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To the Wonder

 

 


Das Schweben ist schön

Kino Terrence Malicks „To the Wonder“ ist sein sechster Film seit 1973. Darin flüchtet er sich in ästhetische Kategorien aus dem Konfirmandenunterricht

Neugeboren. Das erste Wort in Terrence Malicks sechstem Film „To the Wonder“ kommt, natürlich, aus dem Off. Auf Französisch. Geht es bitte noch etwas prätentiöser? „Ich öffne meine Augen“, haucht die weibliche Stimme, „ich schmelze. Hinein in die ewige Nacht.“ Dazu ergießt sich eine aufgeplatzte Fruchtblase aus verschmierten Sonnenstrahlen und ausgebrannten Reflexionen über die vorbeirauschende französische Landschaft. Hässliche digitale Artefakte. Das göttliche, säumende Licht, das Malicks Kino mittlerweile eine sakrale Autorität bescheinigt, weist noch Verunreinigungen auf.

Doch das mythische Raunen der Tonspur kündet bereits von einer allmächtigen Präsenz, die sich in die Subjektivität der Kamera einschreibt. Diese Kamera gleitet nicht, sie schwebt nicht – sie scheint die materielle Realität einfach zu durchdringen. Schnitte werden von kontinuierlichen, tänzelnden Kamerafahrten aufgehoben, die Sprache ist vollends internalisiert. Sie verflüchtigt sich wie alles, was in Malicks rigoros entkerntem Skript an konkretem Ausdruck geblieben ist, zu luftigen Gedankenwölkchen. Bildmontage und Sound Design zielen in „To the Wonder“ permanent auf solche Effekte der Entkörperlichung ab.

Das Kino von Terrence Malick hat in den letzten Jahren den Schritt vom Profanen über das Erhabene zum Ridikülen ziemlich konsequent vollzogen. Kameramann Emmanuel Lubezki, der maßgeblichen Anteil an Malicks Neuerfindung seit „The New World“ trägt, hat mit seinen fließenden, lose assoziierenden Bildern die ästhetischen und formalen Grundlagen geschaffen, die Malick im Schneideraum nahezu freie Hand gewähren. Hier nehmen seine Filme ihre immer ausufernderen, verrätselteren Formen an. Das Studio ist sein Instrument, Malick schneidet Filme wie ein DJ: auf Rhythmus, der im Zusammenspiel mit der eklektischen Musikauswahl, Klangsignaturen ohne eigenständige Stimme, als erzählerische Dominante fungiert.

Prominente Namen

Der große Transzendentalist des amerikanischen Kinos kreiert Stimmungen, keine Narration im strengen Sinne, keine Charaktere, auch keine menschliche Nähe. Berührungen, Gesten, Bewegungen – alles strebt nach sinnlicher Vollkommenheit, einer ganzheitlichen Welterfahrung, die sich zu oft doch wieder in symbolhaften Naturdarstellungen erschöpft. In „To the Wonder“ hat eine Schildkröte einen kuriosen Kurzauftritt (an der Wasseroberfläche zeichnet sich verlässlich dieses göttliche Licht ab) und ein Falke auf der Schulter von Olga Kurylenko. Der Modus des Fließens verfasst in Malicks Privatkosmologie einen Zustand, der ununterbrochen Bezüge zwischen Lebenswelt und deren Ursprüngen herzustellen versucht. (Die Dinos in „The Tree of Life“ haben wohl auch deshalb so starke Irritationen ausgelöst, weil das Profane und das Erhabene in Malicks Werk ebenbürtige Parts übernehmen.) „To the Wonder“ ist der vorläufige Höhepunkt in dieser Entwicklung zum phänomenologischen Barock.

Man kann es natürlich auch ganz anders sehen und einfach mal so stehen lassen, dass Terrence Malick wahnsinnig manirierte Filme von unwirklicher Schönheit dreht, die im gegenwärtigen Weltkino ihresgleichen suchen. Er darf sogar über die schönen Menschen aus dem Herzen der amerikanischen Filmindustrie verfügen, obwohl seine Filme von diesem imaginären Zentrum der Bildproduktion aus betrachtet gar nicht weiter entfernt sein könnten vom traditionellen Erzählkino. Richard Gere in „In der Glut des Südens“ (1978), eine gefühlte Ewigkeit ist das her, da operierte Malick noch im Dunstkreis von New Hollywood; Brad Pitt und Jessica Chastain in „The Tree of Life“ und in „To the Wonder“ nun Ben Affleck (ausgerechnet!), Olga Kurylenko und Javier Bardem. Deren Anwesenheit verleiht den erratischen Handlungen der Protagonisten glanzvolle Anmutung, wobei Malicks Sympathien in „To the Wonder“ ungleich verteilt sind. Affleck wird häufig von hinten gefilmt, manchmal ist sein Profil oberhalb der Nasenpartie angeschnitten. Er ist ganz Kinn, und diese Entscheidung verrät einiges über Malicks Verhältnis zu Stars. (Die Liste von Namen, die in finalen Schnittfassungen der künstlerischen Vision zum Opfer fielen, ist lang und prominent.)

Affleck und Kurylenko stehen im Mittelpunkt von „To the Wonder“. Vielmehr kreist Lubezkis Kamera in endlosen erzählerischen Ellipsen, in denen Vergangenheit und Gegenwart zusammenfallen, um die beiden. Neil ist Amerikaner, Marina eine französische Russin. Sie begegnen sich in Mont-Saint-Michel, was an sich schon wieder eine dieser Plattitüden ist, auf die Malick mit bewundernswerter Naivität zurückgreift.

Der touristische Ort ist genauso aus der Zeit gefallen wie die Realität des Films, gleichzeitig verankert diese Zeitkapsel eine romantische Vorstellung, die für Marina zum Fixpunkt ihrer wechselhaften Beziehung mit Neil wird. Von der Normandie springt „To the Wonder“ ins ländliche Oklahoma, wo Neil Marina und ihrer zehnjährigen Tochter ein Eigenheim in einer Reißbrettsiedlung in der Einöde des mittleren Westens gebaut hat. Affleck arbeitet für eine Umweltbehörde, jedenfalls läuft er ständig in Gummistiefeln durch matschige Industrieanlagen, nimmt Bodenproben und spricht mit Anwohnern über ihre gesundheitlichen Probleme.

Gescheiterte Liebe

Das Bild der verschmutzten Natur markiert eine Unstimmigkeit in Malicks selbstimmanentem Weltbild, die sich im zweiten zentralen Konflikt in „To the Wonder“ fortschreibt. Javier Bardem spielt den Priester der kleinen Gemeinde, in der Neil und Marina leben. Vater Quintana hat den Glauben verloren, er zweifelt an seinem Gott und an den Menschen. Das Mitgefühl, das er den Gescheiterten seiner Kirche, den Cracksüchtigen, Hungernden und Kranken, entgegenbringt, ist nur Fassade. Mit versteinerter Miene sieht man ihn die Straßen entlanglaufen. Sein Voice-over, über Szenen einer verzweifelten Marina, verrät jedoch eine emotionale Distanz, die sich genauso auf die Lieblosigkeit Neils bezieht. Auch Neil hat sich irgendwann von Marina entwöhnt. Als ihr Visum abläuft, setzt er sie und die Tochter in ein Taxi. Ein letztes Mal umschließen sich ihre Hände: ein religöses Motiv, das „To the Wonder“ noch öfter aufgreifen wird.

Wie Malick solche Alltäglichkeiten durch seine elegische Bildmontage in den Rang einer Epiphanie erhebt, trifft nicht nur unter Verfechtern eines filmischen Realismus verständlicherweise auf Widerstand. Malick arbeitet mit ästhetischen Kategorien, die man seit dem Konfirmandenunterricht nicht mehr benutzt hat und die im kunstwilligen Kino allenfalls mit dem Ruch des Eskapismus behaftet sind. Der Titel „To the Wonder“ ist durchaus programmatisch zu verstehen. Die Beziehung von Neil und Marina, die Zweifel des Priesters – alles steht bei Malick in einem universalen Zusammenhang, welcher auf eine höhere Schicksalsmacht verweist. Schon „The Tree of Life“ erklärte die Entstehung der amerikanischen Kleinfamilie mit einem 20-minütigen Rekurs auf die Schöpfungsgeschichte. Malicks Haltung ist bewundernswert. Manchmal würde man zu gerne wissen, was in seinem Kopf vorgeht, wenn er selbstverloren im Schneideraum sitzt und sein Bildmaterial sortiert. Doch diese Arbeitsweise birgt ein ästhetisches Problem, das spätestens mit „To the Wonder“ augenscheinlich wird.

Das musikalische Strukturprinzip der Montage, in der jedem Bild, jedem Ausdruck und jeder Gefühlsschwankung eine gleichwertige Behandlung widerfährt, kommt einer ästhetischen Einebnung gleich. Es zieht aber ebenso schwerwiegende Konsequenzen nach sich. Indem Malick auch die Konflikte seiner Figuren in einen Schicksalszusammenhang stellt, der letztlich auf eine Störung der Weltordnung hindeutet (die Natur, die Neil inspiziert, ist in Mitleidenschaft gezogen), nimmt er seinem Film jene soziale Grundierung, die in der Beziehung zwischen Neil und Marina oder den Zweifeln des Priesters, der mit einem realen Milieu interagiert, im Wesentlichen schon angelegt ist. „To the Wonder“ erzählt vom Scheitern des Konzepts Liebe: der irdischen und des religiösen Glaubens. Dass Malick die Qualität dieses Scheiterns weder erzählerisch noch formal zu differenzieren vermag, rechtfertigt all die schönen Bilder nicht.

Andreas Busche

Dieser Text ist zuerst erschienen im: freitag

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

 

To the Wonder

USA 2012 - 112 Minuten - Start(D): 30.05.2013 - FSK: ohne Altersbeschränkung - Regie: Terrence Malick - Produktion: Nicolas Gonda, Sarah Green - Kamera: Emmanuel Lubezki - Schnitt: A.J. Edwards, Keith Fraase, Shane Hazen, Christopher Roldan, Mark Yoshikawa - Musik: Hanan Townshend - Darsteller: Ben Affleck, Olga Kurylenko, Javier Bardem, Rachel McAdams, Charles Baker, Romina Mondello, Darryl Cox, Cassidee Vandalia, William Riddle, Russell Vaclaw, Tatiana Chiline, Casey Williams, Tony O'Gans, Amy Christiansen

 

 

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