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Tao Jie - Ein einfaches Leben

 

Neue Zähne und alte Erinnerungen

Ann Hui erzählt in "Tao Jie - Ein einfaches Leben" im Modus stiller Heiterkeit vom unausweichlichen Tod.

Ein Wok auf der Gasflamme, in Großaufnahme: erst werden Zwiebeln ins heiße Öl geschoben und hellgelbe Ingwerscheiben, es brutzelt grandios, es spritzt und kracht - bis langsam fette Brühe hinzugegossen wird und Ruhe einkehrt. Eine Hand streut großzügig Chilis und Gewürze in den großen Topf, die kleinen Teilchen kreisen in wilder Bewegung, bis, noch langsamer, ganz vorsichtig, ein dickes, unförmiges, grau-braunes Stück Fleisch in den Wok gegeben wird: Ochsenzunge, Hongkong-Küche.

Die hier kocht und deren hausfrauliche Arbeit der Film so interessiert und in aller Ausführlichkeit zeigt (für einen kurzen Moment musste ich an Chantal Akermans "Jeanne Dielman" denken), heißt Ah Tao (Deanie Yip): über 70 ist sie, Haushälterin, ohne Mann oder Kinder. Ihr ganzes Leben lang hat sie für die Familie Leung gearbeitet, die mittlerweile nach San Francisco emigriert ist. Nur Sohn Roger (Andy Lau), ein Filmproduzent, lebt noch in Hongkong, ihm führt Ah Tao jetzt den Haushalt, er hat sich die Ochsenzunge gewünscht. Als Ah Tao einen Schlaganfall erleidet, kehren sich die Fürsorge-Verhältnisse um: Ah Tao kommt in ein Pflegeheim, und Roger muss sich fortan um sie kümmern.

Das hört sich nach Problemfilm an, ist unter der Regie von Ann Hui aber keiner geworden: Ah Taos Übersiedlung ins Altersheim geschieht ohne größere Schwierigkeiten, das Heim ist auch kein Hort von Missbrauch und Vernachlässigung, Roger dafür ein treuer und loyaler Ersatz-Sohn. Es gibt keine nennenswerten Konfliktlinien, keine plötzlichen Glückswechsel oder markanten Charakterentwicklungen, nichts also von alledem, woraus Plots normalerweise zusammengeschustert werden: "Tao Jie - Ein einfaches Leben" mäandert auf angenehme Weise ruhig vor sich hin und hat Muße für den ereignisarmen Fluss des Alltäglichen, der Ah Taos letzte Monate oder Jahre ausmacht, so genau weiß man das nicht: es gibt eine Filmpremiere und ein Familientreffen, neue Zähne und alte Erinnerungen.

Erzählt wird das in einem Modus stiller Heiterkeit, kleine Scherze poppen auf und ab wie bunte Bojen auf ruhiger Meeresoberfläche: der unscheinbar gekleidete Roger etwa wird immer wieder mit einem Handwerker oder Taxifahrer verwechselt - ein Gag, der vor allem über die Diskrepanz zur Superstar-Persona von Andy Lau funktioniert. Ein alter Mann im Heim schnorrt ständig Geld, um es dann in Prostituierte zu investieren - auch er wird gespielt von einer Hongkonger Schauspiellegende, Paul Chun. Allein durch seine Besetzungsliste ist "Tao Jie - Ein einfaches Leben" eine augenzwinkernde Liebeserklärung an das Hongkong-Kino und seine Filmindustrie: Hauptdarstellerin Deanie Yip (die für ihre Darstellung von Ah Tao einen Preis in Venedig gewann und oft so lebendig, trotzig und kokett wie ein kleines Mädchen wirkt) ist eine Institution dieses Kinos, Andy Lau sowieso, dazu kommen eine ganze Reihe lässiger Cameo-Auftritte, leidlich motiviert durch Rogers Job als Filmproduzent: Action-Regisseur Tsui Hark taucht gleich zu Beginn auf, später auch der Filmemacher Ning Hao aus der Volksrepublik (Ah Tao warnt ihn vor den Gefahren des Rauchens, aber er versteht kein Kantonesisch) oder ein kleines Cantopop-Sternchen namens Angelababy.

Trotzdem: Letztlich erzählt "Tao Jie - Ein einfaches Leben" von abnehmenden Kräften und nachlassender Gesundheit, vom Tod, der unausweichlich ist. Eher unausgesprochen schwingt hinter der Heiterkeit ein Grundton von Melancholie und Vergänglichkeit: Ah Tao repräsentiert ein Ethos der Selbstaufopferung und Fürsorge, ein Wissen auch, eine Kultur und Erfahrung (über die Zubereitung von Speisen etwa, die Kunstwerken ähneln), die mit ihr vergehen werden. Und ein starkes Gefühl von Einsamkeit und Unbehaustheit ist da: immer wieder geht es um die Auswanderung und Migration, es gibt kaum eine Lebensgeschichte in "Tao Jie - Ein einfaches Leben", die nicht davon berührt wäre. "Tao Jie - Ein einfaches Leben" ist kein übermäßig sentimentaler Film und diktiert seinen ZuschauerInnen nicht, wie sie fühlen sollen - ich hab' am Ende trotzdem geheult.

Elena Meilicke

Dieser Text ist zuerst erschienen im www.perlentaucher.de

 

Tao Jie - Ein einfaches Leben
(Tao jie) - (Alternativer Titel: A Simple Life) - Hongkong 2011 - 118 Minuten - Start(D): 24.04.2014 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Ann Hui - Drehbuch: Susan Chan, Roger Lee
Produktion: Ann Hui, Roger Lee, Chan Pui-wah - Kamera: Nelson Yu Lik-wai - Schnitt: Kong Chi-leung, Manda Wai - Musik: Law Wing-fai - Darsteller: Andy Lau, Hailu Qin, Fuli Wang, Deannie Yip

 

 

 

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