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Taxi zum Klo

 

 

Da ist er wieder, der Kultfilm von vor dreißig Jahren. Schwuler Sex bis zum Abwinken. „Witzig, konsequent und unsentimental“, lobte damals das Time Magazin. Und die Süddeutsche Zeitung sah eine schwule „Komödie voller Selbstironie und raschem Witz. Dergleichen gab es noch nicht“. Und heute, hallo, gibt’s dergleichen inzwischen? Antwort: mitnichten. Ich sah den Film 1981. Ich sehe ihn 2010. Und „Taxi zum Klo“ ist frech und frisch und quicklebendig wie eh und je. Okay, um glaubwürdig zu sein, müsste ich an irgendwas herummäkeln. Mach ich vielleicht später. Zum Beispiel stimmt es nicht, dass Regisseur und Hauptdarsteller Frank Ripploh lebt. Er ist vor acht Jahren gestorben. An Krebs. Im Krankenhaus lag er damals, wegen Virenzeug, glaube ich. Aids gab es ja noch nicht.

Was tun, wenn’s im Bett langweilig wird? Also das Taxi zur Klappe. Bitte, eine halbe Stunde warten. Zeit für ein paar erigierte Penisse. Und zurück. Ja, die Handlung. Sie ist voll autobiografisch. Frank, genannt Peggy, Hauptschullehrer in Berlin, unterrichtet eine Jungsklasse als Beamter auf Probe (war er auch noch während der Drehzeit). Ein originaler Schwarzweißlehrfilm über das, was heute als Missbrauch bekannt geworden ist, wird gezeigt. Zur Abwechslung wird in das Lehrmaterial ein Junge eingeschnitten, der mit Vergnügen auf Peggys Schoß hopst. Wer das nicht mehr okay findet und sich auskennt, kann sich mit Auftritten von Magdalena Montezuma (Arzthelferin) und Tabea Blumenschein vergnügen. Als Großwetterlage haben wir viel Regen in Berlin. Am Fehrbelliner Platz und drum herum. So war das 1980. Ein jungbeamtenwürdiges Ambiente. Peggy lässt sich von Bernd (Bernd Broaderup), Kino-Vorführer in der Yorckstraße, bekochen, betun, betutteln und mit Visionen vom gesunden Landleben belabern, am besten einen kleinen Hof bei Hitzacker mit viel Schafen drauf. Folge: „Wir müssen reden“. Weitere Folge: Peggy sucht seine Sexpartner auf der Straße oder wo auch immer. Muscleboys, Schüchterlinge, den Tankwart rumkriegen. Fellatio, Ejakulation in den Mund, Samenschlucken in Großaufnahme und in der Länge, die es braucht, um zum Orgasmus zu kommen. Übrigens ist es der ejakulierende Schwanz von Regisseur Frank Ripploh, der ausführlich zur Geltung kommt. Und dann geht’s der Reihe nach, inklusive Golden Shower.

Eklig eventuell? – Aber nein. Was wir sehen, ist auf fast geheimnisvolle Weise ehrlich, selbstironisch und trotz der vielen komischen Elemente im Ergebnis eben nicht eine Komödie. Es sieht sogar tragisch aus für das Paar Bernd/Peggy. Zum Berliner Tuntenball kommt Bernd als Matrose, seine Schafe im Kopf. Peggy aber im Citykobrafummel, ganz in Tüll. Die Nacht ist um. Die Schule fängt an. Keine Zeit zum Umziehen. Peggy beginnt die Stunde im Fummel. – Noch Fragen? Den Film ansehen!

„Taxi im Klo“ wurde 1981 aus dem Stand bejubelt, unisono von Zuschauern und Filmkritik. Gewiss, die Darsteller sprechen nicht wie Schauspieler, sondern wie Laien. Aber grad das machte den Witz, die Offenheit und die Ehrlichkeit (sprich: Authentizität) des Films aus. Und siehe da, das was überall sonst als Pornografie verboten wird, wurde in Ripplohs Film normal. Ein Einmalereignis. Die Behörden gaben den Film frei. Gedreht war er mit 100.000 DM ohne irgendein Fördermittel. „Taxi to the Toilet“ sahen in New York 200.000 Besucher. Eingespielt hatte er allein dort 1 Million Dollar. In Boston wurde er zum besten fremdsprachigen Film gekürt. In der BRD wurde er ebenfalls Kult. In den Kinos. Auf den Festivals (Hof, dann Saarbrücken mit dem renommierten Max-Ophüls-Preis). Aber weil das damals alles so war, bräuchte das heute nicht interessieren. Das Sensationelle ist doch, dass das, was Film-Einmalereignis der frühen achtziger Jahre war, auch heute funktioniert. Aus dem Stand. Jedenfalls bei mir. Mehr kann ich ja nicht sagen. Ich rede doch keinem etwas ein. Aber ich gönne allen die Fahrt mit dem Taxi zum Klo.

Dietrich Kuhlbrodt

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Sissy  

 

 

Taxi zum Klo
Deutschland 1980 - Regie: Frank Ripploh - Darsteller: Frank Ripploh, Bernd Broaderup, Gitte Lederer, Hans-Gerd Mertens, Tabea Blumenschein, Magdalena Montezuma, Franco Papadou, Hans Jürgen Möller, Irmgard Lademacher - Länge: 91 min. - Start (WA): 4.11.2010

 

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