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Transformers 3

 

 

Ob es einem gefällt oder nicht: Die "Transformers"-Filme sind so sehr die Gegenwart des Kinos wie wenig anderes. Michael Bay, der Mann, der es wie kein zweiter versteht, Kampfhubschrauber zu fetischisieren (und der, das darf man durchaus anerkennen, einer der wenigen Regisseure im Mainstreamkino ist, dessen Filme man auf den ersten Blick erkennt), sein milliardenschwerer Produzent Steven Spielberg, der Jungstar Shia LaBeouf als inzwischen nicht mehr ganz jugendlicher Held Sam Witwicky, im Hintergrund der Spielzeuggigant Hasbro: Gegen diese Konstellation werden vermutlich auch 2011 die restlichen Filme des Sommers wenig auszurichten können.

In gewisser Weise ist "Transformers 3" noch totalitärer in seinem Gestus als die Vorgänger. Waren diese noch ganz der Gegenwart verhaftet (Teil 2 dürfte der erste Blockbuster gewesen sein, der Barack Obama namentlich erwähnte), wird jetzt potentiell auch die Geschichte zum Bayschen Spezialeffekt. Selbstverständlich nur in Gestalt ihrer ikonischen Momentaufnahmen: Die Mondlandung war Ausgangspunkt eines Komplotts der Decepticons (die bad guys des Franchise), beim Kennedy-Attentat hatten sie ihre Finger im Spiel (die grobkörnige Ästhetik des Zapruder-Films wird für einen Moment aufgerufen und vor dem alles vereinnahmenden, alles gleichmachenden Film rückstandslos absorbiert), genauso wie bei der Tschernobyl-Katastrophe. Einer der Decepticons räumt im Lincoln-Memorial die Statue des früheren Präsidenten beiseite und setzt sich an dessen Stelle. Alles muss Transformers werden.

"Transformers 3", ein Hoffnungsträger Hollywoods in einem bisher in ökonomischer Hinsicht verheerenden Kinojahr, soll auch der 3D-Technologie, die nach der Prognose einiger Beobachter ihre besten Tage bereits wieder hinter sich hat, noch einmal neuen Schwung verschaffen. Obwohl er es sich nicht nehmen lässt, sich in einer Sequenz Camerons "Avatar" anzueignen (statt Fabelwesen, die durch die Fantasiewelt Pandora gleiten, fliegen jetzt Fallschirmjäger durch die Skyline Chicagos), holt auch Michael Bay nicht allzu viel aus der Technik heraus; die erzeugt bestenfalls einen reliefartigen Effekt, aber nie die Illusion realer Raumtiefe. Auch "Transformers 3" ist ein zweidimensional gedachter Film, die neue Technik hat eher den paradoxen Effekt, den Film zumindest in formaler Hinsicht wieder klassischeren Formen des Actionkinos anzugleichen. Insbesondere der zweite Teil wirkte über weite Strecken wie ein glänzendes, lärmendes, sich andauernd um sich selbst drehendes, in sich selbst transformierendes, dabei allerdings wie ein Screensaver im Grunde statisches Monstrum von einem Film, das weder narrative Strukturierung noch auch nur eine basale Orientierung zulässt.

Der neue Film ist gerade in seinen - beeindruckenden - Actionsequenzen deutlich übersichtlicher geraten, womöglich, weil die 3D-Effekte bei hoher Schnittfrequenz und chaotischen Kamerabewegungen kaum zur Geltung kommen würden. "Transformers 3" verfügt wieder über ein Mindestmaß an raum-zeitlicher Kohärenz, was zur Folge hat, dass der Zuschauer nicht gleich von Anfang an außen vor bleiben muss. In technischer Hinsicht ist dieser neue Film Bays beste Arbeit, gerade in der Art, wie die wuchtigen Bewegungsbilder immer wieder von stilisierten Zeitlupenaufnahmen aufgebrochen werden. Insbesondere eine ausführliche Sequenz, in der Sam und seine Mitstreiter in einem langsam zusammenbrechenden Hochhaus gegen die Kampfroboter antreten, ist ein Meisterstück des modernen Actionkinos.

Die "Transformers"-Filme sind, noch mehr als andere Blockbuster, bei aller stilistischer und ideologischer Normierung keine geschlossenen Texte, sondern sich selbst entgrenzende Selbstbedienungsläden. Neben den beiden Hauptfiguren gibt es in allen drei Teilen als alternative Identifikationsfiguren (aber identifiziert man - und erst recht: frau - sich in einem Film wie "Transformers 3" überhaupt noch mit Figuren? Nicht eher: mit der Welt des Films insgesamt? Mit ihrem Style?) die Marines Epps und Lennox - die beiden großspurigen, ausgestellt unreflektierten Soldaten sind nebenbei bemerkt ohnehin die "logischen" Michael-Bay-Protagonisten, der nerdige Sam Witwicky ist im Grunde eher eine Spielbergfigur, einer dieser selbst-beim-Sex-mit-Supermodels-noch-die-Socken-Anbehalter. Daneben gibt es ein ganzes Panorama menschlicher und mechanischer Nebenfiguren, die meisten von ihnen sind zuständig für comic relief. Der Film wechselt im Minutentakt von denkbar unsubtiler Slapstick-Komik zur düster glänzenden Science-Fiction-Dystopie, vom Verschwörungsthriller zu martialischen Kriegsfilmbildern.

Nicht mehr mit von der Partie ist einzig Megan Fox, Sam Wirwickys Flamme aus den ersten beiden Teilen. Die hatte den Regisseur in Interviews mit Hitler verglichen, das ließ der nicht auf sich sitzen, den Platz an der Seite des Helden (die Beziehung wird einfach vorausgesetzt, da wird niemand umworben oder gar auch einmal zurückgewiesen) übernimmt nun das britische Model Rosie Huntington Whiteley. Der Westentaschen-Chauvinist Bay führt seine neue Protagonistin mit einem Kamerablick unter ihr kurzes Kleid ins Franchise ein, später setzt er sie in einer der dämlichsten Filmszenen, die dieses Jahr über die Leinwände flirren dürften, mit einem aufgestylten Sportwagen gleich. Sie bekommt dann zugegebenermaßen doch noch etwas mehr zu tun, steht nicht die ganze Zeit über mit ihren freilich schon ständig lasziv halbgeöffneten, aufgespritzten Lippen als ein mit Autos, Militärzeug und Kampfrobotern konkurrierendes Blickobjekt im Film herum; der schönste Rosie-Moment ist aber doch eine Stillstellung:

Durch die 3D-Technologie leicht aus dem Film gehoben steht sie im Finale einmal einfach nur da, sanft getrennt vom Glitzern und Krachen im unscharfen Hintergrund, nur ihr Haar wird von einem Windstoß erfasst. Woher kommt der Wind? Hat die so hermetisch anmutende "Transformers"-Welt vielleicht doch ein Außen?

Lukas Foerster

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

Transformers 3
USA 2011 - Originaltitel: Transformers: Dark of the Moon - Regie: Michael Bay - Darsteller: Shia LaBeouf, Rosie Huntington-Whiteley, Patrick Dempsey, Josh Duhamel, Tyrese Gibson, John Turturro, Kevin Dunn, Julie White - FSK: ab 12 - Länge: 155 min. - Start: 29.6.2011

 

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