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Trance

Danny Boyles Thriller "Trance" zelebriert mit einigem Stilwillen aseptische Obsessionen.

"Rembrandt is in the painting", meint Simon (James McAvoy) anfangs. Im 1990 gestohlenen Gemälde "Christus im Sturm auf dem See Genezareth" macht er, gemeinsam mit der Filmkamera, den Maler ausfindig, wie er auf dem von ihm selbst gezeichneten Schiff steht und den Betrachter anblickt. Dass es im Film im Weiteren um den Diebstahl eines ganz anderen Bildes, nämlich eines weit weniger genau inspizierten und interpretierten Goya-Meisterwerks, geht, ist nur eine von vielen Irritationen, die Danny Boyles neuer Film "Trance" aufwirft, ohne, dass man jeweils wüsste, ob da nun System dahintersteckt, oder ein missratenes Drehbuchlektorat. Simon, der zunächst über Autorenschaft und ihre Repräsentation sinniert, ist jedenfalls Teil des Wachschutzes eines Museums - und, wie sich bald herausstellt, gleichzeitig Teil einer Diebesbande, die im selben Museum einen Coup plant. Der verläuft zuerst nach Plan, allerdings stellt sich hinterher heraus, dass Simon seinen Mitstreitern, scheinbar ohne selbst zu wissen, wie das passieren konnte, einen Bilderrahmen ohne Inhalt angedreht hat. Der Goya selbst bleibt verschwunden. Die Suche führt in Simons Kopf hinein: Eine amerikanische Psychologin namens Elizabeth (Rosario Dawson) soll die Blockade im Gedächtnis des Diebes lösen, per Hypnose.

Vermutlich möchte Boyle, dass man die Inhaltsangabe an dieser Stelle so fortsetzt: "Aber Elizabeth findet in Simons Kopf mehr, als allen Beteiligten lieb ist und die Ereignisse geraten außer Kontrolle". Das wäre vorderhand richtig, dann aber auch wieder grundfalsch. Denn es ist gerade das Nebeneinander von ausgestelltem Kontrollverlust und gleichzeitiger, ungehemmter Kontrolllust, das diesen eigentlich gründlich gegen die Wand gefahrenen Film immerhin interessant macht. Pate standen wohl ursprünglich die abgründigen, obsessiven Thriller Alfred Hitchcocks und Brian de Palmas. Wenn sich "Trance" komplett anders anfühlt als diese Vorbilder, dann liegt das vielleicht an der speziellen Form von Obsessivität, die Boyle vorführt. Werke wie Hitchcocks "Marnie" oder de Palmas "Femme Fatale" handeln von Obsessionen, die ihren Ursprung nominell in einer fiktionalen Figur haben mögen, die aber schnell auf den gesamten Film übergreifen und ihn gründlich aus dem Gleichgewicht bringen: infektiöse Obsessionen sind das, die die Kohärenz der klassischen Dramaturgie zersetzen und sich in extravaganten, in jeder Hinsicht unverhältnismäßigen set pieces ausagieren.

Boyles Obsessionen bleiben dagegen steril, aseptisch (nicht umsonst heftet sich eine von ihnen an die weibliche Schamhaarrasur), haben klar definierbare Grenzen, werden nicht übergriffig: "Trance" ergibt handlungstechnisch noch weniger Sinn als die durchgeknalltesten De-Palma-Filme, schnurrt jedoch stets fleißig vor sich hin, eilt atemlos von einer absurden Plotwendung zur nächsten. Angetrieben wird der Film von aufdringlichen elektronischen Beats, die Rick Smith zusammengebaut hat, der seinerseits eine Hälfte des Elektronic-Duos Underworld ist und schon bei "Trainspotting" mit Boyle zusammengearbeitet hatte. Die typisch-stumpfe Wucht des Underworld-Sounds läuft im neuen Film allerdings auf seltsame Art ins Leere.

Der Wille zur Stilisierung jeder einzelnen Einstellung ist unverkennbar; das beginnt bei erratisch ausgewählten Bildausschnitten und endet noch lange nicht bei der absurd überdimensionierten Inneneinrichtung, die das Leben in jenem corporate London, in dem der Film spielt, zu dominieren scheint (der öffentliche Raum zerrinnt einem unter den Fingern, der private bekommt etwas derart Monströses, dass man sich fast schon im eigenen Appartement zu verlaufen droht). Ein Film wie eine Serie von Fetischbildern, denen das Fetischobjekt abhanden gekommen ist: Die gülden leuchtende Illumination, die sich in der Eingangsszene über den Protagonisten legt, woher kommt die? In der gleichermaßen digitalisierten und säkularisierten Welt von "Trance" kann sie eigentlich weder physischen noch metaphysischen Ursprungs sein. Vielleicht schaut in solchen Momenten Boyle aus seinem Film heraus, wie Rembrandt aus seinem Bild: eine Inskription von Autorenschaft in das Werk, die in diesem Fall allerdings zur leeren grafischen Geste verkommt.

Passend dazu dieser Protagonist selbst, die wandelnde Leerstelle im Zentrum des Films; auch de Palma hat eine Vorliebe für Schauspieler, die auf den ersten Blich etwas bland, charakterlos rüberkommen. Aber bei aller Milchbubihaftigkeit sind sie doch alle, von John Travolta über Craig Wasson bis Antonio Banderas, neugierig und mit eher dümmlichem Grinsen der Welt zugewandt. James McAvoy wirkt dagegen wie ein verstockter Junge, der alles, was sich außerhalb seiner eigenen kleinen Welt befindet, bestenfalls als Schattenspiel erlebt, das sich auf einer transparenten Wand abzeichnet (wie in einer der interessantesten Einstellungen des Films). Der Rest des Casts, allen voran ein etwas zu souveräner Vincent Cassel und eine nuanciert agierende Rosario Dawson - deren in einer Szene äußerst freizügiges Auftreten für einen kleinen Skandal gut war; Boyle filmt die entsprechende Einstellung allerdings mit derselben slicken Indifferenz wie den gesamten restlichen Film -, versucht mit fast schon sozialarbeiterischer Geduld, diese weiche, zurückweichenden Gesichtszüge auf irgendetwas festzulegen; und sei es nur auf den in allen Figuren verborgenen Zynismus. Das Problem an der Sache ist, dass ihnen das schließlich tatsächlich gelingt.

Seine offensichtlichen Vorbilder verfehlt der Film nicht aufgrund seiner allerdings unübersehbaren Unterlegenheit in Sachen filmischer Intelligenz, sondern aufgrund eines grundsätzlich anderen Menschenbilds (die Differenz entspricht nicht vollständig, aber der Tendenz nach der zwischen der freudolacanianischen Psychoanalyse und rein funktional orientierten kognitivistischen Modellen). Bei Hitchcock und seinem besten Hermeneuten de Palma bleibt die Psyche jedes einzelnen Menschen ein Fass ohne Boden, eine undurchsichtige Gemengelage, der man höchtens einzelne, bizarre Splitter entlocken und dann wie Exponate einer Ausstellung isoliert vorführen kann. Für "Trance" ist Innerlichkeit dagegen etwas, das man, ähnlich wie in "Inception" von Christopher Nolan, einem Boyle ideologisch deutlich näher stehenden Regisseur, erkunden und umgestalten kann wie ein Bauwerk. Eine Psychose resultiert nicht mehr in einem, in letzter Instanz unwiderruflichen, Bruch mit dem Realitätsprinzip, sondern lediglich in einem etwas barocker ausgeformten Bauwerk.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 

Trance

(Trance - Gefährliche Erinnerung) - Großbritannien 2013 - 101 Minuten - Start(D): 08.08.2013 - FSK: ab 16 Jahre - Regie: Danny Boyle - Drehbuch: Joe Ahearne, John Hodge - Produktion: Danny Boyle, Christian Colson - Kamera: Anthony Dod Mantle - Schnitt: Jon Harris - Darsteller: James McAvoy, Rosario Dawson, Vincent Cassel, Tuppence Middleton, Danny Sapani

 

 

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