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The Tree

 

In Julie Bertucellis Australien-Ausflug "The Tree" wird ein Baum zur Metapher für einen verstorbenen Mann und Charlotte Gainsbourg richtet sich mit ihrer Tochter ein - in Metapher und Baum.

 

Auf Terence Mallicks neuen Film "The Tree of Life", der sich jetzt, ein Jahr später, dem endgültigen Release anzunähern scheint, wartete man in Cannes 2010 noch vergeblich. Abfinden musste man sich statt dessen mit Julie Bertucellis handelsüblichem Arthaus-Gewächs "The Tree" als Abschlussfilm des Festivals.Die französische Regisseurin zog es für ihren zweiten langen Spielfilm nach Australien. Gleich ein ganzes Haus wird am Filmanfang über pittoreske Landstraßen gekarrt, an deren Seiten die cinemascopebreite Leinwand endlose Hügel und Wiesen ausbreitet. Die Häuser stehen in den spärlich besiedelten australischen Weiten auf Stelzen, sie wirken auf den ersten Blick wie Provisorien, eher wie Besucher denn wie Festungen, die der Mensch in und gegen die Natur setzt.

Es geht dann aber doch erst einmal um Verwurzelungen. Charlotte Gainsbourg - die vermutlich ganz froh ist, dass sie zwischen zwei Lars-von-Trier-Assignments hier eine ruhigere Kugel schieben und ein entspannteres Verhältnis zu Mitmenschen, Flora und Fauna pflegen kann - wohnt in einem dieser Stelzenhäuser und muss die O'Neill-Sippe zusammenhalten, nachdem das Herz ihres Mannes aus heiterem Himmel mitten auf der Straße zu schlagen aufgehört hat. Sobald Gainsbourgs Dawn O’Neill den ersten Schock und die ersten Nervenzusammenbrüche in der Küche überwunden hat, scheint es mit ihr und ihren vier Kindern wieder aufwärts zu gehen. Doch die Rekonvaleszenz geht einher mit einer zunehmend pathologischen Fixierung auf einen gigantischen, äußerst fotogenen Feigenbaum, der neben dem Haus wächst.

Bis direkt an den Stamm dieses weit ausladenden Baums war das Auto des Ehemanns nach dessen Herzversagen noch gerollt. Im Laufe des Films beginnen sowohl Dawn als auch ihre bilderbuchblonde und bilderbuchsture Tochter Simone die Pflanze mit dem verstorbenen Gemahl / Vater zu identifizieren. Immer öfter ziehen sich beide zurück in die rauschende Soundscape des Baums und führen intime Zwiegespräche mit dem imaginären Gegenüber. Man kann dem Film zugute halten, dass er auf esoterischen, seelenwandlerischen Unfug und aufdringlichen Familienkitsch zugunsten eines weitgehend realistisch anmutenden Familiendramas verzichtet. Freilich zugunsten eines Familiendramas, das von einer aufdringlichen Metapher überwuchert wird. Der Baum nämlich ist zwar nicht der Vater, aber er steht für die Erinnerung an den Vater und als solche beginnt er die Familie zu dominieren, er drängt sich ganz buchstäblich in ihr Leben. Äste brechen in das Haus ein, die riesigen Wurzeln bedrohen Wasserleitungen, auch eine vorsichtig begonnene neue Beziehung Dawns scheitert an dem grünen Giganten. Theoretisch ist das eine nette Konstruktion. Ob die Welt allerdings einen Film braucht, dessen Ambitionen sich darauf beschränken, eine solche nette - und gleichzeitig reichlich beliebige - Konstruktion über gute eineinhalb Stunden geschmackvoll, den Regeln und Klischees des besseren Arthauskinos gemäß aufzubereiten, steht auf einem anderen Blatt.

Lukas Foerster

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

The Tree
Frankreich / Australien / Deutschland / Italien 2010 - Originaltitel: L'Arbre - Regie: Julie Bertucelli - Darsteller: Charlotte Gainsbourg, Marton Csokas, Morgana Davies, Christian Byers, Tom Russell, Gabriel Gotting - FSK: ab 6 - Länge: 92 min. - Start: 3.3.2011

 

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