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Terror in der Oper

 

 

Als „Opera“ 1987 entstand, war Horrormeister Dario Argento schon unterwegs vom Meister des Fachs zur Karikatur seiner selbst. Der Mangel an Subtilität findet sich schon hier potenziert, aber das eine Mal lässt sich das noch als kruder Spätstil genießen. Außerdem sind wir ja sowieso und von Anfang an in der Oper. Verdis „Macbeth“, genauer gesagt, und zwar in der Inszenierung eines, genau, Horrorfilmregisseurs. Der lässt die Raben los, mit Close-ups auf Rabenaugen schon zu Beginn.

Ein paar Aufführungen später werden die Raben dann durch den Zuschauerraum des prächtigen Opernhauses fliegen, und die Kamera kreist in wild taumelnden Point-of-View-Shots mit. Das Publikum schreit, weicht zurück. Dann ein blutiges Massaker, die Kamera sticht zu mit scharfem Schnabel, hackt der Polizei ein Auge aus, von einem Raben im Bild wird es verspeist. Schöne filmemacherische Allmachtsfantasie: Kino als brutale Blendung des Zuschauerblicks.

Da pocht das Herz. Und es pocht ganz buchstäblich. Der Film selbst nämlich pocht: Herzschlaggeräusch auf der Tonspur, dazu eine Systole und Diastole des Bilds, das sich zusammenzieht und wieder weitet. Auch ein schalenlos leinwandfüllendes Hirn macht, mehrmals im Bild, Sachen dazu, ein lebendes, pumpendes Organ.

Weiter kann ein Regisseur nicht gehen mit seinem Versuch, möglichst direktes Affekt- und Körperkino zu produzieren. Das Kino selbst wird Argento zum Körper, mit Metaphern hält er sich dabei gar nicht erst auf beziehungsweise nimmt er die Körpermetaphern, die das Kino bereithält, mit seinen brutalen Attacken beim Wort: Der Film ist ein Rabe, ein Messer, er ist schneidende Textur, er ist bohrender, in Körper eindringender Stahl, er zwingt dem Zuschauerblick ein von Nadeln bedrohtes Auge auf, dem ein Mörder seinerseits den Blick auf seine Torturen aufzwingt.

Die Mittel der Horror- und Spannungsproduktion sind dabei so ziemlich auf Autopilot. Was nicht heißt, dass das Ganze nicht komplett ins Delirieren gerät, dass sich die Kamerafahrten und -flüge nicht aus allen Verankerungen reißen, um durch die barocken Sets zu karriolen, als gäbe es kein Gestern und Morgen. Die eher boden- als mannshoch durch die Räume rasenden Subjektiven sind nicht durchweg, aber letztlich dann doch von allem gelöst, das ihnen Sinn und Halt geben könnte – vom Täterblick, von Opferhalluzination, von Raben, Messern und Mordlust. Sie sind reine Bewegung einer Kamera, der alles erlaubt ist oder die sich alles erlaubt, die dann auch mal den Flug eines Projektils durch den Türspion direkt ins Auge des Opfers verfolgt.

Der Plot ist dabei etwas, das man eher in Kauf nehmen muss. Für die Schauspielkünste der Darsteller, für die Dialoge gilt das leider nicht minder: eine Tortur, dass man auch hier immer weiter hinsehen muss. Zum Glück ist der rettende Wahnsinn nie weit. „Opera“ ist mehr noch als andere Filme Argentos nach dem Opernprinzip von Rezitativ und Arie strukturiert. Der Film zerfällt, aber von den Zerfallsprodukten sind viele sehr schön.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen in der taz

  

Terror in der Oper
(Opera) - USA 1988 - 87 / (Director’s Cut) 107 Min. - FSK: ab 16 Jahre - Regie: Dario Argento - Drehbuch: Franco Ferrini, Dario Argento (Story/Screenplay) - Produktion: Dario Argento - Musik: Claudio Simonetti - Kamera: Ronnie Taylor - Schnitt: Franco Fraticelli - Besetzung: Cristina Marsillach: Betty - Ian Charleson: Marco - Urbano Barberini: Inspektor Alan Santini - Daria Nicolodi: Mira - Coralina Cataldi-Tassoni: Giulia - Antonella Vitale: Marion - William McNamara: Stefano - Barbara Cupisti: Signora Albertini - Antonino Iuorio: Baddini

 

DVD

„Opera“ (Italien 1987, Regie: Dario Argento). Die Edition von Koch Media ist im Handel ab rund 27 Euro erhältlich.


 

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