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Titos Brille

Wenn deutsche Filme den Holocaust anschneiden und dabei nicht auf Humor verzichten wollen, geht das meistens schief. Danach sieht es auch in der ersten halben Stunde der Verfilmung von Adriana Altaras Bestseller „Titos Brille“ aus: eine spitzbübische Off-Stimme, Originalaufnahmen der Familie im Wandel der Zeiten, ein flotter Schnitt, dokumentarische Archiv-Einsprengsel und reichlich infantile Musik. Fertig ist die leicht verdauliche Vergangenheitsbewältigung. Doch glücklicherweise emanzipiert sich Altaras vom inflationär verwandten Standardkonzept, auch wenn man die übermotivierte Balkan-Musik bis zum Ende ertragen muss. Das liegt unter anderem daran, dass Altaras’ Witz nicht bemüht simulieren, sondern sich auf eine natürliche Autorität in Sachen selbstironische Kommentare verlassen kann. Sie bewältigt den Spagat zwischen Melancholie, Überlebenskampf und Aberwitz mit einer Funken schlagenden Energie, von der man sich gerne nach Kroatien tragen lässt, ins Land von Altaras’ Eltern.

Dorthin bricht die Berliner Schauspielerin, Regisseurin und Autorin mit dem 35 Jahre alten Mercedes ihres Vaters auf. Die „Dibbuks“, die Geister ihrer Familie, lassen sie nicht los. Viele Details der familiären Biografien sind ungeklärt. Das sommerliche Road Movie soll Abhilfe schaffen. Erste Station ist Gießen, wo sich die Eltern nach der Flucht aus Titos Vielvölkeridylle eine neue Existenz aufgebaut haben. Die Mutter im Baudezernat und in der jüdischen Gemeinde. Der Vater als Radiologe am Uniklinikum, ein chronischer Womanizer, was gut erhaltene Super 8-Filme eindrücklich bezeugen. Der Besuch bei seiner Sekretärin trägt erstaunliche Blüten, wenn nebenbei die ganze Verspanntheit zum Vorschein kommt, die in den 1960er- und 1970er-Jahren im Umgang zwischen Christen und Juden herrschte. Altaras erlebte in diesen Jahren in einem Waldorf-Internat die Sozialisation deutscher Weltverbesserungspädagogik, was sie in beiläufigen Anekdoten immer wieder zum Besten gibt.

Doch warum mussten ihre südländisch strahlenden Eltern, für die Religion lange keine Rolle spielte, überhaupt in den Norden ziehen? In den Zagreber Archiven, bei Zeitzeugen und Historikern findet Altaras Antworten, die sie jenseits der Familienlegenden zu einem Mosaik zusammensetzen muss. Der Vater fiel, obwohl Partisane und Kommunist der ersten Stunde, einem absurden Schauprozess zum Opfer, weil man ihm schlichtweg seine Privatpraxis nicht gönnte. Die später so gefühlskalte Mutter verlor im Zweiten Weltkrieg die Wohnung und die moderne Bauhaus-Villa der Eltern. Sie landete mit ihrer Schwester im KZ, das wenig später von Partisanen befreit wurde, in deren Reihen unzählige Juden kämpften. Altaras sucht das verwaiste Lager auf, den Friedhof, auf dem ihr Großvater unter lauter Christen liegt, auch den alten Familienbesitz. Weder die Kommunisten noch der jetzige Staat meinen ihr etwas schuldig zu sein.

Ihre warmherzige Tante, bei der sie einige Jahre als Kind verbrachte, verschlug es an den Gardasee: eine über 90-jährige quirlige Schönheit, die hellsichtig auf Deutsch von den Tiefen ihrer verschwendeten Jugend erzählt. Zwei große Kerzenleuchter sind alles, was die Tante aus dem Haus ihrer Kindheit retten konnte. Wenn Altaras nicht mit dem Tragen der väterlichen Uniform Distanz zu den Enttäuschungen einer einst für viele Juden Hoffnung spendenden Ideologie schaffen will, schaut sie sich mit ihren Söhnen, die sie in den Ferien einfliegen lässt, alte Propagandafilme an, in denen sie als kleines Kind mitspielte.

Immer wieder lässt Altaras die Kamera an intimen Momenten teilnehmen, in denen sie unter der Last des schweren Erbes zu zerbrechen droht. Doch plötzlich übernimmt die Lebensfreude unvermittelt wieder das Kommando, etwa auf dem Bar-Mizwah-Fest ihres Jüngsten, zu der alle Akteure dieser so berührenden wie lehrreichen Erinnerungsreise zusammenkommen. Man glaubt Altaras sogar, dass sie ihre Eltern lieber nach New York auswandern hätte sehen; schließlich erkennt man in ihr auf Anhieb eine entfernte Verwandte von Woody Allen. Und doch ist man froh, dass diese zwischen den Kulturen mit lautem Lachen surfende Powerfrau einen hessischen Christen geheiratet hat und Berlin erhalten geblieben ist.

Alexandra Wach

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: filmdienst 25/2014

 

 

 

Titos Brille
Deutschland 2014 - 94 min. - Regie: Regina Schilling - Drehbuch: Regina Schilling - Produktion: Thomas Kufus - Kamera: Johann Feindt - Schnitt: Jamin Benazzouz - Verleih: X Verleih - Besetzung: Adriana Altaras, Aaron Altaras, Leonard Altaras, Wolfgang Böhmer, Josip Broz Tito - Kinostart (D): 11.12.2014

 

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