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Tokyo Tribe

 

 



Freidrehender Machismo

Jeder, der will, darf rappen in Sion Sonos Hip-Hop-Extravaganz "Tokyo Tribe".

Der erste Satz des Films: "Wenn ich groß werde, bringe ich Hoffnung und Freude in die Stadt". Gleich darauf stürzt sich der Sprecher, ein agiler, kratzbürstiger, respektloser Bengel, in eine Stadt, in der es vorläufig noch keine Hoffnung und höchstens temporäre, käufliche Freuden gibt. Shion Sonos gleichfalls agile, kratzbürstige, respektlose Kamera folgt ihm und eröffnet in einer langen Plansequenz zwar noch nicht den gesamten Handlungsraum des Films, aber doch dessen visuelle Grundstimmung: Bunt, chaotisch, wuselig ist fast jedes einzelne Bild im Film - und auch fast jeder Mensch, der in einem dieser Bilder auftaucht. Junge und sehr junge, tätowierte, subkulturell aufgetakelte Gestalten ("Gestalt" trifft tatsächlich besser als "Mensch" das, was Sono mit den Körpern seiner Protagonisten anstellt) huschen zwischen abgewrackt anmutenden Pappkulissen herum, schmieden miteinander Pläne oder schlagen sich gegenseitig nach den Regeln des effektbewussten Martial-Arts-Kinos, die Köpfe ein. Illuminiert wird das Geschehen von artifiziellem, dafür umso farbenfroherem Licht (ein reiner Studiofilm ist das - nur einmal lässt Sono einen CGI-Panzer durchs echte Shibuya rollen), auf der Tonspur wummern fast durchweg nicht allzu aufwändig produzierte Hip-Hop-Beats, über die jeder, dem danach ist, rappen darf.

"Wenn ich groß bin": In Sonos Tokyo kann ein junger, selbstbewußter, robuster Mann zwar durchaus physisch größer werden - und vor allem kann, das wird im Verlauf des Films immer wichtiger und schließlich zur unbedingten Dominante, auch sein Penis wachsen; aber innerlich größer, reifer, erwachsen wird niemand. Das Organisationsprinzip der Stadt und damit auch des Films erklärt ein besonders fieser, blondierter, muskelbepackter Typ, während er ein Messer auf dem nackten Oberkörper einer Frau in Richtung ihres entblößten Busen führt (und auch das Geräusch, das aus dem Kontakt von Klinge und Haut entsteht, ist ein genau kalkulierter Effekt): Tokyo ist Gangland, aufgeteilt in eine Handvoll informeller Bezirke, die von jeweils einer Hip-Hop-Crew dominiert werden. Die dauerpubertierenden alpha males (in einem Fall: alpha females) an deren Spitze stellen sich selbst vor, in Reimform. Über allen trohnt, erfährt man bald, ein Kingpin namens Buppa (dessen Darsteller Riki Takeuchi in neue Dimensionen des overacting stets vor allem dann vorstößt, wenn er sich sabbernd den voluminösen Brüsten seiner Gespielinnen nähert), außerdem vagabundiert eine junge Frau durch die Stadt, die aus vorläufig noch unbekannten Gründen alles daran setzt, ihre Jungfräulichkeit zu verlieren.

Auf die Feinheiten des Plots kommt es freilich am wenigsten an (tatsächlich hat man den Eindruck, dass der Regisseur gelegentlich ziemlich bewusst gegen die Mangavorlage aninszeniert, die seinem Film zugrunde liegt; inbesondere mit den nominellen good guys, die sich ihre eigene, kleine Welt aufgebaut haben, wo sie den echten, unverdorbenen Hip-Hop-Spirit hochzuhalten versuchen, weiß Sono wenig anzufangen). Wie alle Arbeiten von Sono ist "Tokyo Tribe" im Kern kein Erzähl-, sondern ein Konzeptfilm: Figuren und Handlungsstränge interessieren nicht um ihrer selbst Willen, sondern nur als Funktionen eines alles umgreifenden, seinerseits freilich eher hingerotzten, als fein säuberlich ausformulierten ästhetischen Gesamtentwurfs. In diesem Fall heißt das: Sie interessieren als Funktionen eines freidrehenden Machismo, der alles und jeden und am Ende sich selbst verschlingt.

Sonos Kino kann nerven, weil man zumeist schon nach wenigen Minuten merkt, wie der Hase ungefähr laufen wird - gerade "Tokyo Tribe" dürfte sich für alle, die sich mit dem Tonfall und vor allem mit dem von der ersten bis zur letzten Minute voll durchgetretenen Gaspedal nicht anfreunden können, wie Kaugummi ziehen; aber dann kann man es auch wieder ziemlich großartig finden, dass Sono seine Konzepte nicht nur stets ganz unbedingt ernst nimmt (ähnlich wie bei seinem japanischen Kultregisseurskollegen Takashi Miike geht der Postmodernevorwurf sehr grundsätzlich fehl), sondern sie auch jedesmal so lange und so extrem überreizt, bis sich der Blick auf die Welt verändert.

"Tokyo Tribe" reduziert Hip Hop zum einen konsequent auf die unangenehmsten Klischees des misogynen Gangster Rap: alles bitches, sogar Mama (bzw: Oma); zum anderen ätzt der Film allen kulturindustriellen Lack weg. Wo der real existierende Hip-Hop nicht selten die schlimmsten Texte mit den eingängigsten hooks ausstattet (siehe Chris Rock: "Love rap music, tired of defending it"), stolpern die Lyrics der Sono-Gangster zwar manchmal durchaus charmant, aber stets ziemlich ungelenk über die Beats. Den bei jeder Gelegenheit einen blauen Glasdildo masturbierenden Buppa umtänzelt in einer Szene ein bizarr, fast grunzend beatboxendes Mädchen. Buppas Sohn wiederum, der wie eine Bizarro-Version von Snoop Dogg aussieht und sich aus dem Sklavenpool seines Vaters organische Dioramen bastelt, verfällt andauernd in einen arrhythmischen Singsang. Ein aggressiv näselnder "Nerimathafucka", der große Mühe zu haben scheint, seine Reime überhaupt lautlich zu artikulieren, sorgt für besonders nachhaltige Irritation.

Das Tolle ist aber, dass Sono nicht einfach ein Anti-Hip-Hop-Manifest gedreht hat. Alles, was im Kleinen krude, exaltiert, holprig ist, fügt sich im großen Ganzen des Films, in Sonos frenetischer Montage der Attraktionen, zu einem faszinierend unförmigen, und trotzdem hypnotischen flow. Keine Strophenstruktur, keine Refrains zum Mitgröhlen, kein polierter Doppelreim, keine abgezählten bars, nur der chaotische Freestyle einer gründlich unversöhnten Welt.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Tokyo Tribe

Japan 2014 - 116 Min. - Start(D): 16.07.2015 - FSK: ab 16 Jahre - Regie: Shion Sono - Drehbuch: Santa Inoue, Shion Sono - Produktion: Yoshinori Chiba, Nobuhiro Iizuka - Kamera: Daisuke Sôma - Schnitt: Jun'ichi Itô - Musik: B.C.D.M.G. - Darsteller: Tomoko Karina, Ryôhei Suzuki, Akihiro Kitamura, Shôta Sometani, Riki Takeuchi, Kokone Sasaki, Hiroko Yashiki, Yôsuke Kubozuka, Nana Seino, Hitomi Katayama, Haruna Yabuki, Yui Ichikawa, Denden, Motoki Fukami, Shunsuke Daitô - Verleih: Rapid Eye Movies

 

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