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Top Five




Zumeist äußerst eloquent

 

Chris Rock schließt in dem atemlosen New-York-Film "Top Five" gekonnt an seine Stand-Up-Performances an.

 

Sein Titel durchzieht den Film als Frage: "Who's your Top Five?" Gemeint ist: Nenne mir Deine fünf Lieblingsrapper. Mit der Geschichte, die der Film erzählt, hat diese Frage, die die Figuren einander immer wieder stellen, vorderhand nichts zu tun: Es geht in "Top Five" um Andre Allen (Chris Rock), einen einst ungemein erfolgreichen Schauspieler und Komiker, der nach einem Alkoholentzug ein Comeback versucht - mit einem diesmal (etwas zu tod-)ernst gemeinten Film über Dutty Boukman, den Anführer eines Sklavenaufstands im Haiti des späten 18. Jahrhunderts. Am Tag der Weltpremiere hetzt Allen durch New York, von einem Termin zum nächsten. Insbesondere bekommt er es mit Chelsea Brown (Rosario Dawson) zu tun, einer jungen, ehrgeizigen Journalistin, die ein Exklusivinterview mit ihm führen möchte und ihn deshalb durch die halbe Stadt verfolgt.

Jedesmal wenn sie ihn stellen kann, schließt sie sich an ihn an, gemeinsam laufen sie dann durch die Straßen New Yorks und unterhalten sich. Überhaupt ist das walk and talk die dominierende Technik des Films. Kaum einmal eine Ruhepause, immer vorwärts, irgendwo anders hin, zur nächsten Begegnung, dem nächsten Gespräch (mit Ex-Frauen, Familienmitgliedern, Agenten, Radiomoderatoren usw). Ob bei den Gesprächen etwas Sinnvolles heraus kommt, ist eine ganz andere Frage. Jeder hat seine Agenda, nach dem Gespräch genauso wie vorher. Man tastet sich lediglich gegenseitig ab auf der Suche nach punktuellen Überschneidungen, zur Formung kurzfristiger Zweckgemeinschaften. Die Gespräche sind ziellos auch in dem Sinn, dass sie kaum dabei helfen oder auch nur darauf ausgerechnet sind, eine klassische Spielfilmdramaturgie in Gang zu setzen; und sie formen sich doch, alle gemeinsam, zu einem Metaredefluss, der die jeweils aktuellen Gesprächspartner transzendiert und am Ende vielleicht eher monologisch als dialogisch angelegt ist: Der New Yorker Showbiz-Wahnwitz - und durch ihn, das ist die offensichtliche und zumindest teilweise eingelöste Behauptung des Films, die pluralistische US-amerikanische Gesellschaft der Gegenwart - spricht sich selbst, ohne jede Pause und zumeist äußerst eloquent.

Die Frage nach den Lieblingsrappern ist deshalb wichtig für den Film, weil sie einen Fixpunkt in die ansonsten in alle Richtungen offene Kommunikation einführt. Nicht auf den Listeninhalt, aber auf die Kulturtechnik des Listenmachens können sich alle einigen - freilich nur, weil Listenmachen die reine Kontingenz ist. Sobald man sich dann wieder nicht-kontingent auf die Listen beziehen möchte, beginnen die Probleme: "Today, 2Pac would've been one of our political leaders," verteidigt jemand seine Nummer eins. Kann sein, ist die Antwort, aber wäre es nicht auch möglich, dass 2Pac heute stattdessen in Tyler Perrys trashigen Melodramen mitspielen würde?

Zunächst ist das Listenmachen ein Sprachspiel. Auch alles andere, was der Film ums Listenmachen herumgruppiert, ist in mancher Hinsicht eher Sprachspiel (zum Beispiel auch: ein Spiel mit sehr unterschiedlichen Sprechweisen) als in sich geschlossene Kinofiktion - tatsächlich hat der Film immer dann Probleme, wenn er das frei flottierende walk and talk in die Bahnen einer allzu schematischen romantischen Komödie umleiten will. Das kristallisiert sich an Chelsea Brown: Solange sie nur als Rocks Sparringpartner auftritt, ist Rosario Dawsons Figur umwerfend, wenn sie zum love interest aufsteigt, verwandelt sie sich in eine reichlich banale Wunscherfüllungsfantasie. Ihre Neurosen sind dann nicht mehr für sich selbst interessant, sondern nur noch insoweit, wie sie Allens natürlich weitaus raffiniertere Neurosen spiegeln.

Als Sprachspiel jedenfalls verweist "Top Five" auf die Herkunft des Regisseurs, Autors und Hauptdarstellers Chris Rock von der Stand-up-Bühne. Tatsächlich funktioniert der Film in mancher Hinsicht eher wie eine Stand-up-Performance als wie klassisches Erzählkino. Das betrifft nicht nur den Hang zur episodischen, sprachspielförmigen Abweichung, sondern vor allem auch den starken Begriff von Subjektivität, der die Abweichungen stets auf ein stabiles Zentrum rückbezieht. "Top Five" ist ein Film, der in der ersten Person spricht und diese Erzählperpektive auch noch weiter qualifiziert: Ich als schwarzer Amerikaner, ich als Mann, ich als Schauspieler und Komödiant, ich als politisch aufgeklärter und intellektuell ambitionierter Citoyen.

Dass dieses innerdiegetische Ich, die Figur Andre Allens, in all diesen Punkten mit Chris Rock, dem uneingeschränkten auteur des Films, übereinstimmt, verweist ebenfalls auf die Nähe des Films zu Techniken und Selbstverständnis der Stand-up-Comedy; einer Form der Bühnenperformance, die dabei natürlich trotzdem keine Beichte im engeren Sinne ist, die Authentizität nicht an sich, sondern als Ausgangspunkt für Sprachspiele interessiert und die sich deshalb stets die Option offen hält, ein einmal dergestalt sozial, ethnisch, geschlechtlich und so weiter durchdefiniertes Ich fiktional auszuschmücken - genau wie Rocks Film tut sie das nicht selten aus eher fadenscheinigen dramaturgischen Gründen.

Nicht zuletzt schauen für Nebenrollen und Cameos eine lange Reihe anderer ehemaliger oder aktueller Stand-up Comedians vorbei: Jerry Seinfeld, Kevin Hart, Adam Sandler, Leslie Jones, Tracy Morgan und so weiter. Gerade die Art, wie Rock in seinem weitgehend filigranen, dabei natürlich trotzdem nicht ganz uneitlen Film bereit ist, das Mic immer wieder abzugeben, für eine halbe oder auch mal ganze Nummer die Mitstreiter glänzen zu lassen, nimmt für seinen Film ein. Und macht ihn zu einer nicht nur klügeren, eleganteren und weltoffeneren, sondern auch humanististischeren Alternative zu Alejandro González Iñárritus "Birdman" - jener anderen großen New-York-Showbiz-Selbstbespiegelung der aktuellen Kinosaison, die in ihrem streberhaft ausgestellten technischen Können und in ihrem weinerlichen, letzten Endes komplett ironieresistenten Begriff von (männlicher) Subjektivität maximal weit entfernt ist von der wendigen, die Paradoxien von Kommunikation immer wieder neu und immer wieder originell in Szene setzenden Reflexivität des Stand-up.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 

Top Five
USA 2014 - 102 Min. - Kinostart(D): 16.04.2015 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Chris Rock - Drehbuch: Chris Rock - Produktion: Eli Bush, Barry Diller, Catherine Farrell, Nelson George, Tony Hernandez, Jeff Joseph, Scott Rudin, Jason Sack, Jason Shrier, Kanye West, Lila Yacoub, Jay Z - Kamera: Manuel Alberto Claro - Schnitt: Anne McCabe - Musik: Ludwig Goransson - Darsteller: Chris Rock, Rosario Dawson, J.B. Smoove, Gabrielle Union, Romany Malco, Hayley Marie Norman, Anders Holm, Cedric the Entertainer, Karlie Redd, Kevin Barnett, Genevieve Angelson, Ben Cole, Corey Brown, Maia Wilson, Teddy Coluca - Verleih: Paramount Pictures Germany

 

 

 

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