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Der Tropfen - Ein Roadmovie

 

Deutschland. Ein Wintermärchen. Irgendwo in der zugeschneiten ostdeutschen Provinz, die immer noch so trostlos verwüstet aussieht, als hätte der Kapitalismus nie gesiegt, strampelt sich ein frustrierter Pizzalieferant vergeblich ab. Was er auch anfasst, will ihm nicht gelingen. Seine demente Mutter lässt er ins Heim abholen, ohne sich von ihr zu verabschieden. Den Vater, der nie Alimente gezahlt hat und in einem Plattenbau von Hartz IV lebt, erschießt er, um an dessen dubiose Geldreserven zu kommen. Einen schwulen Schulfreund, der inzwischen als Anlageberater und aktiver Nazi unterwegs ist, trifft das gleiche Schicksal, da er als Gegenleistung für einen Job Sexdienste als Bezahlung erwartet. Nur ein weiß geflügelter Engel in Kindergestalt weicht nicht von der Seite des zunehmend bedrohlich ins Abseits geratenden Verlierers. Selbst seine Ex-Freundin, die sich mit Haus, Tochter und Mann eine Existenz aufgebaut hat, bleibt nicht verschont. Als sie seine Avancen abweist, präpariert er den Familienwagen und schickt damit statt des Gatten die unwillige Geliebte in den Tod.

Mit den Nerven am Ende, lässt sich der Gestrauchelte an der Bushaltestelle von einer Nonne aufgabeln. Zwei Wochen lang päppelt diese ihn auf, erntet aber nur Wutausbrüche, als der Pfarrer von seinem Seminar zurückkehrt und eine Meldung des Gastes bei der Arbeitsagentur verlangt. Wieder greift sich der Abgewiesene sein klappriges Mofa, wird von Ex-Freunden belogen und betrogen, um schließlich in Berlin einer Bäckereifachverkäuferin zu begegnen, die ihn in ihre WG und ihr Bett aufnimmt. Die Mitbewohnerin im Look einer in die Jahre gekommenen Autonomen durchschaut die Defizite des Fremden, hält ihm seine chronischen Fremdschuldzuweisungen vor und bezahlt ihre Therapiestunde mit einem Schuss in den Kopf, nicht ohne dem werdenden Vater zuvor einen Brief seiner Freundin ausgehändigt zu haben, die zu ihren Eltern geflohen ist.

Das durch Crowdfunding finanzierte Road Movie ist ein für deutsche Verhältnisse seltsames Amalgam aus Märchen, semidokumentarischem Drama, Racheballade und schwarzer Komödie mit ostdeutschem Lokalkolorit. Die Hauptfigur mordet sich nörgelnd an Berliner Symbolbauten wie dem Brandenburger Tor vorbei, unterlegt mit der Musik der Gothic-Band „Deine Lakaien“, durch ihren deprimierend ausweglosen Alltag, ohne dass die Taten jemals strafrechtlich verfolgt würden. Eine atmosphärisch mitunter durchaus ergreifende Bestandsaufnahme ostdeutscher Befindlichkeiten 25 Jahre nach dem Mauerfall, die aber insgesamt an ihrer allzu improvisiert-unbeholfenen Machart krankt.

Alexandra Wach

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-Dienst 5/2014 

 

Der Tropfen - Ein Roadmovie
Deutschland 2014 - Produktionsfirma: Vorwärts Films - Regie: Matthias Kubusch, Robert von Wroblewsky - Produktion: Matthias Kubusch, Robert von Wroblewsky, Pierre Sanoussi-Bliss - Buch: Matthias Kubusch, Robert von Wroblewsky - Kamera: Christoph Kanter - Schnitt: Robert von Wroblewsky - Darsteller: Franziska Troegner (Schwester Marina), Harald Schrott (Andreas), David Emig (Rainer Bender), Winnie Böwe (Sabine Haberlein), Cornelia Lippert (Inge), Kaan Satik (Marlene), Pascal von Wroblewsky (Mireille Adie), Matthias Freihof (Pfarrer), Werner Dähn (Verfassungsschützer), Hans Brückner (Verfassungsschützer), Pierre Sanoussi-Bliss (Fossy), Walfriede Schmitt (Roswitha Bender), Fee Schnittker (Rainers Schutzengel), Florian Martens (Rainers Vater) - Länge: 113 Minuten - Verleih: AV Visionen - Kinostart(D): 06.03.2014

 

 

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