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Titanic

 

 

That Sinking Feeling

 

 

Unter den US-Großproduktionen, die heute im Fahrwasser des Katastrophenfilms auf Erfolgskurs steuern, greift „Titanic“ als einzige auf eine historische Katastrophe zurück. Das hat zur Folge, dass – ähnlich wie bei Filmen über das San Francisco-Erdbeben von 1906 oder den Absturz der Hindenburg – vom großflächigen Erzählverlauf kaum Überraschungen zu erwarten sind, weil man eh weiß, wie der Film ausgeht: eher schlecht (das Schiff wird unvermeidlich sinken). Glaubt man dem Kultur(psycho)analytiker Slavoj Zizek, dann war schon der Untergang des Luxusdampfers anno 1912 für die westliche Welt weniger eine Überraschung als die Bestätigung eines ahnungsvollen Vorwissens: von vornherein übercodiert im Bedeutungsnetz rund um die Hybris und Dekadenz einer technikgläubigen Klassengesellschaft – ein Populärmythos mit Rückständen bis ins heutige Metaphernrepertoire (weshalb die Versuchung, ihn als Sinnbild für den Untergang des Kinos zu bemühen, groß sein dürfte). Anderseits, so Zizek, liegt die Faszination der Titanic auch, abseits aller Symbolik, in ihrer monströsen „Dinghaftigkeit“ – als Altmetallhaufen auf dem Grund des Atlantik.

 

Von James Cameron, der uns in zwei „Terminators“ und in „Aliens“ die Physis von Metall und Monstern und in „Abyss“ die Nässe des Wassers eindrucksvoll präsentiert hat, war zu erwarten, dass er zweiteren Aspekt des Sujets betonen und es als Materialschlacht inszenieren würde. Tatsächlich dauert der Film ab der Kollision mit dem Eisberg noch satte neunzig Minuten, in denen viel Stahl ächzt, birst und sinkt. Camerons fast laszive Sinnlichkeit bei der Zertrümmerung von Materie, seine üppige Erotik der Elementarkräfte, beschert uns Einiges, was „Abyss“ so ähnlich gezeigt, die bislang letzte „Titanic“-Verfilmung (1953, mit Robert Wagner als juvenile lover) uns jedoch vorenthalten hat: routinierte Unterwasser-Action, die markenzeichenhaft aus dem Meer ragenden Schiffsschrauben, das nach Zerbrechen des Rumpfs senkrecht sinkende Heck oder die wie Eisheilige auf dem klirrend kalten Wasser treibenden Erfrorenen in Schwimmwesten. Das Schauwertspektrum reicht von atemberaubend bis pittoresk, wie man es von einem Spezialeffekt- und Ausstattungsspektakel verlangen darf, das als teuerstes ever gilt. Aber abgesehen davon, dass der pompöse Sensualismus heutiger Blockbuster das Kino möglicherweise in eine Sackgasse treibt, ist der Preis für das bisschen filmische Feuerwerkerei nicht nur in finanzieller Hinsicht hoch.

 

Der Intimkontakt mit dem Eisberg folgt einem innigen Kuss des HeldInnenpärchens, in dem eine vorangegangene achtzigminütige Romanze auf Groschenroman-Niveau kulminiert. Die narrative und figurenpsychologische Vorarbeit, die es braucht, damit die Titanic ordnungsgemäß sinken kann, ist die symbolische Codierung der Vernichtungsorgie. Sie belehnt allerdings weniger die Motivik von Hybris und Klassenspaltung bzw. -versöhnung so vieler anderer Katastrophenschinken – diese Register hätte vielleicht ein Roland Emmerich gezogen – als das Uralt-Modell „Initiationsritus“, das hier in der Schwundform „erste Liebe auf Kreuzfahrt“ Teenie-Zielgruppen bedient: Fideler Schnösel vom Unterdeck unterweist höhere Tochter vom Oberdeck gegen den Willen ihres arroganten Verlobten in Spontanität, Selbstvertrauen und Streichelsex, wobei Billy Zane als letzterer in Faschings-Makeup schmiert, Kate Winslet als zweitere zumindest farblos bleibt und das Bravoheft-Centerfold Leonardo DiCaprio als ersterer ein schlichtes Ärgernis ist. (Übrigens: Er stirbt!)

 

Dass Cameron weder mit dem period styling eines Kostümfilms noch mit der melodramatischen Polarität von Liebe versus Benimm viel anfangen kann, überrascht kaum und fällt deshalb nicht weniger unangenehm auf. Eine stupide Rückblendenkonstruktion, Kamerafahrtenkitsch und boshafte Intrigen (die ebenso an den völkisch-tendenziösen deutschen „Titanic“-Film von 1943 erinnern wie die schiefen Blicke auf orientalische Billigreisende) tragen bloß zur ermüdenden Überlänge bei, die vermutlich den Kinokartenpreis empfindlich erhöht. Wer Sinkspiele in großem Stil schätzt, sollte sich die zweite Filmhälfte anschauen; wer gern „Love Boat“ deluxe sehen will, die erste. Alle anderen sind bei „Titanic“ auf dem falschen Dampfer.

 

Drehli Robnik

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Falter 50, Wien, Dezember 1997

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte            

 

Titanic (1997)

TITANIC

USA - 1997 - 192 min. - Scope

FSK: ab 12; feiertagsfrei

Prädikat: wertvoll

Verleih: 20th Century Fox, Fox Home (Video)

Erstaufführung: 8.1.1998/22.10.1998 Video

Produktion: James Cameron, Jon Landau

Regie: James Cameron

Buch: James Cameron

Kamera: Russell Carpenter

Musik: James Horner

Schnitt: Conrad Buff, James Cameron, Richard A. Harris

Darsteller:

Kate Winslet (Rose DeWitt Bukater)

Leonardo DiCaprio (Jack Dawson)

Billy Zane (Cal Hockley)

Kathy Bates (Molly Brown)

Bill Paxton (Brock Lovett)

Bernard Hill (Captain Smith)

Jonathan Hyde (Bruce Ismay)

Victor Garber (Thomas Andrews)

 

 

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