diese Impressionen mit sehr authentisch wirkenden Darstellern in Form zu bringen versucht, ohne gleich eine Meinung dazu verfilmen zu wollen.

Ausgangspunkt des Films ist der Umstand, dass „Kreuzkölln“ zum Treffpunkt einer bunten, internationalen Jugend geworden ist, die wenig konsumiert und nicht den Ehrgeiz hat, hippe Dinge zu produzieren. „Kreuzkölln“ ist nicht „Mitte“. Regisseur Stephan Geene sieht in der Ökonomie des Zeitvergeudens und des Umherschweifens einen Reflex auf die ökonomische Krise und die Ideologie der neoliberalen Selbstoptimierung. In einem „Director’s Statement“ zum Film bringt er es auf den Punkt: „Nicht Gebraucht-Werden als Selbstorganisation, als Organisation der eigenen Zeit.“ Der Film selbst präsentiert aber keine Erklärung des Phänomens, sondern zeigt das Phänomen lieber: das Slackertum als Spiel mit dissidenten Stilen, die sich in der Gegenwart mit der Geschichte auseinandersetzen, sich autonome Räume suchen, weil auf die Zukunft nicht länger zu bauen ist.

Aziza kehrt nach einem abgebrochenen Praktikum in Portugal nach Berlin zurück, doch ihre Mutter Trixi hat ihr Zimmer an den jungen Neuseeländer Zach untervermietet, der sich neugierig durch Berlin treiben lässt. Für Aziza scheint Berlin fremd geworden zu sein; sie muss sich erst wieder zurechtfinden, ihre Beziehungen zur Mutter und zur alten Clique klären. Insbesondere die berufsjugendliche Mutter ist unzufrieden, dass die Tochter so unvermittelt wieder anklopft, weil sie deren Abwesenheit als (bislang verpasste) Chance auf ein wenig Freiheit erkannt hat. Der Konflikt zwischen Mutter und Tochter ist zugleich auch ein Konflikt unterschiedlicher Generationen von Kiez-Bewohnern und ihren kleinen und großen Utopien.
Das Blättern in fremden Tagebüchern ist zwar kein schöner Zug, könnte aber weiterhelfen, wenn sich der Inhalt der Tagebücher auf dem selbstreflexiven Niveau des Films befände. Wovon eher nicht auszugehen ist. Die offene, mitunter dokumentarische und improvisiert wirkende Zustandsbeschreibung zeigt sich in Ungleichzeitigkeiten, die mit dem Mythos „Kreuzberg“ spielerisch umgehen. Man kann, wie andernorts bereits vorgeschlagen, „Umsonst“ durchaus in einer Linie mit Filmen wie Uwe Schraders „Kanakerbraut“ (fd 24 411), Thomas Arslans „
Dealer“ (fd 33 601) oder Michael Kliers „Ostkreuz“ (fd 29 357) sehen, die spezifische Berlin-Bilder zeichnen und vom Temperament her eine Gegenposition etwa zu den unfrisierten, aber auch märchenhaften „Berlin“-Projektionen eines Klaus Lemke („Berlin für Helden“) beziehen. Wenn die Alt-Berliner Band Mutter ihren alten 1994er-Hit „Die Erde ist der schönste Platz im All“ anstimmt, dann ist das bestimmt nicht ironisch gemeint. So wenig wie der erzwungene Abbruch der Dreharbeiten auf der Film-im-Film-Ebene von „Umsonst“, den man nicht anders als konsequent bezeichnen kann.

Ulrich Kriest

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: film-Dienst 14/2014

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte


Umsonst
Deutschland 2014 - Produktionsfirma: bbooksz av prod./Joroni-Film/wave-line - Regie: Stephan Geene - Produktion: Caroline Kirberg - Buch: Stephan Geene - Kamera: Volker Sattel, Thilo Schmidt - Musik: Holger Hiller, Charity Children, Mutter, Cobra Killer - Schnitt: Bettina Blickwede, Claude Grasz - Darsteller: Ceci Chuh (Aziza), Elliott McKee (Zach), Vivian Bartsch (Mutter), Seyneb Saleh (Blanche), Imri Kahn (Regisseur), Dilara Ilci (Azizas Freundin), Pascale Schiller (Wirkliche Mutter), Caroline Kirberg (Produzentin), Stephan Geene (Pierre), Michael Käpernick (Maskenbildner) - Kinostart(D): 10.7.2014 - Länge: 93 Minuten - Verleih: bbooksz av

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays