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Tötet Mrs. Tingle! 

 

Tötet den Vorsitzenden des Deutschen Lehrerverbandes! könnte man die Realfarce betiteln, mit der unsere Verbandsfunktionäre live die amerikanische Filmfarce »Tötet Mrs. Tingle überbieten. Auf Ministerebene. Von der FSK sie gab den spielfilmlangen Schülerstreich für Schüler ab 12 Jahren frei forderte der Vorsitzende ultimativ das sofortige Verbot des Streifens. Der Oberpädagoge lebt seine Hysterie voll aus, den Film hat er offenbar nicht gesehen; ist er noch zu retten? Denn der löst seinen appellativen Titel mitnichten ein. Der Verleih nennt ihn inzwischen »Rettet Mrs. Tingle«. 

 

Die Tingle-Lehrerin (Mirren) also wird gerettet, obwohl sie den Typ Anstaltsgewalt verkörpert, den die Schüler fürchten und hassen, also wir alle auf Lebenszeit. Latent hysterisch und schwer chargierend verbaut sie der sympathischen Leigh (Holmes), die doch die beste Schülerin an der Grandsboro High ist, den Weg in die Zukunft. Willkürlich und schülerverachtend verfügt sie ein Sitzenbleiben das Aus fürs Stipendium, und das braucht eine Schülerin, wenn die Mama Kellnerin ist und damit leider nur Lower middle class: nix da fürs Schulgeld. 

 

Dem Lehrerterror zu begegnen, gäbe es vier Lösungen: 1. die Lehrerin töten (den deutschen Real-Fall haben wir gerade gehabt), 2. sich selbst töten (über Schülerselbstmorde gleich noch ein Wort; übrigens gehört der Realfall Meißen auch dazu), 3. Amok laufen und alle töten, 4. die Lehrerin durch eine kollektive und solidarische Anstrengung dazu bringen, ihre die Schülerpsyche deformierenden und zerstörenden Machtspiele aufzugeben, ihre lower-class-feindliche Gesinnung zu ändern und Leighs Notendurchschnitt fairerweise wieder anzuheben. Für diesen gütlichen Ausgang entscheidet sich »Tötet Mrs. Tingle. Eine kleine Geiselnahme nebst diversen erbaulichen Statements ist hierfür völlig ausreichend. 

 

»Tötet Mrs. Tingle ist pädagogisch wertvoll; in dieser Filmschule lernen Schüler fürs Leben. Warum läuft unser deutscher Verbandsoberlehrer gegen die humane Film-Botschaft Amok? Es bliebe doch nur eine der finalen Lösungen! Tief sitzende Schuldgefühle sind zu vermuten. Tausende Schülerselbstmorde sind bei uns zu beklagen. Hat man vom Vorsitzenden der deutschen Pädagogen je gehört, daß er diese Todesserie beklagt? Daß er dagegen bis zur Ministerebene hinauf etwas unternimmt? Nein, die Verbandsgewalt wird gegen Schwächere geübt. Schüler sollen ihren Film nicht sehen dürfen. Dabei ist kollektives und solidarisches Aufbegehren nötig, um die schlimmste der denkbaren Lösungen zu verhindern, Mister Tingle: Schüler, die ihrerseits, aber nun völlig real Amok laufen, um von Pädagogen aufgestaute Aggressivität suizidal zu entladen; diese kulturell konditionierte Sonderform des Tötens/Selbsttötens ist seit hundert Jahren bekannt; lesen Sie doch bei G. M. Fenn nach: Running amuck (London 1901), Mister Tingle! Good bye!

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Konkret 01/2000

 

 

Tötet Mrs. Tingle!

Auch: Rettet Mrs. Tingle! oder Wo ist Mrs. Tingle?

TEACHING MRS. TINGLE

USA / England - 1999 - 95 min. FSK: ab 12; feiertagsfrei - Verleih: Kinowelt, Kinowelt Home (Video) - Erstaufführung: 11.11.1999/30.5.2000 Video Produktionsfirma: Konrad Pictures/Interscope Communications Prod. - Produktion: Cathy Konrad

Regie: Kevin Williamson

Buch: Kevin Williamson

Kamera: Jerzy Zielinski

Musik: John Frizzell

Schnitt: Debra Neil-Fisher

Darsteller:

Helen Mirren (Mrs. Eve Tingle)

Katie Holmes (Leigh Ann Watson)

Jeffrey Tambor (Coach Wenchell)

Barry Watson (Luke Churner)

Marisa Coughlan (Jo Lynn Jordan)

Liz Stauber (Trudie Tucker)

Michael McKean (Rektor Potter)

 

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