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The International

Eine Geschichte wie aus der Blütezeit des italienischen Thrillers der 70er Jahre, als zornige Regisseure mit proto-kommunistischer Gesinnung raue Filme über moralische Verderbtheiten der Finanzwelt drehten: Eine korrupte Bank, die am liebsten beide Seiten eines internationalen Konflikts bedient, um, wie es einmal heißt, in erster Linie die daraus erwachsenden Schulden zu kontrollieren, bereitet einen schwiemeligen Waffendeal vor; ein cholerischer Cop mit nicht allerbesten Arbeitszeugnissen ermittelt in dieser Angelegenheit auf Seiten Interpols. Verzweifelt auf der Suche nach Zeugen, nach kleinsten, zur Not orthopädischen Spuren, auf dem besten Weg in die Paranoia. Im Italien der 70er Jahren wäre unweigerlich Franco Nero für eine solche Rolle in Frage gekommen, heute erledigt Clive Owen den Job, der hier nach seiner großartigen Performance in "Children of Men" einmal mehr unglaublich aus- und abgebrannt spielt, sich aufs Ohr erst ordentlich was hauen und es sich dann fast abschießen lässt. Kein strahlender, ein manischer, atemloser Held, ein gehetzter Hetzer im System des Kapitalismus, das den Gegner, den er zu Fall zu bringen gedenkt, schon ganz grundsätzlich schützt.

 

Im hektischen Schnitt geht es in Tom Tykwers "The International" von Berlin nach Paris nach Mailand nach New York nach Istanbul (nicht ausgeschlossen, dass hier was fehlt), gerne auch hin und her. Die Stationen sind Set Pieces, die Locations mit Sorgfalt nach ihrem Schauwert ausgewählt. Smooth und elegant werden die Städte, die Gebäude von der Kamera eingefangen, schnörkellos, und doch mit Stilbewusstsein. "The International", Tykwers erster richtiger Hollywoodfilm, so nebulös dieser Begriff heute auch angesichts der zahlreichen Produktionsmittel aus anderen Ländern, sein mag, ist sattelfestes, souveränes Genrehandwerk, mit Sinn schon auch für den einzelnen Effekt, aber ohne allzu große Angebereien: Man kann hier ganz gut mitfiebern, ohne in einem fort bestrickt zu werden. Und ein Spektakel ist es obendrein, wenn im New Yorker Guggenheim - der Kunstliebhaber darf aufatmen: ein Nachbau - ausgiebig die Eskalation eines Shootouts zelebriert wird, der anderen Filmen zum abschließenden Höhepunkt gereicht hätte, hier aber nur einen, indes fast schon antiklimatischen, ganz auf Reduktion setzenden, salopp lakonischen Showdown auf engstem Raum über den Dächern von Istanbul vorbereitet.

 

Tykwers Ansatz ist durchaus cinephil: Pakulas "Zeuge einer Verschwörung" schimmert gelegentlich durch, der italienische Politthriller ist schon genannt, die räumliche Eskalation und schließliche Konzentration auf den individuierten Manövrierraum erinnert an die ganz ähnliche Konzeption von "French Connection". Sympathisch ist, dass dies eher mitschwingt als aufgestrichen ist. Darüber hinaus: Gutes Genrekino, behutsam austariert zwischen nötiger Grandezza und angebrachter Bodenhaftung.

 

Thomas Groh

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: Perlentaucher am 12.2.2009

 

The International

USA / Deutschland 2008 - Regie: Tom Tykwer - Darsteller: Clive Owen, Naomi Watts, Armin Mueller-Stahl, Brian F. O'Byrne, Ulrich Thomsen, Jack McGee, Victor Slezak, Patrick Baladi, Nilaja Sun, Luca Calvani, Luca Barbareschi - Länge: 118 min. - Start: 12.2.2009

 

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