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Totem

 

 

 

 

Jede Familie für sich ist (auch) ein Blick in den Abgrund. Zumal, wenn man von draußen schaut. Doch wo fängt der Schrecken an? Schon bei einer Käseschnitte mit (Senf-)Gurke und einem Klecks Ketchup zum Eierlikör? Bei rosafarbenen Ballerinas zur unförmigen braunen Trainingshose? Verrät der Schrecken nicht vielleicht doch viel mehr etwas über den Betrachter als über das betrachtete Objekt? Fiona hat einen Job als Haushaltshilfe bei der Familie Wagner angenommen. Für die Wagners ist Fiona offenbar die erste Haushaltshilfe überhaupt; gefunden haben sie Fiona übers Internet. Zur Familie gehören Vater Wolfgang, Mutter Claudia, die Kinder Nicole und Jürgen, Nicoles älterer Freund Uli, zwei Baby-Puppen und ein Reihenhaus, umgeben von hohen Hecken. Fiona soll Claudia zur Hand gehen. Dafür muss sie einige Regeln und Rituale erlernen, darf sich aber auch manchmal als Teil der Familie fühlen. Wenn die Wagners etwa im Garten Ball spielen, darf Fiona in die Mitte, ohne Chance, an den Ball zu kommen. Wenn sie den Boden wischt, verflucht sie den „Saustall“, in den sie geraten ist. Wenn sie gefragt wird, erzählt sie, dass ihre Eltern tot seien. Später hört man sie mit ihrer Mutter telefonieren, der sie erzählt, dass sie am Meer sei.

Jessica Krummacher, Absolventin der Münchner Filmhochschule, gelingt mit ihrem Abschlussfilm „Totem“ das Kunststück, einen eigenwilligen Schwebezustand zwischen Sozialrealismus und Horrorfilm zu bewahren, wobei der Clou darin besteht, dass der Zuschauer die Grenze zwischen Sozialrealismus und Horror selbst ziehen muss. In dieser Hinsicht ist „Totem“ ein Angebot, das man nicht ausschlagen sollte. Folgt man den Referenzen, die in dem Film angelegt sind, führt die Spur zu Filmen wie „Hotel“ (fd 37 671; insbesondere die Kamerafahrten) und „Hundstage“ (fd 35 499; die Inneneinrichtungen und der Umgang der Figuren untereinander). „Totem“ registriert allerlei Dinge, die man seltsam oder zumindest erklärungsbedürftig finden kann, aber der Film hält sich mit Bewertungen zurück. Trotzdem liegt Unheil in der Luft, wenn die Kamera registriert, wie Nicole mit ihrem Freund in eine Art Bunker zu verschwinden scheint, wenn die Mutter „Nicole“ jammernd durch Unterholz schleicht oder Fiona mit Jürgen an der Hand versucht, eine Bundesstraße zu überqueren. Andere Szenen arbeiten sich an der Herr-Knecht-Dialektik ab, etwa wenn Fiona und Wolfgang einmal allein zu Abend essen, Wolfgang, plötzlich unerhört jovial und im Ferrari-T-Shirt, es sich mit der Zurichtung einer Dauerwurst gemütlich macht und Fiona, der ein Malheur mit der Bratensoße passiert, unvermittelt in Lachen ausbricht, als er sich über ihr Missgeschick erregt. Kurz darauf steht die Möglichkeit einer Vergewaltigung im Raum, aber vorerst belässt es Wolfgang noch bei einer körperlichen Erniedrigung. Einmal steht Claudia, offenbar schwer depressiv, schweigend vor einer Schrankwand; als Fiona an ihr vorbei geht, erhält sie von hinten einen kräftigen Stoß.

Ausgemacht und fest gefügt ist hier gar nichts: Jede Szene hat das Potenzial zu einer überraschenden Wende; die Skala der Hässlichkeit und des Überdrusses ist prinzipiell nach oben offen. Zumeist reden die Figuren Banales aneinander vorbei, manchmal aber brüllen sie sich auch unvermittelt an. Staunend steht man vor den surrealen Einfällen des Films: Einmal schiebt Fiona nachts den Zwillingskinderwagen mit den beiden Baby-Puppen durch die Siedlung, als sie von einer Polizeistreife aufgegriffen wird. Bei der Aufnahme ihrer Personalien macht sie sich verdächtig, auch ein Blick in den Kinderwagen sollte für etwas Aufregung sorgen, doch obwohl Fiona keine Angaben zu ihrem Wohnort macht, werden ihre Daten bestätigt. Schließlich entlassen sie die Polizisten mit den Worten: „Es ist nicht notwendig, alles zu verstehen.“ Als Mutter Claudia einmal erzählt, sie freue sich schon auf die Enkelkinder, die ihr der zehnjährige Jürgen einmal schenken werde, fragt Fiona, warum sie sich nicht um Jürgen kümmere. Erst auf der Zielgrade des Films verliert die Inszenierung das Vertrauen in die Ambivalenz und gestattet Fiona einen inneren Monolog, der ihre Funktion innerhalb der Familie allzu hellsichtig, fast schon in der Tradition des Naturalismus als vierte Wand beschreibt, bevor sie dem Spuk ein Ende macht. Doch soll sich der Zuschauer auf eine Erzählerin verlassen, die schon zu Beginn ahnte: „Vielleicht ist es auch nur meine Einbildung“? Die Schauspieler teilen die Mut der Filmemacherin zur Hässlichkeit bis weit über die Schmerzgrenze hinaus: bei der Zahnreinigung, den gemeinsamen Mahlzeiten oder den wenigen Gesprächen, die sich in der Tradition von Fassbinders „Katzelmacher“ (fd 16511) bewegen. Ein Besetzungscoup berührt besonders intensiv: Mutter Claudia wird von Natja Brunckhorst gespielt, die vor 30 Jahren einmal Christiane F. war und vor 20 Jahren eine Hauptrolle in Dominik Grafs „Tiger, Löwe, Panther“ (fd 27 680) spielte. Sieht man sie heute von hinten, wenn sie die Rollläden ihres Reihenhauses herunterlässt, dann ist der stille Schrecken kaum noch auszuhalten.

Ulrich Kriest 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: film Dienst

Totem
Deutschland 2011 - 86 min.
Regie: Jessica Krummacher - Drehbuch: Jessica Krummacher - Produktion: Martin Blankemeyer, Philipp Budweg, Jessica Krummacher, Timo Müller - Kamera: Björn Siepmann - Schnitt: Jessica Krummacher - Musik: Marina Frenk - Verleih: Filmgalerie 451 - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Marina Frenk, Natja Brunckhorst, Benno Ifland, Alissa Wilms, Cedric Koch, Fritz Fenne, Dominik Buch
Kinostart (D): 26.04.2012

 

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