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Tiger Factory

 

 

In Woo Ming Jins malaysischem Film "Tiger Factory" wird über eine junge Frau verfügt, inklusive ihres Reisepass', ihrer Arbeitskraft und ihrer Gebärmutter.

Ping wohnt mit einer Freundin in einer kleinen Wohnung und arbeitet auf einer Schweinefarm. Dort entnimmt sie den männlichen Tieren Sperma und injiziert es den weiblichen. Den Samen des begehrtesten Tieres schafft sie beiseite und verkauft ihn schwarz. Sie möchte nach Japan, sie hofft dort in einer Autoteilefabrik zu arbeiten, realistischer sind vermutlich Anstellungen als Kindermädchen oder in der Prostitution. Eine "Tante" - ob die eine leibliche Verwandte ist oder lediglich eine bessere Sklavenhalterin, wird vom Film nicht eindeutig kommuniziert - es ist, da wiederum ist "Tiger Factory" sehr konsequent, auch ganz nebensächlich - verfügt über ihren Reisepass, ihre Arbeitskraft, schlichtweg über ihr ganzes Selbst, mit Haut und Haaren. Auch über ihre Sexualität und ihre Gebärmutter: in einem heruntergekommenen Gebäude schläft sie mit angeheuerten Männern, armen Migranten aus Burma, auf dass der Adoptionsmarkt in Schwung bleibt. Eine "Tiger Factory", deren Parallelen zur Schweinefarm unübersehbar sind.

Nach dem Sex, der jedesmal in einem nüchternen, harten Schnitt übersprungen wird, einem Schnitt, der die unbarmherzige Ökonomie des Dargestellten auf die Form erweitert, legt sie die Beine hoch, weil das die Empfängnischancen erhöht. Die Männer werden pro Akt entlohnt, sie selber nur im Erfolgsfall. Für einen Jungen würde sie 4000 malaysische Ringgit - knapp 1000 - erhalten, für ein Mädchen 2500. Das erste Kind verliert sie bei der Geburt, das sagt ihr zumindest die Tante.

Malaysia gehörte einmal zu den sogenannten Pantherstaaten, die in den achtziger und frühen neunziger Jahren hofften, einen ähnlichen Wirtschaftsaufschwung zu erleben, wie vor ihnen die "Tigerstaaten" Südkorea, Hongkong, Singapur und Taiwan; seit der Asienkrise 1997 hat sich diese Hoffnung ziemlich gründlich zerschlagen. Vielleicht kann man den Filmtitel auch als bitteren Kommentar zu diesem Zusammenhang auffassen, schließlich geht es um die Selbstreproduktion einer prekären sozialen Ordnung, die zwar das Ökonomisierungsdiktat übernommen hat aber dennoch nicht am Fortschrittsnarrativ partizipieren kann. Es liegt eine bleierne Schwere über der Welt, Gras wuchert über Beton, leere Blicke gehen in die Ferne, weil es in der Nähe nichts gibt, das sie festhalten könnte.

Einem der Männer, mit denen sie ins Bett geht, kommt Ping näher. Einmal legt der ihr, nach erfüllter Pflicht, ein Kissen unter den Kopf. Diese eine, mitfühlende Geste bringt etwas in Gang, aber was da in Gang kommt, ist keine Bewusstwerdung im eigentlichen Sinne, keine Rebellion, auch kein Erwachen von Empathie und Menschlichkeit; eher eine Selbstermächtigung innerhalb des Systems, nach dessen Regeln. Die 2500 Ringgit, die Ping, nachdem sie ihre Karten klug ausgespielt hat, schließlich erbeutet, fallen an einer anderen Stelle, für eine andere Person an. Solidarität ist in der "chicken farm" (Aravind Adiga) nicht funktional.

In einer Welt, in der alles objektiviert ist, wäre vielleicht schon die Simulation von Subjektivität eine Lüge. Die agile, aber nicht hektische Kamera bleibt meist nah bei Ping, sie rückt ihr aber nie ganz auf den Leib, passt sich nicht an ihre Körperlichkeit an - ganz anders als in so vielen anstrengenden Handkamera-Sozialdramen der Gegenwart, die einem das Mitfühlen förmlich aufdrängen. Wenn Ping kniet oder liegt - und das tut sie oft - dann blickt die Kamera von schräg oben, das sind besonders bedrückende Bilder. Einmal fällt Ping in Ohnmacht, da kippt sie einfach unten aus dem Bild, die Kamera folgt ihr erst nach einer kurzen Verzögerung. Pings Bewegung bleibt immer distinkt von der Bewegung der Kamera, der Film zieht einen nicht in Pings Welt, macht sich nicht eins mit ihr, auch nicht, wenn er ihr immer wieder direkt ins unbewegte Gesicht blickt. Wenn der Film dann für einen Moment, in einer melancholischen 180°-Fahrt, doch ganz ihre Perspektive übernimmt, ist das ein Schock, weil man erkennt, dass man die Bilder keiner Innerlichkeit zurechnen kann.

Woo Ming Jin ist einer der wichtigsten Regisseure des seit einigen Jahren sehr interessanten jungen malaysischen Kinos. Vor einigen Jahren war sein noch etwas überambitionierter Erstling "Monday Morning Glory" auf der Berlinale zu sehen, seither entwickelt er mit jedem Film deutlicher seine eigene Handschrift. "Tiger Factory", seine bisher stärkste, formal konzentrierteste Arbeit, wurde unter anderem in Cannes und Rotterdam gezeigt. Dass sie jetzt auch die deutschen Kinos erreicht, in denen von allen relevanten Strömungen des asiatischen, erst recht des südostasiatischen Kinos gewöhnlich gar nichts ankommt, ist alles andere als selbstverständlich; genauer gesagt: ein kleines Wunder, das ausschließlich dem unbedingt zu begrüßenden Wagemut des ehrgeizigen Hamburger Verleihs Aries Images zu verdanken ist.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

Tiger Factory
Malaysia / Japan 2010 - Originaltitel: The Tiger Factory - Regie: Woo Ming Jin - Darsteller: Lai Fooi Mun, Pearlly Chua, Susan Lee, Rum Nun Chung, Lesly Leon Lee - FSK: ohne Altersbeschränkung - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 84 min. - Start: 22.9.2011

 

 

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