zur startseite

zum archiv

Tödliche Versprechen

Diese kleinen rostigen Messerchen

 

»Tödliche Versprechen« – David Cronenbergs doppelbödiger Kinoausflug ins Milieu der Londoner Russenmafia.

 

Mehr als einmal waren die Filme von David Cronenberg kranke, giftige Überraschungen. Seltener interessierten ihn kontrollierte Kunstwerke. Er zeigte Ungesehenes. Und zwar nicht, weil er einfach nur ein unkonventioneller Typ war, der zudem weitab von Hollywood in Kanada drehte, sondern vor allem, weil er keine Rücksicht auf die Vorschläge avantgardistischer Spielfilmbewegungen nahm. Nicht Film als sorgsam gebaute Musik interessierte ihn, sondern als Weg zu merkwürdigen, treffenden und nie lange durchzuhaltenden drastischen Momentaufnahmen, Perforationen der Narration. Cronenbergs Filme hatten selten einen zusammenhängenden, überzeugenden Stil, dafür mindestens ein, zwei beispiellose Stellen. Der brachiale Effekt eines platzenden Kopfes und der feine filmische Gedanke eines ganz anderen, analytisch treffenden wie unter alle Häute gehenden Blickes auf einen Autounfall kamen dabei einander unheimlich nahe. So nahe, wie es die geläufige Unterscheidung von Kunst und Krawall nicht aushält. In seinem neusten Film ist Cronenberg vermittelnder. Und doch…

 

Bei Tödliche Versprechen, einer dichten Russenmafia-Ballade aus dem weihnachtlich-düsteren London, kommen auch Zuschauer auf ihre Kosten, die eine schnell und gut erzählte mehrfach ineinander gespiegelte Familiengeschichte mögen: Ein verwahrloster Sohn (als gut aussehendes armes Schwein: Vincent Cassel) verzweifelt am Patriarchen (ölig-böse, etwas bemüht geheimnisvoll: Armin Mueller-Stahl). Indessen arbeitet sich eine extrem unverwahrloste Tochter (patent und proper: Naomi Watts) am toten Vater und rassistischen, verknarzten Onkel (ein ungepflegtes Wiedersehen mit dem polnischen Sixties-Regisseur Jerzy Skolimowski) ab. Diese russische Diaspora Londons wirkt wie aus der Aktualität komplett herausgefallen. So wie auch dieses London eher im Bild einer zeitlos feuchten Nebelmetropole aufgeht, zwischen D.W. Griffiths Broken Blossoms (1919) und Hitchcocks Frenzy (1972), als in einer Gegenwart verankert zu sein. Ein Spiel der Premier League bildet die Ausnahme.

 

Mueller-Stahl erklärt müde, längst vergessen zu haben, wie der russische Geheimdienst heute heißt, er wisse nur, dass er noch schlimmer sei als der KGB. Lieblingsbeschäftigung seines Clans ist die homosoziale Homophobie: Unausgesetzt sind gut aussehende Männer damit beschäftigt, sich liebevoll zu umarmen und einander zu versichern, ja zu beweisen, nicht schwul zu sein. Die von ihnen hin und wieder zu beseitigenden Typen zogen denn auch den Vorwurf auf sich, durch das zu milde Klima verweichlicht worden zu sein. Eine durch und durch paranoide Männlichkeit ist hier grimmig auf der hilflosen Suche nach Orientierung an albernen Traditionen.

 

Verwickelt, figurenreich und doppelbödig kommt Tödliche Versprechen sehr schnell auf Touren. Störend ist allenfalls eine von der Mafia zu Tode gequälte Unschuld vom Lande, die nun aus dem Totenreich per Off-Stimme verheult ihr Tagebuch vorliest. Auch die arg pastos aufgetragene Russenhaftigkeit der Russen mit ihren Samowaren und roten Stofftapeten hätte dezenter ausfallen können. Doch dann kommt wieder so ein Cronenbergscher Moment: Viggo Mortensen gibt hier einen mehrschichtigen eiskalten Engel, der den Ermordeten die Fingerkuppen abhackt, um ihre Identifizierung zu erschweren, wozu sogar die Killer aus dem Zimmer gehen. In einem Dampfbad stellen ihm miteinander verbündete Türken und Tschetschenen eine Falle. Freunde von Sex, Gewalt und langen Einstellungen kommen nun auf ihre Kosten. Minutenlang wird das turbulente Kampfballett zwischen dem nackten, voll tätowierten Mortensen-Body und zwei viel zu warm angezogenen Tschetschenen durch reichlich Räume getrieben und nicht geschnitten. Jedenfalls das Filmmaterial.

 

Von den Körpern kann man das nicht sagen. Getötet wird bevorzugt mit Schnittwerkzeugen. Alles Wissenswerte hierzu erzählen die großzügig geritzten Tattoos. Der Dampf, das bleiche, blau beschriftete Fleisch, die kleinen rostigen, aber scharfen Messerchen – darauf ist der Film hingearbeitet. Und doch hat er eben auch eine brauchbare Story, ein wohlaufgebautes, klug aufeinander bezogenes Personal aus Fanatikern, Liebenden und Verlorenen. Es ist daher am Ende richtig schade, dass sich der Schluss überstürzt auf die Rettung eines Säuglings zur Weihnachtszeit zuspitzt, statt aus den Personen und ihren nur angedeuteten Möglichkeiten mehr herauszuholen. Eigentlich wäre das hier ein guter Pilotfilm für eine russische Mafiaserie geworden. Die Sopranows oder so.

 

Diedrich Diederichsen

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: DIE ZEIT vom 19.12.2007

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Tödliche Versprechen - Eastern Promises

Großbritannien / Kanada 2007 - Originaltitel: Eastern Promises - Regie: David Cronenberg - Darsteller: Viggo Mortensen, Naomi Watts, Vincent Cassel, Armin Mueller-Stahl, Sinéad Cusack, Jerzy Skolimowski - FSK: ab 16 - Länge: 100 min. - Start: 27.12.2007

 

zur startseite

zum archiv