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The Tribe

 

 In "The Tribe" beschreibt Miroslav Slaboshpytskiy die gemeinschaftliche Einschwörung auf die Horde in einem Internat für Gehörlose.

Körperkino. Ein Begriff, der üblicherweise einen Distanzverlust markiert: Der Körper auf der Leinwand als Spektakel, als Schauplatz ungeahnter Einwirkungen und Kräfte, was wiederum die Körper im Publikum affiziert. Doch Myroslav Slaboshpytskiys "The Tribe", zweifellos ein Körperkino-Film, schert aus: In dieser Geschichte um eine vernachlässigte Meute gehörloser Internatsschüler, die in einer verwahrlosten Sphäre weit jenseits von Rechtsstaatlichkeit und funktionierender Zivilgesellschaft erst Passanten ausrauben, dann ihre Freundinnen auf den Strich zwingen und sich nach Innen durch einen rigorosen Unterwerfungscodex auszeichnen, ist der Körper nicht nur aus Kommunikationsgründen expressiver in Szene gesetzt als in anderen sozialen Milieus oder eben Filmen - auch die Figuren sind geradezu auf diesen Körper reduziert. Er ist nicht nur das Mittel und Ort des primären Erlebens sozialer Interaktion, vielmehr scheint die ganze Welt allein um ihn herum zusammenzuschnurren.

Auch deshalb gibt es kaum so etwas wie Privatheit und Zurückgezogenheit in dieser Erzählwelt aus Internatsgängen, Gruppenzimmern, endlosen LKW-Parkplätzen, wo man den Truckern nachts die Mädchen andient. Als sich einer der Jungs in ein Mädchen aus der Clique verliebt, findet der erste, mechanisch-leidenschaftslose Sex in einem trüben Heizungskeller als offenbar letztem Rückzugsort statt. Der Rest ist existenziell: Die Grenze zwischen wild gestikuliertem Dialog und gewalttätigem Übergriff ist nicht immer auszumachen, wenn die Kids in Rage geraten. Daneben ziehen sie sich aus und an, prügeln sich und lungern raumgreifend herum. Körper, die sich in der Aktion ihres Daseins versichern. Jenseits-Orte gibt es kaum: Italien taucht einmal für einen kurzen Moment als utopischer Fluchtpunkt auf - aber auch nur weil die Mädchen gewinnbringend dorthin verkauft werden sollen.

Andererseits ist das kein übergriffig-affizierendes Kino. Die Kamera (Valentyn Vasyanovych) ist gefangen zwischen starrem Tableau in der Totalen (man darf und soll wohl auch an Ulrich Seidl denken - ein ästhetischer Verwandter im deutschen Gegenwartskino wäre Jan Soldat) und geschmeidigen, neugierig-folgsamen Bewegungen, sobald die Figuren in Gang kommen. Wobei auch hier die Distanz strikt gewahrt bleibt: Selten, dass man die Leute im Anschnitt sieht. Die Kamera hält Abstand, ermöglicht einen Reflexionsraum, der nötig ist, um ein Verhältnis zu entwickeln. Einen frei wandernden Blick ermöglicht das gerade nicht: "The Tribe" fordert ein punktuelles Sehen, da das Ohr für die Dialogebene nicht einfach mitlaufen kann, sondern sich dieser ebenso visuell vermittelt. Untertitel, Voice-Over oder ähnliche Einschübe gibt es keine - Gesten, die man nicht gesehen hat, sind fürs Verständnis des Films verloren.

Nicht, dass "The Tribe" ein Stummfilm wäre. Schon im ersten Bild, eine Situation im Straßenverkehr, ist der Atmo-Ton fast schmerzhaft deutlich präsent. Auch im Folgenden bilden der quietschende Laminatboden, die Luftschläge bei den dialogischen oder auch Drohgebärden, das wütende Hauchen der Figuren und das reibende Knarzen der Kleidung eine sehr eigene klangliche, haptische Textur. Vielleicht ist das auch nur der Effekt, der gerne dem Sinnverlust nachgesagt wird: Geht ein Sinn verloren, verstärkt sich dafür ein anderer. Wo Stimme und Sprache als Ausdrucksmittel fehlen, erregt das Geräusch umso mehr Aufmerksamkeit.

All dies ergibt eine einzigartige Fremderfahrung, die sicherlich zuweilen etwas marktschreierisch vermittelt wird - "The Tribe" hat als "The Gehörlosen-Film to see" seit seiner Uraufführung in Cannes 2014 einen beeindruckenden Festivalbuzz um sich generiert -, im wesentlichen aber intakt bleibt. Dass Slaboshpytskiy kein pädagogisches Projekt im Sinn hat, kommt dem zupass: Weder geht es dem Regisseur um fad sozialpädagogische "Heute mal in die Haut eines anderen schlüpfen und die Welt ganz anders erleben"-Folklore, noch schert er sich in irgendeiner Hinsicht darum, die Alltagsprobleme von Gehörlosen aufklärerisch in Szene zu setzen. Schon gar nicht geht es um Behinderten-Kitsch der Marke "Forrest Gump", der Menschen mit Handicap das berühmte Herz aus Gold attestiert. Trotz seiner inszenatorischen Ruhe entwickelt "The Tribe" vielmehr einiges an Wucht: Er erzählt von einer individuellen Verrohung in jenen wirtschaftlich peripheren Nischen, in denen gesellschaftliche Zivilisierung porös geworden ist und durch eine gemeinschaftliche Einschwörung auf die Horde ersetzt wird - eine quasi-postapokalyptische Geschichte der Entindividuierung, vom Einzelnen zum Stamm.

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

 

 
The Tribe
Ukraine, Niederlande 2014 - 132 Min. - Kinostart(D): 15.10.2015 - FSK: ab 16 Jahre - Regie: Miroslav Slaboshpitsky - Drehbuch: Miroslav Slaboshpitsky - Produktion: Miroslav Slaboshpitsky - Kamera: Valentyn Vasyanovych - Schnitt: Valentyn Vasyanovych - Darsteller: Grigoriy Fesenko, Yana Novikova, Rosa Babiy, Alexander Dsiadevich, Yaroslav Biletskiy, Ivan Tishko, Alexander Osadchiy, Alexander Sidelnikov, Alexander Panivan - Verleih: Rapid Eye Movies

 

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