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Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!

 

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"Wer sich erinnert, hat nichts erlebt!" - So oder ähnlich zitiert Oskar Roehlers neuestes Werk den Mastermind der Einstürzenden Neubauten Blixa Bargeld, der mal wieder so anämisch wie amnesisch Wodka hinter der Theke des "Risiko" randvoll in Wassergläser kippt und dabei z.B. darüber dichtet, dass Gott nicht im Arsch von Sodomisierten existiere. Zum Verwechseln (bis er die Brille absetzt) dem jungen Bargeld ähnlich, wird der gespielt von Alexander Scheer, der sogar den metallisch-näselnden Tonfall des Originals erreicht. Anders als Marc Hosemann, den optische Lichtjahre vom über Jahrzehnte juvenil gebliebenen und dennoch von ihm gespielten Nick Cave trennen,- aber bei allem fragt man sich, um was es denn hier eigentlich geht, um einen Lookalike-Contest, um irgendwelche Jugenderinnerungen eines Oskar Roehler, um das Berlin vor dem Mauerfall, oder gar um die Geschichte des Punk in der Mitte der Achtziger, also als eine sogenannte Bewegung "Punk" schon lange um die Ecke und Brötchen holen war, um bald danach vornehmlich als Unterhaltungsmusik für als Punks verkleidete Sozialhilfeempfänger auf Sitzbänken zu dienen?

Mit der differenziert auskultierten Frage haben wir auch gleich die differenziert diagnostische Antwort, denn um all das geht es, worauf die zweite Frage sich anschließt, ob solch Gemengelage denn eher dem Gedeih oder dem Verderb des Werkes diene? Und darauf lautet die Antwort: Roehler ist ein Mann der Momente. Ganz stark, da ganz grell ist die erste Filmhälfte, die nicht ansatzweise versucht, "realistisch" über die Spätphase von Hippietum und Bhagwan zu berichten, sondern schön fäkal, geschmacklos und mit grobem Strich die "Grundzüge" all der verlotterten Verhältnisse unter der Ägide der Friedensbewegten auf den Punkt bringt, und immer da, wo Roehler die Extreme, auch die eigenen, punkigen, exzessiv über das borden lässt, was eh schon extrem genug war, da macht der Film Spaß. Wunderbar überbordend realistisch auch der Kurzauftritt von "Robert Rothers" (Tom Schilling) Jugendfreundin, die im political-korrrekten Tonfall schon Jahrzehnte einer gemeinsamen spießigen Zukunft plant.

Wunderbar dann, nach eigencoiffeurischer Kreation eines Iros, seine Ankunft in einem outdoor stets schwarzweißen indoor stets farbigen Berlin-West, das - auch hier ist der Pinselstrich ein grober - zur einen Hälfte aus dem Herzen der Lebensfreude, einem Peepshow-Betrieb besteht, wo sich mitunter auch der Regierende Bürgermeister persönlich einen von der Palme wedelt, aber sonst quasi auch alles, was verheiratet und männlich ist. Die Peepscheiben sind herzförmig und allesamt satt mit Sperma bespritzt. Die Reinigung der Peepshow-Kabinen ist des jungen Mannes erster Job in der großen anonymen Stadt, in der er glücklicherweise ganz unten anfangen kann, was er ja schon immer wollte (statt Tellerwäscher Wixscheibenwäscher halt). Die andere Hälfte von Berlin ist die Kneipe "Risiko", das Herz von Avantgarde und Punk, wo u.a. Bargeld verbürgt hinterm Tresen stand, und zu 80 Prozent umsonst gesoffen wurde, wenn man nicht mit der Zufuhr von Speed, Koks oder Heroin beschäftigt war. Sehr spaßig verdichtend hier ein Morgen beim Schließen des Lokals, wenn der gesamt ausgeworfene menschliche Gaststubeninhalt auf dem Boden liegt und in den Rinnstein kotzt.

Doch doch, leider leider, so sehr der Filmanfang einstimmt auf eine große Sause, so schnell verzettelt sich Roehler in Nebenschauplätzen, wie in seinem langsam altbekannten Familienroman, der zwar interessant ist, besonders wenn man die Roehler-Mutter Gisela Elsner mit ihrer unverkennbaren Frisur nun schon (nach Hannelore Elsner: "Die Unberührbare" und Lawinia Wilson: "Quellen des Lebens") in einer dritten Variation (Hannelore Hoger) und in einer dritten Lebensabschnittsphase von Roehlers Biografie erleben kann, die aber eigentlich herzlich störend ist, wenn man doch gerade Spaß gefunden hatte an Berlin-Exzess, Berlin-Muff und so purer Hippielangeweile, dass das Kino nach Patschuli roch, bevor der Wodka alles überschwemmte.

Zerbrechen muss der Film unter dem Spagat zwischen durchaus autobiografischem, durchaus spürbarem Schmerz gefühlter Zurückweisung durch die Eltern und dem großen Abriss der Welten Punk und Hippietum. Potenziert wird diese Überbelastung beim biografischen Anteil durch das ewige Quäntchen von Überzeichnung und Übertreibung, eben dem, was gerade den weltanschaulichen Anteil so schön zu illustrieren vermochte.

Und zuguterletzt: Ich plädiere dafür, dass Tom Schilling den Michael J. Fox-Preis bekommt. Hier spielt er mit ca. 32 Jahren einen fraglosen Neunzehnjährigen, indem er einfach mal eben ein bisschen seine Stirnfalten strafft.

Benotung des Films: (5/10)

Andreas Thomas

Dieser Text ist zuerst erschienen in der www.filmgazette.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 


Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!
Deutschland 2015 - 104 min. - Regie: Oskar Roehler - Drehbuch: Oskar Roehler - Produktion: Stefan Arndt - Kamera: Carl-Friedrich Koschnick - Schnitt: Peter R. Adam - Musik: Martin Todsharow - Verleih: X-Verleih - FSK: ab 16 Jahre - Besetzung: Tom Schilling, Luisa Wietzorek, Frederick Lau, Wilson Gonzalez Ochsenknecht, Emilia Schüle, Heike Hanold-Lynch, Samuel Finzi, Gabrielle Scharnitzky, Alexander Scheer, Zsolt Bács, Hannelore Hoger, Daniel Zillmann, Julian Weigend, Anna-Maria Hirsch, Barbara Kowa
Kinostart (D): 26.03.2015

  

 

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