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Tangerine

Alles eine Frage der Perspektive

 

Fangen wir doch mit Amira (Sabrina Ouazani; bekannt aus „Couscous mit Fisch“) an! Gerade ist die selbstbewusste junge Frau zu Hause rausgeflogen, weil sie sich nicht verheiraten lassen wollte, sondern Tänzerin werden will. Unterschlupf hat sie bei der Prostituierten Neshua gefunden, die im marokkanischen Tanger einer Art Wohngemeinschaft selbstbewusster und selbstständiger Frauen vorsteht, die sich recht keck und offensiv gegen die traditionellen Lebensentwürfe stellen und sich wohl auch gelegentlich als Prostituierte an Touristen verdingen. Dies allerdings nach erstaunlich klaren Regeln. Amira wird von einem Onkel verfolgt, der sie immer wieder bedroht und in die Schranken weisen will.

 

Kaum hat man sich auf diesen Konflikt eingestellt, verändert „Tangerine“ seine Perspektive. Pia (beängstigend cool: Nora von Waldstätten) und Tom (Alexander Scheer, leider hart an der Grenze zur Karikatur eines Rockmusikers) sind ein Paar und Berliner Musiker, die sich auf den Spuren von Brian Jones nach Marokko begeben haben, um sich von der nordafrikanischen Trance-Folklore inspirieren zu lassen. Insbesondere Tom ist ein blasierter Mitte-Schnösel, der permanent von den „Roots of Rock’n’Roll“ schwadroniert und auch sonst keine Pose auslässt. Man versteht Pia also schnell recht gut, wenn sie Tom mehr oder weniger geschickt in die Arme seiner berückend geheimnisvollen „Schehezerade“ (O-Ton Tom) treibt. Es beginnt eine komplizierte Dreiecksgeschichte, die über Wünsche, wechselseitige Projektionen, Exotismen, kulturelle Differenzen, verborgende oder unbewusste Motive und Erwartungen funktioniert.

 

Die aus Stuttgart stammende Filmemacherin Irene von Alberti hat einige Zeit in Marokko gelebt und gearbeitet; bereits 1995 steuerte sie eine Episode zu „Paul Bowles’ Halbmond“ bei, 2006 folgte der Dokumentarfilm „Maroc en vogue“. Ihr Spielfilmdebüt „Tangerine“ profitiert enorm von dieser Vertrautheit mit beiden Kulturen. Fast ist man versucht zu sagen, dass ihr Amira sogar näher steht als die Berliner Musiker, doch ist „Tangerine“ keine triviale Kritik des neo-kolonialen Tourismus. Andererseits verweigert der Film ebenso konsequent einen touristischen Blick der Fremden auf das Leben in Tanger (Kamera: Birgit Möller), sondern versucht einen Mittelweg: „Mich interessiert die Definition von Prostitution und die Grauzone darin: Wann prostituiert sich ein Mädchen? Wann ist ein Geschenk eine Bezahlung? Geht es um Luxus oder um die Sicherung der Existenz? Viele Missverständnisse gründen in verschiedenen Definitionen von Begriffen wie Freundschaft, Treue, Besitz oder Lügen“, hat Irene von Alberti dazu ausgeführt. „Tangerine“ ist der atmosphärisch stimmige, von einer vorzüglichen Filmmusik von Zeid Hamdan untermalte Versuch eines reflektiert polyperspektivischen Nachdenkens über diese Konflikte mit den Mitteln eines Spielfilms, der dokumentarische Momente und Qualitäten in sich birgt. Der Ausgang ist notwendig offen.

 

Ulrich Kriest

 

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in der: Stuttgarter Zeitung

 

 

Tangerine

Deutschland / Marokko 2008 - Regie: Irene von Alberti - Darsteller: Sabrina Ouazani, Nora von Waldstätten, Alexander Scheer, Naima Bouzid, Nohad Sabri, Said Bey, Till Trenkel, Paul Twardawa, Saidaa Lachir, Kawtar Hadine - FSK: ab 6 - Länge: 95 min. - Start: 14.5.2009

 

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