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Titanic (1942)

Blub. (Deutungsgrenzen einer Katastrophe.)

 

Veit Harlan war des Reichministers Mann fürs Melodramatische. Anno ’44 durfte Kristina Söderbaum, die ewig vor Jugend und Kraft strotzende, in fast allen Filmen ihres Mannes todgeweihte Zappelliese und ahnungsvolle Allegorie des Tausendjährigen Reiches im quietschbunten Agfacolor-Gruftiestreifen Opfergang bedeutungsschwer in die Kamera schmachten: „Man ist ihm immer nah, dem Tod, und es ist auch ganz gut, wenn man ihm ab und zu zulächelt, und sagt, du bist mein Freund. Du kommst, wenn ich nicht mehr weiter kann.“ Je später die Stunde, desto lieber die Gäste! Noch zwei Jahre zuvor beurteilte Goebbels, das Jungfernfahrtsfiasko der Titanic auf der Leinwand unter antibritischen Vorzeichen zu zelebrieren, wäre „staatspolitisch wertvoll“. Dann wurde Herbert Selpins Streifen abgetakelt: Bis heute ließ sich kein Dokument finden, das die Gründe für ein Aufführungsverbot im deutschen Inland anführt. In allen anderen unterjochten Ländern des Ufa-Lichtspieltheaterimperiums hingegen durfte weiter abgesoffen werden: Der Devisenbedarf überwog den untergangsantizipierenden und -visualisierenden Demoralisierungstenor einer Schiffskatastrophe, die in ihrer suggestiven Symbolwirkung für das besetzte Europa eher eine Befreiungs- als die Unser-letztes-Stündlein-hat-geschlagen-Untergangsphantasie bedeutete. Aber warum gestattete man dem Herbert Selpin nicht, was der Veit Harlan noch fünf vor zwölf in Opfergang und Kolberg mit knochigem Zeigefinger vom Hauch des Todes umweht aufs Zelluloid kratzte? Hatte die donnergrollende Stimme des Freund und Helfers in der Not, hatte das Theater der Todesverachtung angesichts des profanen, allgegenwärtigen Krepierens seine erhebende Wirkung verloren? Heldentod, nein Danke?

 

Die Folgen der Kollision mit dem Eisberg hatten ultimativen Charakter. Keine Wunderwaffe konnte den eiskalten Untergang der megalomanen Titanic aufhalten, kein Triumph des Widerstandswillens dem pechschwarzen, fast vier Kilometer tiefen Eisbad trotzen, kein Propagandaminister den Medienmythos Nummer Eins des 20. Jahrhunderts als Volksverarschung mit Happy-End aufmöbeln. Zudem war Spielleiter Selpin selbst noch vor Vollendung des Filmes infolge sogenannter wehrkraftzersetzender Aussagen im Gestapo-Kerker gelandet und fand unter bisher ungeklärten Umständen den Tod. Dabei geriet seine Inszenierung des Drehbuches von Walter Zerlett-Olfenius (nach einem Entwurf von Harald Bratt) in weiten Teilen dermaßen sexy, dass James Cameron von einzelnen Sujets bis zu ganzen Einstellungen die schillerndsten Versatzstücke hemmungslos in die Postmoderne transferierte, sie einfältig wie kommerzgigantisch genial mit einer sozialkritischen, alle Standesgrenzen überschreitende Romanze verquickte, auf das Millionen Adepten der damaligen Spaßgesellschaft die Multiplexsäale doppelt und dreifach stürmten, um die dazumal seit vier Jahren trockengelegten Sturzbäche kugelrunder Krokodilstränen in der Größenordnung von Schindlers Liste aufs Neue in bangsüßem Todesschmerz herabzustürzen. So entwickelt der an Wert alles menschliche Ermessen übersteigende blaue Diamant in Camerons Adaption Wagner’sche Rheingoldqualitäten, während er in dem Nazivorläufer als Vehikel für naiv-abergläubisches, volkstümliches Seemannsgarn herhalten muss. Goebbels hätte sich vor Wut im Grabe umgedreht! Klartext: Bei Selpin ist es der auf unschuldige Seelen spezialisierte Klabautermann, der nach dem Klunker grapscht, und sei der Kutter auch noch so unsinkable: Ist der blaue Diamant an Bord, wird der Pott untergehen.

 

Cameron verlustiert sich an der verzogenen Göre einer verfaulten, dekadenten Hocharistokratie (Cate Winslett), die arm wie die Kirchenmaus dem sinkenden Schiff Europa auf Geheiß ihrer gestrengen Frau Mama in die Arme eines neureichen Ekels (Billy Zane) aus USA entfleuchen soll. Die Liebe ihres Lebens, der König der Welt und überaus ambitionierte, semiprofessionelle Aktzeichner Jack (Leonardo DiCaprio) geht völlig unerwartet in der Ironie des Schicksals unter. Im Epilog wirft die schrumpelige, dem Aussehen nach zu urteilen tausendjährige Brünnhilde-Cate Billys verfluchten Scheißdiamanten zurück in den großen Teich des Klabautermannes, der ja über drei Ecken irgendwie mit dem Rhein zusammenhängt. Goebbels hätte vor Freude laut in die Hände geklatscht! Verbot er den Film, weil Camerons Ausgeburt des internationalen Finanzjudentums seinen Katastrophenstreifen im völkisch-rassischen Einspielüberlebenskampf um Längen schlug? Hatten die verrückten Naziwissenschaftler neben der Strahlenbombe und Saturnrakete auch der Zeitreisemaschine in ihren vor blauweiß gestreiften Assistenten nur so wimmelnden Laboratoires das Leben geschenkt?

 

Ernst Jünger, der in Stahlgewittern vom Milchbubi zum Höllenhund gereifte Schöngeist unter den epochalen Haudegen, wagte zwar den Sprung von den Marmorklippen, aber von den klarschiffmachenden, menschheitshygienischen Aspekten der Titanictragödie konnte auch er die Finger nicht lassen. In Der Waldgang seien es die „gigantischen Ausmerzungen“ im Atlantikeisbad, mit denen der Schnitter unter den verweichlichten Zivilisationssubjekten die Spreu vom Weizen trennte und der maßlosen Fortschrittshybris der Titanic ihre Grenzen aufzeigte. Was Jünger in seinem Vernichtungsrauschgewichse vergaß, ist der Umstand, dass die Parole des Tages „Frauen und Kinder zuerst!“ lautete, und Gevatter Tod die Besten der Besten, die Edelsten der Edelmänner über die Klinge springen ließ. Es soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, was die Paradefeministin Claire Henrika Weber im Jahre 1912 in den Frauengedanken beim Untergang der Titanic ausfabulierte: „ Ein Geschlecht, das im Angesicht des Todes seinen Lebenswillen zu zügeln vermag, um dem schwächeren Teil der Unglücksgefährten die Rettung zu ermöglichen - Helden, die sich im rastlosen Eifer um die sichere Bergung ihrer Schiffsgenossinnen mühen, um dann selbst klaglos in den eisigen Fluten zu ertrinken - dürfen wir da nicht eher an eine kraftvolle Liebe zur Frau im Innersten der Mannesnatur glauben?“

 

Der Herrenmensch als todesverachtender Gentleman ist an und für sich keine schlechte Idee, wird man sich in der Reichskulturkammer gedacht haben. Allerdings kommt dem schneidigen, deutschen (!)1. Offizier der Titanic (Hans Nielsen) der NS-Gutmensch zu den Ohren heraus, dass die Schwarte nur so kracht. Jenes bizarr-paradoxe Rudolf-Höß-Gebilde, das nur seine Pflicht kennt, immer im Dienst ist und blinden Gehorsam zum Leben braucht wie manche das Denken, ist immerhin der einzige an Bord, der die gewinnsüchtigen Machenschaften der skrupellosen Aktionäre aus dem Mutterlande der Gentlemen erkennt und die Titanic auf ihrer Weltrekordglücksritterfahrt durchs Packeis bremsen möchte. Fehlanzeige, denn der korrupte Unglückskapitän Smith ist fest in der Hand der engelländischen Aktionäre. Dem ehedem hemdsärmligen Volksschauspieler Otto Wernicke wird hier die zweifelhafte Ehre zuteil, als steife, abgeklappert fleischlose Marionette den sündigen Bootsführer zu mimen, nachdem Wernicke in der Weimarer Republik noch Zigarre schmauchend und derbe fluchend den Prototypen aller Tatortsympathiebolzen, Kommissar Lohmann, feist-vergnüglich verkörperte und dämonische Schubiaks wie Dr. Mabuses Nachfahren hinter Schloss und Riegel brachte. Für Fritz Langs filmische Eskapaden und höfliches Absentieren vom braunen Showbiz schien er nun in Titanic in der Schurkenrolle büßen zu müssen, aber wie der Volksschauspieler Nummer 1 Hans Albers vollbrachte auch Wernicke das Wunder, offen mit einer Jüdin liiert zu sein und dennoch den krudesten Holzhammerpropagandastreifen wie Ohm Krüger oder Kolberg, beides Filme der Nation, sein possierliches Schauspielertalent zur Verfügung zu stellen.

 

Reich ist der Film an Widersprüchen! Die Antwort auf die Frage, warum der sonst in vielen Nazistreifen sehnsuchtsvoll besungene Tod in Titanic dem Großdeutschen Reich vorenthalten werden sollte, bleibt für die Historikerzunft im Bereich des Spekulativen. Sicher beschwört er allzu suggestiv den kollektiven Untergang, aber dies scheint nicht der Weisheit letzter Schluss zu sein. Wagen wir zu denken, dass wahrscheinlich auch Goebbels beim private viewing nie das Gefühl hatte, sich wirklich an Bord eines sinkenden Schiffes zu befinden, um ungeniert und ungestört seine romantische Todesneurose, seinen totalen Selbstdestruktionswillen als kinosesselsichere Sensationssublimation medial ausleben zu können. Trotz pompöser Kulissen und ausgefeilter Tricktechnik kam vermutlich auch ihm der deutsche 1a Gutmenschoffizier hinterm Ruder spanisch vor: Und das Propagandagift sollte schließlich indirekt und unmerklich wirken. Titanic bevorzugt da eher die Holzhammermethode.

 

Stephan Horn

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: karlas küchenkino katalog

 

Titanic (1942)

Deutschland - 1942 - 85 min. – schwarzweiß - Verleih: Südwest/Türck, Ufa (Video) - Erstaufführung:

7.2.1950/1.6.1959 DFF 1 - Produktionsfirma: Tobis - Produktion: Willy Reiber

Regie: Herbert Selpin, Werner Klingler

Buch: Walter Zerlett-Olfenius

Vorlage: nach einem Entwurf von Harald Bratt

Kamera: Friedl Behn-Grund

Musik: Werner Eisbrenner, Hubert Pataky

Darsteller:

Sybille Schmitz (Sigrid)

Kirsten Heiberg (Gloria)

Hans Nielsen (Petersen, 1. Offizier)

Ernst Fritz Fürbringer (Sir Bruce Ismay)

Karl Schönböck (Lord Astor)

Monika Burg (Hedi, Maniküre)

Otto Wernicke (Kapitän Smith)

Franz Schafheitlin (Henderson)

Sepp Rist

Charlotte Thiele

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