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Terminator: Genisys

 

 

Signatur des Gemetzels

Verstrahltheiten unterschiedlicher Art häuft Alan Taylors 200 Millionen Dollar teure fan fiction "Terminator: Genisys" an

Als James Camerons "The Terminator" (1984) in die Kinos kam, war ich zwei Jahre alt, beim Starttermin von "Terminator 2: Judgment Day" (1991) fast zehn. Gesehen habe ich beide Filme einige Jahre später, Rücken an Rücken, als ob sie - unvordenkliches Doppelgestirn am Actionkinofirmament - immer schon zugleich existiert hätten. Zu einem Teil ist mein verwirrtes Zeitgefühl auf die Filme selbst zurückzuführen: Beide handeln von Rückkehrern aus einer dystopischen Zukunft, in der die Maschinen die Weltherrschaft an sich gerissen haben.

Als formvollendetes Diptychon leben Terminator 1 und 2 von Variation und Verkehrung. Der kybernetische Organismus (Arnold Schwarzenegger), den unsere zukünftigen Robot Overlords im ersten Teil in die Erzählgegenwart entsenden, um eine junge Frau namens Sarah Connor zu terminieren, wird in der Fortsetzung zu Sarahs Beschützer umprogrammiert. Beide Teile habe ich als extrem gewalttätig in Erinnerung, aber die Signatur des Gemetzels ist jeweils eine andere. Hier der mechanische T-800 (Schwarzenegger als B-Movie-Ausgeburt mit Lederjacke, Sonnenbrille und abgesägter Shotgun), dort der postindustriell-quecksilbrige Formenwandler T-1000, der chirurgisch präzise Skalpelle aus seinen Armen (und durch die Schädeldecken nichtsahnender Opfer) wachsen lassen kann.

Die schlimme Zukunft kam zunächst nur als Vision oder Vignette vor: schweres futuristisches Kriegsgerät, das über splitternde Schädelknochen rollt. Mit "Terminator 3" ändert sich das. Er führt hin zur Katastrophe, kulminiert im nuklearen Fallout, der das Zeitalter der Maschinen einläutet. Im (nicht mehr numerierten) vierten Eintrag in den Franchise-Kanon, dem salbungsvollen "Terminator Salvation", gab Regisseur McG der Versuchung nach, das davor immer nur angedeutete Zukunftsszenario eingehender in den Blick zu nehmen. Was als B-Movie-Prämisse einwandfrei funktionierte, wirkte hier, zur bierernsten Apokalyptik aufgeblasen, wichtigtuerisch und fad.

Zumindest dieses eine hat der neueste Terminator-Film - Untertitel "Genisys" [sic!] - für sich: Er bemüht sich, dem Geist der ersten beiden Filme treu zu bleiben. Mit Kategorien wie Sequel oder Prequel kommt man dem delirierenden Zeitreiseplot von "Terminator: Genisys", der völlig neue Möglichkeitswelten aufwirft, dennoch nicht bei. Eher schon wäre das, was Regisseur Alan Taylor versucht, als reboot zu bezeichnen, das ikonische Figuren, Orte und Situationen aufruft, um innerhalb des etablierten Repertoires neue Verschaltungen herzustellen.

Das Problem: "Terminator Genisys" sucht so zwänglerisch nach Anschlüssen an den Terminator-Mythos und hat tonal so wenig Kontrolle über sein Material, als wäre er ein Stück fan fiction. Der Film ist, man muss es offen aussprechen, peinlich schlecht geworden, ein "popkultureller Clusterfuck" (wie ein Facebookfreund trefflich schreibt), dabei aber doch irgendwie anrührend, noch in seinen lächerlichsten Momenten. Zu Beginn bekommt Arnold Schwarzenegger es mit einer bösen, historisch früheren Version seiner selbst zu tun. Der gealterte Schauspielerkörper gegen das Digitalisat seines jüngeren Selbst - eine super Idee, die sich aber leider rasch erledigt. Als eigentlicher Widersacher entpuppt sich ein neuer, magnetbasierter Cyborg von unbekannter Typenbezeichnung. Das Altern als beherrschendes Thema freilich bleibt. Einer der unzähligen (lies: viel zu vielen) Einzeiler: "I'm old, but not obsolete."

Taylor lässt nicht nur den originalen T-800 wieder auferstehen, sondern stellt ganze Szenen aus den ersten beiden Filmen bis ins anachronistische Spezialeffekt-Detail nach. "Terminator Genisys" ist ein gar nicht mal so liebloses Pastiche, das seine Stimmungen und Affekte nicht annähernd im Griff hat. Mal wird ironisch zitiert, mal nostalgisch. Schwarzenegger tendiert zur Selbstparodie. Emilia Clarke ist eine kontraintuitive Wahl für die Rolle der toughen Guerrillera Sarah Connor. Ob sie strategisch gegen den Strich oder einfach fehlbesetzt ist, lässt sich am tonal konfusen Endergebnis nur schwerlich ablesen. Ulk und Ernst, Faustkampfaction und CGI-Wunderkerzen stehen unvermittelt nebeneinander, werden auch vom fadenscheinigen Drehbuch nicht zusammengehalten, das erst überaus zuvorkommend jede Windung auserzählt, auf halber Strecke dann aber achselzuckend aufgibt: zu kompliziert! Der (mit jedem Zeitsprung zunehmenden) Erzählparadoxien entledigt sich "Terminator: Genisys" irgendwann in einem hingeworfenen Halbsatz, der alle Ungereimtheiten zu planieren vorgibt, ohne tatsächlich etwas zu erklären: "We are marooned in time!" Nichts spricht dagegen, die selbst auferlegten Regeln zu brechen, nichts gegen einen sich zerfasernden Blockbuster, der keine Ambitionen auf total integriertes Gesamtkunstwerk hat. Aber Taylor gerät in Atem- und Erklärungsnot nicht aus Wagemut, sondern weil er sich auf nichts so recht festlegen mag. Nur Hans Zimmer weiß, was er will: dasselbe wie immer.

Auch der Versuch, die zentrale Computerintelligenz Skynet, die es, einmal online, auf die Vernichtung der Menschheit abgesehen hat, an gegenwärtige Verhältnisse anzugleichen, ist mehr bemüht als gelungen. Weil alle ständig auf ihre Smartphones und Tablets starren, will Skynet sich als omnipräsentes Betriebssystem Genisys ins World Wide Web (und von dort, so stelle ich mir vor, in die Schaltkreise des militärisch-industriellen Komplex) insinuieren. "The ultimate killer app", sagt der stolze CEO; zum Showdown kommt es logischerweise in San Francisco.

Rätselhaft bleibt, an welches Kundensegment "Terminator: Genisys" sich eigentlich richtet. Maximal aufnahmebereite Fanboys und -girls, die an den dicht gestreuten Reverenzen und Reminiszenzen allein satt werden? Dass das ökonomische Kalkül dieses im großen Stil gescheiterten Films letztlich undurchschaubar bleibt (bei geschätzten Produktionskosten von annähernd 200 Millionen Dollar), macht ihn mir doch ein wenig sympathisch - zumal ich mir fest einbilde, zwischen all der Verstrahltheit immer wieder echte Bewunderung für den Urtext aufblitzen gesehen zu haben.

Nikolaus Perneczcky

Dieser Text ist zuerst erschienen in:www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 
Terminator: Genisys
USA 2015 - 125 min. - Regie: Alan Taylor - Drehbuch: Laeta Kalogridis, Patrick Lussier, James Cameron, Gale Anne Hurd - Produktion: Bill Carraro, David Ellison, Megan Ellison, Dana Goldberg, Laeta Kalogridis, Patrick Lussier, Paul Schwake - Kamera: Kramer Morgenthau - Schnitt: Roger Barton - Musik: Christophe Beck - Verleih: Paramount - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Emilia Clarke, Jai Courtney, Arnold Schwarzenegger, Aaron V. Williamson, Jason Clarke, Matt Smith, Byung-hun Lee, Teri Wyble, J.K. Simmons, Sandrine Holt, Douglas Smith, Courtney B. Vance, Dayo Okeniyi, Nolan Gross, Jerome Andries - Kinostart (D): 09.07.2015

 

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