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Swans

 

 

 

 

Nichtkanalisierte Energien

In "Tournee" begleitet ein enthusiastischer Mathieu Amalric als Regisseur und Hauptdarsteller amerikanische Burlesque-Tänzerinnen auf ihrem Weg durch die französische Provinz.

Eine Gruppe von Amerikanerinnen mittleren Alters, größtenteils wohlgenährt, zieht durch die französische Provinz. Die Frauen (verkörpert von Schauspielerinnen, die auch im echten Leben Burlesque-Tänzerinnen sind), möchten selbstbestimmt tanzen, leben und lieben und sie fordern dies immer wieder lautstark ein: "Es ist unsere Show - nicht Deine!". Das geht an die Adresse von Joachim Zand (Mathieu Amalric), einem Kulturimpressario, der den Damen das Ticket für die Reise nach Frankreich bezahlt hat und nun versucht, die Rundreise einer Show zu managen, von deren Stars er immer wieder zu hören bekommt, dass er keine Ansprüche an sie geltend machen kann, weder als Mann noch als Arbeitgeber. Joachim Zand hat schon körperlich einen schweren Stand gegen die robusten, willensstarken Damen: ein nervöser, schlanker Typ, schon irgendwie charmant, aber durch und durch unsouverän, einer, der sich in alles, was er macht, in jeden Tag, in jede Begegnung, in jedes Gespräch, mit Haut und Haaren hineinwirft, ohne Rückversicherung, die einzige Form der Distanzierung sein ewiges, unsicheres, etwas entrücktes Lächeln.

Eine Tournee durch Frankreich beschreibt der Film, aber eine, die sich am Rand des Landes entlang bewegt. Zand macht sich irgendwann in Richtung Hauptstadt auf (auf dem Weg dahin, eine der schönsten Szenen des Films, ein flüchtiger Flirt mit einer Tankstellenbedienung), seine Schützlinge bleiben in der Provinz, während er versucht, seine Familienangelegenheiten zu managen, auch das aus einer alles andere als souveränen Position heraus. Die Ex-Frau, die ihre Brüste amputieren lassen musste (aber ihr bleibt noch ihr Arsch), der Bruder, der vor allem Kontrahent ist, der hysterische Vater, der einer griechischen Tragödie entstiegen scheint, die beiden Söhne, deren Geburtsjahre er sich nicht merken kann; wirklich zu Hause ist Joachim Zand in ihrer Mitte nicht, aber irgendwie muss man miteinander klar kommen: Direkt nach einem besonders wüsten Streit mit dem Bruder stellt er sich neben ihn an die Bar, als sei nichts gewesen und bestellt einen Whiskey. Und die Söhne nimmt er schließlich mit zu seinen Tänzerinnen.

Mathieu Amalric übernimmt nicht nur die Hauptrolle, er führt auch Regie. Und gelegentlich kommt es einem so vor, als habe der Regisseur Amalric zu seinem Film ein ähnliches Verhältnis wie Zand zu seiner Burlesque-Show: nicht das eines Chefs, der ordnet und anordnet, eher das eines halbprofessionellen Enthusiasten, der Energien zwar bündelt, aber nicht kanalisiert, weil er ständig selbst von ihnen mitgerissen wird.

Der Film springt unvermittelt von Szene zu Szene, von Stimmung zu Stimmung, Figuren tauchen plötzlich auf und sind ebenso plötzlich wieder weg, kippen aus dem vorwärts drängenden Film, als könnten sie den Fliehkräften der um Paris kreisenden Tournee nicht widerstehen. In der Hotellobby reden manche französisch, manche englisch und alle durcheinander, nicht jeder versteht jeden, einer sorgt sich um seine Uniform, aber die Crew zieht weiter. Im Zug ein kurzer Blick aus dem Fenster, auf die vorbeiziehende Landschaft, die dem Film äußerlich bleibt, dann klingelt schon wieder das Handy, der Zug fährt in einen Tunnel, für ein paar Sekunden bleibt das Bild ganz schwarz, trotzdem muss der nächste Gig organisiert werden. Der Film funktioniert wie der Fernseher in der übernächsten Hotelbar: der läuft einfach immer weiter und zwar mit voller Lautstärke, dafür ist er konstruiert und Amalric kann dagegen nichts ausrichten, egal, wie lange er mit dem Hotelpagen streitet.

Die Burlesque-Auftritte selbst, die in diesem an continuity nicht allzu sehr interessierten Film immer wieder eingeschoben werden wie als zusätzliche Einheizer, haben mit dem Plot wenig am Hut, sind sich selbst Schauwert genug und tatsächlich auch wundervoll vulgär. Eine Blondine im Stars-‘n-Stripes-Bikini verspeist Dollarscheine, eine andere fingert sich mit einer künstlichen Hand, der einzige männliche Tänzer der Truppe, der im Film sonst eher untergeht, hat einen großartigen Auftritt als Ludwig XIV. und legt einen königlichen Strip hin.

Ob die sprunghafte Ästhetik auf einen tatsächlichen Kontrollverlust am Set zurückzuführen ist, oder - deutlich wahrscheinlicher - als Effekt minutiöser Planung entstand, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass "Tournee" die offene Form dazu nutzt, die Eigenarten, den Eigensinn, die Körperlichkeit der Darstellerinnen in einer Art zur Geltung kommen zu lassen, wie dies in engmaschigeren Filmen kaum möglich gewesen wäre. Die energiegeladenen Tänzerinnen treten nicht nur Joachim Zand, sondern dem ganzen Film entgegen als eigensinnige Subjekte, die sich nichts vorschreiben lassen.

Fast schon programmatisch ist "Tournee" kein Film über Ausbeutung und Voyeurismus, in gewisser Weise ein Gegenbild zu Paul Verhoevens "Showgirls", wo Frauenkörper zugerichtet, Brustwarzen mit Eiswürfeln gestählt wurden. Ein naives, postsexistisches Märchen erzählt Amalric deswegen noch lange nicht; die Selbstermächtigung der Tänzerinnen mündet nicht  - wie zuletzt im dämlichen Christina-Aguilera-Vehikel "Burlesque" - in der systemkonformen Utopie des profitablen Kleinunternehmens, sondern in einer durch und durch prekären Existenz. Ein griffiger Slogan ("the new Burlesque: women doing shows for women”) ergibt noch kein Geschäftsmodell, noch nicht einmal einen Modus der Kommunikation. Wie die Landschaft spielt auch das Publikum im Film keine Rolle, kaum einmal taucht es im Bild auf und wenn doch, dann bleibt es im Unschärfebereich. Nur einmal im Supermarkt spricht eine Kassiererin, die die Show gesehen hat, eine der Tänzerinnen und den Manager an, aber die Begegnung geht gründlich schief und endet im Eklat. Selbstbild und Projektion passen nicht zusammen, der Überschlag von der Bühne ins Leben misslingt. In dieser Szene wird deutlich, dass "Tournee" auch ein Film über Isolation ist, über eine euphorische Isolation fernab der Heimat, in Hotelzimmern, Zugabteilen und Variete-Bühnen; und ein Film über einen überforderten Mittler, einen Anker in der Welt, der hin- und hergeschleudert wird bei seinen Versuchen, Kunst und Leben in einem schiefen Grinsen zu vereinen.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de  

Tournée
OT: Tournée
Frankreich 2010 - 111 min.
Regie: Mathieu Amalric - Drehbuch: Mathieu Amalric, Philippe Di Folco, Marcelo Novais Teles, Raphaëlle Valbrune - Produktion: Laetitia Gonzalez, Yaël Fogiel - Kamera: Christophe Beaucarne - Schnitt: Annette Dutertre - Verleih: farbfilm - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Mathieu Amalric, Mimi Le Meaux, Dirty Martini, Roky Roulette, Kitten on the Keys, Evie Lovelle, Julie Atlas Muz, Angela De Lorenzo, Alexander Craven, Damien Odoul
Kinostart (D): 08.09.2011

 

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