zur startseite
zum archiv
zu den essays
Tote schlafen besser
Bevor ich den Film sah, hatte ich mir fest vorgenommen, beim Betrachten nicht dem bürgerlichen Unsinn von Werktreue und definitiven Fassungen zu verfallen. Keine Vergleiche also mit
Howard Hawks‘ Meisterwerk „The Big Sleep“ von 1946, das den gleichen Chandler-Roman zur Vorlage
hat.
Um es vorwegzunehmen: Robert Mitchum, einer meiner liebsten Schauspieler, mußte wieder einmal für einen unglückseligen Flop sden Kopf hinhalten. Seine zusammengekniffenen
Augen, die Ekel vor seiner Umgebung verraten, sind das
Einzige, das mich im Kino hielt.
Charme, stattdessen bemüht verworfen und dabei im Herzen so bieder. Die Namenlose, die ihre kleine Schwester stellt, wäre selbst für „Derrick“ untragbar: eine
Schauspielschulen-Drogensüchtige.
Dann die unselige Idee, die Handlung aus dem schwarzen L.A. in ein gesichtsloses Vorstadt-London zu verlegen, das keinerlei Spuren irgendeiner Zeit verrät. Die oberen Zehntausend
leben in opulenten Antiquitätenläden, deren filmische Wirkung von jedem thailändischen C-Picture mühelos übertroffen wird. Selbst die Wohnung von Philipp Marlowe atmet diesen
miefigen Dunst spießiger Stilunsicherheit und prätentiöser
Überladung.
Das Schlimmste aber, was eben weder einem Hawks noch einem Chandler selbst in deren traurigsten Stunden je passiert wäre, ist der, gerade für Robert Mitchum völlig unpassende
Zeigefinger, den dieser ständig zu erheben gezwungen ist, etwa wenn er sagen muß: „Diese Mädchen gehört in eine Anstalt! Ich gebe Ihnen drei Tage Zeit, Ihre Schwester in eine Anstalt
zu bringen.“
Ein Film von einem Mann, der offensichtlich von filmischen
Mitteln und deren Effekten, jenseits des Konfektionskrimis nichts weiß.
Diedrich Diederichsen
Dieser
Text ist zuerst erschienen in: Sounds 7/1979
Tote schlafen besser
(The Big Sleep)
Großbritannien 1978
Länge: 99 (Min.)
Regie: Michael Winner
Drehbuch: Michael Winner, Raymond Chandler
Kamera: Robert Paynter
Schnitt: Freddie Wilson
Musik: Jerry Fielding
Darsteller: Sarah Miles, James Stewart, Oliver Reed,
Robert Mitchum, Joan Collins
DVD: Erschienen bei: Concorde Home Entertainment
Bildformat: 16:9
Ton/Sprache: Dolby Digital 1.0, Deutsch, Englisch
EAN: 4010324026316
Extras: Featurette, Trailer
DVD-Start: 03.09.2009
zur startseite
zum archiv
zu den essays