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Trumbo


 
Jay Roach beschreibt in "Trumbo" das antikommunistische "blacklisting" als Privatvergnügen einer Society-Reporterin.

Jay Roach war lange ein Komödienspezialist, mit den Austin-Powers- und den Fokkers-Farcen feierte er große Erfolge. Sein aktueller Film "Trumbo" allerdings schließt, dem Mitwirken einiger hochbegabter Comedians wie Louis C.K. und John Goodman zum Trotz, eher an eine andere Linie im Werk an: In den Dokufiktionen "Recount" und "Game Change" hatte der Regisseur Episoden der US-Präsidentschaftswahlen 2000 beziehungsweise 2008 verarbeitet. Jetzt blickt er etwas weiter zurück. "Trumbo" ist ein geradliniges und weitgehend uninspiriertes Bio-Pic, das entlang der Leidensgeschichte seiner Hauptfigur eine historische Engführung von Politik und Ästhetik aufrollt: Das "blacklisting" linksradikaler Umtriebe verdächtigter Filmschaffenden, das in den 1950er Jahren im Zuge der Kommunistenparanoia des frühen Kalten Kriegs zahlreiche Existenzen zerstörte und ideologische Gräben sichtbar werden ließ, die teilweise bis heute nicht geschlossen sind.

Die Probleme des Films beginnen schon mit dem Fokus auf Dalton Trumbo - dargestellt von Bryan Cranston, der einen der theatralischeren Kinoschnurrbärte der letzten Jahre durch den Film trägt und der seine Rolle als eine eher niedliche Variation auf den Drogendealer Walter White in "Breaking Bad" anlegt. Der Schriftsteller und Drehbuchautor ist zwar zweifellos das prominenteste Opfer der blacklist, gleichzeitig aber auch einer von sehr wenigen unter den damals Verfemten, die ihre Karriere nach und (das steht im Mittelpunkt des Films) teilweise sogar während der blacklisting-Periode mit halbwegs vollem Schwung fortsetzen konnten, und die außerdem in der Gegenwart soliden Nachruhm genießen.

Das dramatische Potential des Films, für den sich der Regisseur Jay Roach entschieden hat, leidet unter dieser perspektivischen Verengung: Trumbo hat selbst während seines kurzen Gefängnisaufenthalts stets eine all-american-Musterfamilie im Rücken, die ausschaut, wie aus der Orangensaftwerbung entsprungen (überhaupt sehr teakfarben, der Film ...). Die irgendwann, damit hat sich die Fallhöhe bereits erschöpft, von einer weit ausladenden kalifornischen Ranch in ein immer noch geräumiges Stadthaus umziehen muss. Ein wenig Medikamentenmissbrauch, ein Hauch von Ehekrise, zwei, drei schöne Szenen mit der widerspenstigen Tochter (Elle Fanning) - damit ist Trumbos Privatleben auch schon auserzählt. (Das mag ein leicht zynisches Argument sein, denn selbstverständlich war Trumbos Schicksal schlimm genug, seine Existenzängste real; allerdings hatte ich beim Sehen doch den Eindruck, dass hinter fast jeder Plotabzweigung, die Roach nicht nimmt, ein weitaus interessanterer Film lauert.)

Und das Berufsleben? Trumbo heuert, nachdem sich die Studiotüren hinter ihm geschlossen haben, bei einem von Goodman mit viel Herzblut verkörperten B-Movie-Produzenten an, dem Ideologie gestohlen bleiben kann, solange nur "the money and the pussy" stimmen. Und der die selbsterklärten Patrioten zur Not mit dem Baseballschläger aus seinem Büro vertreibt. Glaubt man dem Film, war die blacklist im Großen und Ganzen ohnehin nur das schrullige Privatvergnügen der antikommunistischen, antisemitischen und wer weiß vielleicht auch frigiden Society-Kolumnistin Hedda Hopper (aufdringlich: Helen Mirren), die den jüdischen Studio-Magnaten ihren eigenen Misserfolg als Schauspielerin heimzahlen wollte. Die Beteiligung von heute noch klingenden Namen wie Disney oder auch nur deMille und Kazan an der Hetzjagd wird strategisch ausgespart. Eigentlich ist das eine noch abstrusere Konstruktion als in dem Coen-Brüder-Film "Hail, Caesar!", der die Geschichte der blacklist jüngst in eine ebenfalls nicht überzeugende, aber wenigstens halbwegs lustvoll drauflos fabuliernde Räuberpistole übersetzte.

Wenn "Trumbo" zwischendurch doch ein wenig Spaß macht, dann als eine Retro-Showbiz-Nummernrevue, deren hier von Peter Bowen zusammengefasste Produktionsgeschichte um einiges spannender ist als der Film selbst. Denn natürlich ist das "as it actually happened", auf das Filme wie dieser stets zielen, ein genau kalkulierter Effekt, und die audiovisuelle Ingenieurskunst, die ihn herstellt, bewundernswert. Die Stars Humphrey Bogart und Lauren Bacall sowie der Politiker Richard Nixon tauchen nur auf historischem Archivmaterial auf; die Schauspieler Kirk Douglas und John Wayne, der Regisseur Otto Preminger und natürlich Trumbo selbst werden dagegen von Schauspielern verkörpert; einmal integriert Roach eine Originalszene des Films "Roman Holiday", die Szene aus dem Film "Spartacus" allerdings, die ebenfalls in "Trumbo" auftaucht, ist aus alten und neu aufgenommenen Elementen amalgamiert; und der John-Wayne-Film "Gung Ho", den die Kommis im Gefängnis zu sehen bekommen, hat historisch genauso wenig existiert wie einige Newsreels, die zwischendurch Zeitkolorit hinzufügen sollen und die vom Filmteam zuerst aus disparatem Material montiert und dann mithilfe von Bildbearbeitungstechniken zwangsgealtert wurden.

Freilich: Wenn man sich schon derart neugierig und ohne bei einem solchen Gegenstand grundfalsche Authentizitätsskrupel in den Steinbruch der Populärkultur begibt, dann sollte eigentlich fast automatisch etwas Interessanteres herauskommen, als eine Verfilmung des Wikipediaartikels "Hollywood blacklist". Aber genau so wirkt der Film: Wie eine schwarmintelligenznivellierte, im Großen glattgebügelte, in Detailfragen allerdings ziemlich ungenaue (das teilt wiederum der Wikipedia-Artikel zu "Trumbo" mit: Edward G. Robinson hat keineswegs, wie von Roach dargestellt, vor dem HUAC "Namen genannt") Nacherzählung einer natürlich trotzdem faszinierenden Episode der amerikanischen Film- und Sozialgeschichte.

Lukas Foerster

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

  

Trumbo
USA 2015 - 124 Min. - Start(D): 10.03.2016 - FSK: ab 6 Jahre - Regie: Jay Roach: Drehbuch - John McNamara, Bruce Cook - Produktion: Kevin Kelly Brown, Monica Levinson, Michael London, Nimitt Mankad, John McNamara, Shivani Rawat, Janice Williams - Kamera: Jim Denault - Schnitt: Alan Baumgarten - Musik: Theodore Shapiro - Darsteller: Bryan Cranston, Michael Stuhlbarg, David Maldonado, John Getz, Diane Lane, Laura Flannery, Helen Mirren, David James Elliott, Toby Nichols, Joseph S. Martino, Madison Wolfe, Jason Bayle, James DuMont, Alan Tudyk, Louis C.K. - Verleih: Paramount Pictures Germany

 

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