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Twentynine Palms

 

 

 

Dringend erlösungsbedürftig

 

Mit animalischem Geheul untermalt David in Bruno Dumonts jüngstem Film "Twentynine Palms" seinen Orgasmus. Aber er bleibt Selbstzitat.

 

Bruno Dumont ist unter den europäischen Autorenfilmern der Gegenwart der große Primitivist. Mit seinem grandiosen Erstling "La Vie de Jesus" (1997), einer finster-lakonischen Beschreibung des Lebens von Jugendlichen in seinem eigenen Heimatdorf, dem nordfranzösischen Bailleul, hat er seinen Ton und seine Methode gefunden. Er arbeitet in der Regel nicht mit professionellen Schauspielern und wählt seine Laien vornehmlich nach ihrer Physiognomie. Charakterköpfe wie aus Breughel-Gemälden, gedrungene Körper, Gesichter oft, die den Blick faszinieren und abstoßen zugleich. Ohne Zeichen von Anteilnahme, ohne musikalische Akzentuierung oder Untermalung beobachtet Dumont in kargen Einstellungen unverwandt diese Menschen, die einander Wölfe sind, Menschen, die sich und einander quälen in ihrer Unfähigkeit, zu einer irgend verlässlichen Form von Gemeinschaft zu finden. Sie sind sprachlos, wie eingeschlossen in ihren Körpern und in der Welt, ohne Möglichkeit das auszudrücken, was sie fühlen.

 

In dieser als Mangel empfundenen Ausdruckslosigkeit liegen das Drama und die Wucht der Filme Dumonts. Der eindrücklichste Moment seines bisherigen Werks ist vielleicht jener, in dem - in "L'Humanite" (1999) - die das Leid und die Schuld der Welt auf ihren Schultern tragende Hauptfigur, der Polizist Pharaon de Winter, vor einem vorbeirasenden TGV in einen langen Schrei ausbricht, einen Schrei, der zum Ausdruck für diese Ausdruckslosigkeit wird, freilich einem Ausdruck, der niemanden rettet und für den Zuschauer im Lärm des Zugs untergeht. Immer wieder treffen bei Dumont Körper in hilflosen Gesten aufeinander. Körper, die Nähe suchen und Berührungen, finden beides aber nur in brutalem Sex und in Gewalt. Die Verwandlung dieses Begehrens nach dem anderen in ein Miteinander, in Sozialität misslingt. Dumont, der vor seiner Arbeit als Werbefilmer Philosophie studiert und unterrichtet hat, ist ein Analytiker, der in seinen Filmen auf Analyse verzichtet: "Mein Kino ist ein physisches Kino, es eliminiert alles, was mit dem Intellekt zu tun hat - Sprache, Erklärung, Analyse - und beschränkt sich auf das Begehren, sehr unmittelbare Dinge wie Lust, Rivalität, Eifersucht und Neid." (Im Interview mit dem Hollywood Reporter.)

 

Dumonts Filme sind keine Psychogramme und ins Register des Sozialrealismus gehören sie bei allem oberflächlichen Naturalismus nur zum Schein. Die Gewalt, die sie zeigen, wird weder psycho- noch soziologisch erklärt, sie gehört unverhandelbar zum Menschenbild dieses Regisseurs. Er führt nicht die Entstehung von Gewalt vor, sondern demonstriert, wie die Gewalt, die in der Welt ist, als Unfähigkeit, zivilisierte Umgangsformen mit sich und den anderen zu finden, ausbricht, oft unvermittelt und umso blutiger. Das bisschen zivilisatorische Haut, das über den einer unverstandenen Welt ausgelieferten Menschen liegt, schiebt Dumont in seinen Filmen zur Seite. Sichtbar werden rohe, schreiende, vergewaltigende, mordende - und darum dringend erlösungsbedürftige Bestien. Erlösung aber wird ihnen bestenfalls in von perversen Anteilen nicht freien Andeutungen zuteil, ein Kuss in "L'Humanite", ein unvermittelter Liebesschwur in der letzten Szene von "Flandres" (2006).

 

Wie es sich für einen Primitivisten gehört, hat Dumont in den drei Filmen, die er nach "La vie de Jesus" gedreht hat, Ton und Thema nicht etwa verfeinert, sondern ins immer Ungeschlachtere vergröbert. Damit aber ist auch das finster Reaktionäre seines Weltbilds von Film zu Film deutlicher geworden. Waren seine ersten beiden Filme noch sehr präzise verortet, eben in Dumonts Heimatdorf Bailleul, so hat er im nun sehr verspätet in die deutschen Kinos kommenden "Twentynine Palms" (2003) und in "Flandres" - letztes Jahr in Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichnet - entschlossen die Ausweitung und Verallgemeinerung der Kampfzone gesucht. In "Twentynine Palms" schickt er seine ausnahmsweise von professionellen Schauspielern dargestellten Protagonisten, das Liebespaar Katia (Katia Golubeva) und David (David Wissak) mit einem Hummer-Geländewagen in und durch die kalifornische Wüste. Der Film ist ein Road-Movie mit wenig äußerer Handlung. Die beiden sind unterwegs, er ist als Fotograf auf Motivsuche. Sie spricht französisch, er englisch, sie streiten, sie schweigen, sie haben heftigen, aggressiven Sex. Im Swimmingpool, in der Wüste. David begleitet seinen Orgasmus mit animalischem Geheul.

 

Niemandsland ist der Raum, durch den Katia und David sich bewegen, in mehr als einer Hinsicht. Generisches Amerika und metaphysisches wasteland in einem. Buchstäblich steckt der Wagen einmal fest und sogleich wird das, fernab aller Zivilisation, zur Metapher einer Ausweglosigkeit, die in den letzten Szenen des Films ihren höchst schaurigen Ausdruck findet. Beinahe abstrakt bleiben Figuren und Raum - und in dieser auf alles Verrätseln verzichtenden, gerade dadurch rätselhaften Abstraktheit liegt eine unbestreitbare Faszination. Atmosphärisch meisterhaft, und wie viele Momente in "Twentynine Palms" haarscharf an der Grenze zum Horrorgenre gelegen, ist eine Szene in einer fast menschenleeren Kleinstadt. Aus dem Nichts drängt ein lärmender Wagen mit amerikanischen Rednecks bedrohlich ins Bild - und verschwindet wie spurlos gleich wieder. Später sieht man in einer Totalen von weit oben das Paar nackt auf einem Felsen, die Körper reglos wie Tiere der Wüste, übergegangen beinahe und aufgelöst in Natur. Dennoch macht es Dumont in "Twentyine Palms" - und mehr noch im die Selbstparodie endgültig streifenden Kriegsfilm "Flandres" - seinen zahlreichen Kritikern allzu leicht. Entortet ins amerikanische Niemandsland verlieren die Figuren ihre Ambivalenz zwischen Schuld und Leid und jene halsstarrige Haftung an den Raum, die es unmöglich machte, Dumonts Bailleul-Filme als bloße Übungen in tiefschwarzer Existenzphilosophie abzutun. Bewundern kann, wer mag, die Konsequenz, mit der Dumont seinen Hauptfiguren in "Twentynine Palms" Empathie und glücklichen Ausgang verweigert. Dennoch sind Katja und David nicht viel mehr als Chiffren und haben dem Umschlag des Dramas ins simpel Thesenhafte wenig entgegenzusetzen. Allzu reibungslos gelingt hier die existenzielle Aufladung der schematischen Grundsituationen. Die sprachlosen Körper erblassen im toten Raum der Wüste zu bloßen Begriffen. Der Mensch, sagen sie, ist dem Menschen ein Wolf. "Twentynine Palms" führt das drastisch vor Augen. Am Ende ist man bestürzt, aber nicht überzeugt.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: wwwperlentaucherde

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Twentynine Palms

Frankreich / Deutschland / USA 2003 - Regie: Bruno Dumont - Darsteller: Katia Golubeva, David Wissak - Prädikat: wertvoll - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 119 min. - Start: 12.4.2007

 

 

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