zur startseite

zum archiv

zu den essays

Todespolka

 

Wer sich nichts zu schulden kommen lässt, dem geschieht auch nichts.“ Ein schöner, höchst ambivalenter Satz, der gerne gebracht wird, wenn die Kontrollgesellschaft im Zeichen der Inneren Sicherheit der Privatsphäre der Bürger an den Kragen will. Andererseits verwandelt sich in „Todespolka“, wo dieser Satz als Mantra dient, Österreich in einen Ort der Ruhe und des Friedens, wenngleich einer trügerischen Ruhe und eines mörderischen Friedens. In „Todespolka“ hat Österreich endlich eine Bundeskanzlerin bekommen: ein strammes Maderl, das wie ein Kerl zu feiern und zu saufen versteht. Ihre Politik gründet auf dem Schüren von Ängsten und baut auf das ewige Wiederholen von drei, vier Parolen. Vor einem halben Jahr hat die Bürgerpartei unter Dr. Sieglinde Führer die Wahl gewonnen, und seither hat sich das Leben in Österreich tatsächlich zum Besseren gewendet. Während für all jene, von denen anzunehmen ist, dass sie potenziell staatszersetzend aktiv werden könnten, Arbeitslager eingerichtet wurden, laufen für den Rest der Bevölkerung bis spät in die Nacht aufgekratzte Volkmusikshows, in denen sich alles um den Stargast Dr. Sieglinde Führer dreht. Klingt skurril, macht aber durchaus Sinn, wenn man zum Beispiel einmal die FPÖ-Politikerin Barbara Rosenkranz googelt.

In ihren Reden wettert die Führerin im Dirndl durchaus wiederkennbar gegen Asylanten, Islamisten und Moscheen, gegen Gutmenschen und Kinderschänder, gegen Drogen handelnde Nigerianer und die EU. Sie plädiert für Ordnung und Sauberkeit, für die Todesstrafe und für die Wiedereinführung des Schilling. Dabei wirkt sie weniger gefährlich als vielmehr krachledern-provinziell. Gefährlich ist eher, dass sie ihren Wählern in den Vorstädten das Gefühl verleiht, ihre Ressentiments endlich offen ausleben zu dürfen. Während die Polizei eine Willkürherrschaft etabliert, ermächtigt sich der radikalisierte Mob zu bewaffneten Bürgerwehrfunktionen. Jetzt brechen schlechte Zeiten für Studenten, Menschen mit anderer Hautfarbe und Behinderte an, aber die Gewalt macht auch vor der eigenen Freundin nicht halt, wenn die es wagen sollte, über die Impotenz des Partners zu spotten.

Allzu gern wäre „Todespolka“ eine schmierig-derbe Satire über den alltäglichen Faschismus in der Tradition etwa von Schlingensiefs „Terror 2000“ (fd 30 119) oder „Das deutsche Kettensägenmassaker“ (fd 28 714 ), aber dazu fehlt es dem Film nicht nur an Mut zur Drastik, sondern auch an analytischer Schärfe und darstellerischer Verve. Budgetbeschränkungen tun ein Übriges, um „Todespolka“ zu einem recht eindimensionalen „Spaß“ für Gleichgesinnte werden zu lassen: Musikantenstadl und Stammtisch goes Banana. Auf Filmfestivals mag ein Film wie „Todespolka“ als erfrischend unbekümmertes Kino des Transgressiven erscheinen. Aber bereits eine zweite Begegnung mit dem Film macht klar, dass der Banalität des Bösen heutzutage nicht mehr mit den Mitteln des engagierten Schülertheaters beizukommen ist. Auch in dieser Hinsicht macht der Satz: „Wer sich nichts zu schulden kommen lässt, dem geschieht auch nichts“ durchaus Sinn.  

Ulrich Kriest

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-Dienst


Todespolka

Österreich 2010 - Regie: Michael Pfeifenberger - Darsteller: Alexander Pschill, Stefano Bernardin, Tamara Stern, David Wurawa, Oliver Huether, Dennis Cubic, Dieter Witting, Silvia Fenz, Michael Schuberth - FSK: ab 16 - Länge: 81 min. - Start: 19.5.2011

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays