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Tatil Kitabi

In klugen Bildern erzählt Seyfi Teoman in seinem Debüt "Tatil Kitabi" von einem Jungen und einer Familie und einem Dorf  im Sommer in der türkischen Provinz.

 

Eine Horde Grundschulkinder strömt in die erste, starre Einstellung. Erst ganz an ihrem Ende, nach einigen Minuten, taucht im Vordergrund der zehnjährige Ali auf. Die Schärfe wechselt auf Ali, seine Spielkameraden im Hintergrund verschwimmen im Bild, der Film hat seinen Protagonisten ausgewählt. In der letzten Einstellung wird er ihn wieder in die Welt entlassen, aus der er ihn anfangs heraus gelöst hat. Ein stoisches Kind ist Ali und nicht nur ein wenig erinnert dieser kleine, braunhaarige Junge an den Protagonisten Yusuf aus Semih Kaplanoglus Berlinale-Gewinner "Bal". Aber anders als Yusuf hat Ali wenig Möglichkeiten, seinen Eigensinn zu entfalten.

 

Die Sommerferien beginnen. Die Schüler erhalten das Sommerbuch ("tatil kitabi"), das dem Film seinen Titel gibt und das über die dreimonatigen Sommerferien den Kontakt zur Schule aufrecht erhalten soll. Der Kontakt bricht rabiat ab. Ali wird sein Sommerbuch von einem größeren Schüler entwendet, sobald er vor der Schule auf die Straße tritt. Er unternimmt einige Versuche, das entwendete Lehrmaterial zu ersetzen. Der Film entfernt sich allerdings bald von dieser Suche und erweitert seinen Fokus auf Alis Familie und auf die Stadt, in der sie lebt.

 

"Tatil Kitabi" beschreibt einen Sommer in der Kleinstadt Silifke im Süden der Türkei. Viel los ist hier nicht, schon gar nicht im Sommer, wer auch nur ein wenig ambitioniert ist, will vor allem: weg, in die Großstädte im Norden des Landes. Aber Silifke würde nicht existieren, wenn die meisten am Ende nicht doch dableiben würden. Mehrmals zeigt Regisseur Seyfi Teoman Silifke aus der Vogelperspektive. Kein Gefängnis, aber ein gut geöltes System. Die Stadt beschallt sich, wie viele türkische Kleinstädte, selbst mit Werbemeldungen und Hinweisen über Lautsprecher, die in den Straßen des Zentrums befestigt sind. Die Kleinstadt braucht keinen Ruf zur Ordnung, sie funktioniert über sanfte Anrufungen, die meistens familiär organisiert werden. Der Film zeigt ständig Bewegungen, die Film wie Stadt strukturieren, die aber nur in den seltensten Fällen dauerhaft aus der Stadt heraus führen. Bewegungen der Reproduktion, nicht der dynamischen Veränderung.

 

Alis Vater Mustafa fährt Erntehelferinnen zur Obstplantage, die das Familieneinkommen sichert. Er sitzt dann im Auto neben der Plantage und liest Zeitung. Ali beauftragt der unnachgiebige Patriarch währenddessen, auf der Straße Kaugummi zu verkaufen, auf dass er die Sommerferien nicht untätig vergeude. Immer wieder läuft der kleine Ali in einer Totalen die breite, in der sommerlichen Hitze oft wie leergefegten Straßen Silifkes herunter. Alis Bruder Veysel kommt zu Beginn des Films mit dem Bus in der Stadt an und er verlässt sie am Ende auf demselben Wege wieder. Er besucht zwar eine Militärschule in Istabul, sein Vater lehnt jedoch sein Ansinnen ab, diese zu verlassen und Wirtschaft zu studieren.

 

Ein ganzer zweiter Film steckt als Möglichkeit in dem Blick, den er einem Mädchen am Nachbartisch zuwirft, während er mit seinen alten Freunden im Strandcafe sitzt. Sie erwidert seine Blicke zwar, wenig später aber tauchen Mann und Kind auf. Noch ist Veysel ein Teenager, doch schon jetzt wird sein Leben vom "zu spät" des Melodramas bestimmt. Ihm droht ein ähnliches Schicksal wie seinem Onkel Hasan. Der studierte fern der Heimat, inzwischen ist er wieder zurück und führt ein Fleischergeschäft. Selbst sein Lehrling will in die größere Nachbarstadt, man ahnt von Anfang an, dass daraus nichts werden wird.

 

"Tatil Kitabi" ist Seyfi Teomans erster Film und ein beeindruckend souveränes Debüt. Nichts ist zu sehen von der Rührseligkeit, der sich noch die besten Filme des neuen türkischen Kinos bisweilen nicht ganz erwehren können. Teomans exakt und frei von jeder Prätention komponierte Bilder schließen an internationales Festivalkino, an die Genauigkeit der interessanteren Vertreter der Berliner Schule oder manchmal auch ein wenig an panasiatische Zeitbilder an. Sehr konsequent ist der Film vor allem in seinem Verzicht auf eine Subjektzentrierung, die vor allem in den europäischen "world cinema"-Varianten noch immer nicht ganz totzukriegen ist. Flüssig schneidet der Film zwischen Ali, Mustafa, Veysel und Hasan hin und her, die Zeit vergeht weitgehend unmarkiert und kann nicht einem individuellen Erfahrungshorizont zugeschlagen werden. Konzentrische Bewegungen um das Familienanwesen, die Mutter Güler bleibt zu Hause. Bewegung und Stillstand stabilisieren sich gegenseitig, streben nach einem Äquilibrium, das auch von dem Unglücksfall, der den zweiten Teil des Films prägt, auf Dauer nicht gefährdet werden kann. Die vorwiegend starren Einstellungen rahmen die Bewegungen in ihnen, stellen sie still. Wenn sich die Kamera selbst bewegt, dann ist sie meist in einem Auto montiert und die Stadt, die sich bewegt, ist doppelt gerahmt, durch Frame und Windschutzscheibe. Der Onkel unternimmt am Ende eine längere, ergebnislose Investigation, eine Ermittlung über die Stadt, die kein Geheimnis hat, weil sie kein Geheimnis braucht.

 

Lukas Foerster

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

Tatil Kitabi

Türkei 2008 - Regie: Seyfi Teoman - Darsteller: Taner Birsel, Ayten Tökün, Osman Inan, Harun Özüag, Tayfun Günay, Riza Akin, Onurcan Alavi, Zafer Inan, Mahir Özel, Ekrem Senel, Ali Lütfi Ugur - Fassung: O.m.U. - Länge: 92 min. - Start: 24.6.2010

 

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