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The Good, the Bad, the Weird

Duell zu dritt

 

Der rasante koreanische Western "The Good, the Bad, the Weird" ist der Actionfilm dieses Sommers

 

Der koreanische Regisseur Ji-woon Kim legt großen Wert darauf, dass sein Film The Good, The Bad, The Weird ein Western sei; nicht nur, weil er sich locker an The Good, The Bad And The Ugly orientiert, Sergio Leones klassischem Italowestern von 1969. Der Nachspann meldet auch noch einmal leinwandfüllend: "An Oriental Western".

 

Wie das Genre sich in den sechziger Jahren im Italowestern als adaptierbar erwiesen hat, dient dem Regisseur als Ermunterung, diesem jetzt noch etwas mehr zuzumuten. Damals hatten – auch von Italien inspiriert – von Brasilien (Glauber Rocha) bis Japan (Akira Kurosawa) Regisseure lokale, nationale, historische und revolutionäre Stoffe der ganzen Welt in Westernszenarien gepackt. Konstanten aller Versuche waren lange Mäntel, wie es sie auch in diesem koreanischen Western reichlich zu sehen gibt.

 

Dennoch wurde das Genre kurz darauf totgesagt, und seine Elemente verstreuten sich in alle Winde: vom Roadmovie bis zum Abenteuerfilm. Wenn alle fünf Jahre Wiedergeburten des Westerns verkündet werden, sind es meist Filme, die sich nur das Territorium vom Western leihen, um aber etwas ganz anderes zu machen, wie etwa Ang Lees Brokeback Mountain oder vor einigen Jahren die poetisch-drastische Fernsehserie Deadwood mit ihren kunstreichen Dialogen.

 

Ji-woon Kim zielt denn auch eher auf die Post-Western-Abenteuerfilm-Serien von Mad Max bis zu Indiana Jones, die er allerdings an Dynamik, Witz und filmischer Genauigkeit weit übertrifft. Sein Western spielt in der Mandschurei in den dreißiger Jahren, in einer gesetzlosen Dekade, in der sich die faschistische japanische Armee und diverse Warlords die Herrschaft über ein Gebiet teilen, das reichlich Auslauf für üppige Verfolgungen und Feldschlachten bietet. Hier lassen sich Kunststücke, bizarre Gefährte und überraschende Wendungen aufs Leckerste inszenieren. Die politischen Akteure tauchen nur als rundum karikierte Japaner und als verstreute koreanische Nationalisten auf, denen aber auch nicht gerade die Sympathien des Publikums zugeführt werden sollen.

 

Die drei Hauptfiguren jagen einem McGuffin nach, einer Schatzkarte. Wichtiger ist, dass sie drei Prinzipien der Kinofigur vertreten: den Guten und den Bösen, die man immer schon kannte, und den zu "The Weird" (dem Bizarren, Eigenartigen) zugespitzten Hässlichen. Letzterer war tatsächlich einmal eine Erfindung des Italowesterns; oder besser: Der Italowestern hat den weise krächzenden Trunkenbold, wie ihn Walter Brennan im klassischen Hollywood-Zeitalter zu spielen pflegte, zum eigenständigen Helden befördert. Diese Figur trifft aber auf eine reiche eigenständige Vorgeschichte in der fernöstlichen, namentlich der japanischen Tradition. Toshiro Mifune, der etwa in Kurosawas Sieben Samurai oder in Yojimbo einen solchen ebenso weisen wie krächzend lachenden "Weirdo" spielt, steht für diese Figur eines unkonventionell durchgeknallten Einzelkämpfers, der, scheinbar schwächer als der strahlende Gute und zu gut gegen den Bösen, durch subversive Tugenden seine Schnitte macht. Zahllose Varianten dieser Type spuken durchs südostasiatische Kino.

 

In The Good, The Bad, The Weird spielt Song Kang-Ho "The Weird" ohne die theaterhaften Übertreibungen mancher seiner Vorgänger, aber ähnlich intensiv. Neben ihm bleiben seine Gegenspieler (Lee Byung-Hun und Jung Woo-Shung) zwar formvollendet animierte, eindrucksvolle schöne, aber eben: Comic-Charaktere.

 

Kann man den Weirden als eine Synthese aus Gut und Böse betrachten? Schließlich geht es ihm um ein moralisch hoch stehendes Ziel, nämlich darum, seiner maximal passiven und tagelang in Wandschränken abgelegten winzigen Großmutter ein schönes Leben zu ermöglichen. Da seine Methoden, seine alberne Pilotenmütze und sein derber Humor aber eher von niederem Niveau sind, könnte man die Weirdness als eine Synthese aus guter Moral und bösen Manieren beschreiben. Doch mehr noch als Sergio Leones Original legt Ji-woon Kims Film großen Wert darauf, dass wir es mit drei völlig verschiedenen Prinzipien zu tun haben, die sich am Ende auch als gleich schlau, fähig, berechtigt erweisen.

 

Die alte Idee, dass ein Fußballspiel auf drei Tore dem üblichen in jeder Hinsicht an philosophischem wie an sportlich-strategischem Reiz vorzuziehen sei, wie sie der dänische Maler Asger Jorn einst vertreten hat, treibt auch hier die Story an: Wenn sich A mit B streitet, bieten beide C offen Flanken dar. Sie könnten sich aber auch verbünden.

 

Bevor es schließlich zum ausgiebigen Dreikampf-Showdown kommt, dem man gern noch länger zugesehen hätte, garantiert das Wissen um den jeweils abwesenden Dritten die ganze Zeit zusätzliche Spannung, hält jede Situation unabgeschlossen, ohne sich Gegner aus dem Hut zaubern zu müssen – was im Übrigen aber auch reichlich geschieht: Nach einer gewaltigen Eisenbahnraub-Ouvertüre wird das Trio erst einmal auseinandergesprengt, in Zweier- und Einzelgeschichten durch Steppen und Wüsten geschickt, bis es einen bizarren Reigen zweitrangiger Gegner nur noch als lästiges Hindernis für das finale Dreierspiel aus dem Weg räumen muss.

 

In der Mitte des Films, zwischen Zugraub-Urknall und finalem Dreikampf, spielen die Szenen auf dem Geistermarkt, dem scheinbaren Ruhepunkt zwischen rasenden Bewegungen mit allen denkbaren Verkehrsmitteln. Ein schöner Name für den Mittelpunkt einer so ungeordneten Welt! Hier begegnen sich, ähnlich wie bei den verschiedenen etxraterrestrischen Marktplätzen der Star-Wars-Serie, wilde Gesellen in einer improvisiert wirkenden Hüttensiedlung, deren prekäre Schönheit an all die Utopien informellen Wohnens und Arbeitens erinnert, die sich die Rem Kohlhaases dieser Welt gerne ausdenken.

 

Doch die Ruhe bleibt natürlich eine vor dem Sturm, und es kommt zu einem ersten Pre-Showdown. An diesem Fight lassen sich die Tugenden dieses Actionfilms gut exemplifizieren: verwirrende, überschnelle Bewegungen durch das Hüttenwirrwarr und zugleich eine Kamera, die immer wieder den Blick des Zuschauers stabilisiert. Dabei gelingt ein atemberaubender Austausch zwischen überwältigender Verwirrung und Nachvollziehbarkeit der Perspektive.

 

Auch fantastisch, obwohl nahe an dem übrigens die ganze Zeit nicht sehr fernen Tarantino-Geschmack, ist der großzügige Einsatz eines der erhabensten Urlaubs-Trash-Disco-Klassikers der siebziger Jahre: Don’t Let Me Be Misunderstood von Santa Esmeralda. Wie zu diesem Gewirbel aus vermüllten Flamenco-Resten, mit Gin Tonic geölten R’n’B-Phrasen, einer amtlichen Disco-Produktion und salzigsten Streicherriffs der gesamte Sand der Mandschurei verspritzt und faschistische Armeen aus der bloßen Hand gestampft werden (und ruck, zuck wieder vernichtet), sollte man gehört und gesehen haben. Wer diesen Sommer nur einen Actionfilm sehen will…

 

Diedrich Diederichsen

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: ZEIT vom 30.07.2009 (Nr. 32)

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

The Good, the Bad, the Weird

Südkorea 2008 - Originaltitel: Joheunnom nabbeunnom isanghannom - Regie: Kim Ji-woon - Darsteller: Jung Woo-sung, Lee Byung-hun, Song Kang-ho, Ryu Seung-su, Song Young-chang, Yun Je-mun, Son Byung-ho, Oh Dal-su - Länge: 130 min. - Start: 30.7.2009

 

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