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Transsibirian

Towarisch Übelkrähe

 

Durch Eis und Schnee des finstersten Ostens und einen haasträubenden Plot jagt der Eisenbahn-Thriller "Transsiberian" Emily Mortimer, Ben Kingsley und Woody Harrelson.

 

Ganz tief hinten im Osten beginnt wie im stinkenden Rachen eines zottigen Untiers der Film. Zwei Paare lernen einander kennen im Abteil der Transsibirischen Eisenbahn.  Das eine Paar: Zwei Christen. Roy (Woody Harrelson) ist ein braver Mann und Jessie (Emily Mortimer) seine nicht so brave Frau mit Vergangenheit. Carlos (Eduardo Noriega) ist ein Womanizer, der aber nicht ist, wer er scheint. Seine Freundin Abby (Kate Mara) ist jung und weiß nicht, worauf sie sich einlässt. Erste Eindrücke täuschen. In küchenphilosophischen Gesprächen über Gott, das Leben und den ganzen Rest kommt man sich auf Bahnsteigen und im Wald und in einer verfallenen Kirche nahe, näher und zu nah.

 

Vom tiefen Osten nach Westen bewegt sich der Film. Die Transsibirische Eisenbahn fährt durch Schnee und Kälte und Eis. Im Abteil und auch außerhalb lernen die zwei Paare einander besser kennen, als ihnen lieb ist. Ja, es ist der reine Swinger-Club des Seelenverkehrs. Man spricht, man schweigt, man wirft verstohlene Blicke, die die Kamera, der nichts Unsubtiles fremd ist, zur Überdeutlichkeit vergrößert. Inszeniert werden Parallelbewegungen: Der Zug fährt gen Westen, die Seelen werden entblößt. Dunkle Vergangenheiten holen dunklere Gegenwarten ein. Als Hintergrundaktion, die den Doppelpaarplot begleitet, gibt es eine Russen-Drogen-Mafia-Dunkelmänner-Geschichte. Tief in ihr drin: Kein anderer als Ben Kingsley, der seine Rolle nach Hause telefoniert. Erst findet er eine Leiche mit Messer im Hals. Dann verschwindet er von der Bildfläche. Dann kehrt er auf die Bildfläche zurück. Er lässt foltern. Er steckt mit dem Bösen unter einer Decke. Er ist der stinkende Atem aus dem Rachen des zottigen Untiers mit Namen Mütterchen Russland. Am Ende verschwindet er im Wald. Da ist der Zug dann abgefahren.

 

Komplikationen. Roy steigt einmal aus und nicht wieder ein. Dadurch kommt es zu Aufenthalten mit Todesfolge. Matrjoschkas sind nicht, was sie scheinen. Es setzt Schläge auf den Kopf. Jessie eilt durch den Zug, eilt durch den Wald, eilt durch dunkel gefilterte Seelenlandschaften. An Mord und an Totschlag fehlt es nicht. An Zurückhaltung schon, auf allen Ebenen. "Transsiberian" ist ein Film mit Attention Deficit Hyperactivity Disorder, verbunden mit Größenwahn. Man darf sich sicher sein, dass Brad Anderson, Autor und Regisseur, irgendwie Hitchcock im Sinn hatte. Nur dass er alles, was an Hitchcock-Filmen unwichtig ist, wichtig nimmt: Plot, Psychologie, Gewalt und Haudrauf; und von allem, das Hitchcock so meisterlich beherrscht, keine Ahnung hat: Rhythmus, Ironie, Genauigkeit im Detail, Zurückhaltung im rechten Moment. (Lektion: Nicht aus allen, die sich maßlos übertreibend an Hitchcock abarbeiten, wird ein Brian De Palma.)

 

Der Film fährt mit dem Zug in den Westen. Er steigt ein, er steigt aus. Er macht einen Abzweig in einen Hangar, in dem wie in den neusten Slasher-Filmen a la "Hostel" eine Frau blutig geschlitzt wird. Anderson schmeißt, kurz gesagt, mit allem, was er zu greifen kriegt, nach dem Zuschauer: Verfolgungsjagd, Gewalt, böse Männer, ein steuerloser Zug, Heroinpuppen. Und Russlandklischees. Der Osten: ein finsterer Imaginationsraum. Restlos opfert "Transsiberian" seinen Verstand in der Kirche des Vorurteils. Der Osten: Hic sunt Towarisch Übelkrähe und Co. Der Kamermann filtert Recht und Gesetz aus dem Bild. Am Himmel kreist der Vogel des Bösen. Auf Erden stapft der Kahlkopf der Korruption. Und auf der Leinwand ist ein Film nicht ganz dicht.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen am 10.12.2008 in: www.perlentaucher.de

 

 

Transsiberian

Großbritannien/Deutschland/Spanien 2007 - Regie: Brad Anderson - Darsteller: Woody Harrelson, Emily Mortimer, Kate Mara, Eduardo Noriega, Ben Kingsley, Thomas Kretschmann, Etienne Chicot, Mac McDonald Start(D): 11.12.2008

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