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Talk 2000

Was haben die Aufforderungen a) „Heil Hitler“ und b) „Tötet Helmut Kohl!“ gemeinsam? Es sind Analogien, deutsche Analogien und sie wurden und werden von Christoph Schlingensief in dem Sinne synonym verwendet, dass sie a) deutsche Hysterien/Manien abbilden, die sie b) in einer Art Negation imitieren. In „Talk 2000“, jener 1997 von RTL und Sat.1 im Kulturfenster Kanal 4 sowie vom ORF ausgestrahlten Talkshow, skandierte Schlingensief sein „Tötet Helmut Kohl!“ (für das er kurz zuvor während einer documenta-Aktion verhaftet wurde), forderte sein Publikum auf, jenen Satz mitzugrölen, mit dem Zusatz, man dürfe das, weil es juristisch als „Kunst“ anerkannt sei.

 

Natürlich haben Mordaufrufe nichts in Talkshows zu suchen, selbst wenn sie zur Kunst erklärt worden sind. Ebenso wenig wie Prügeleien mit Gästen (Johnny Pfeiffer) oder Leuten aus dem Publikum. Natürlich sagt man Ingrid Steeger nicht in aller Öffentlichkeit, dass ihr Ex-Mann Dr. Dieter Wedel, ein Schwein sei (Steeger: „Das ist aber ungezogen, was sie jetzt gesagt haben“), und natürlich konfrontiert man Beate Uhse nicht vor laufender Kamera mit dem Vorwurf der Verantwortungslosigkeit im Aids-Zeitalter, weil die Akteure in ihren Pornos keine Kondome benutzen dürfen.

 

Es ist ein Zeichen für die immer noch andauernde Virilität des vor 12 Jahren ursprünglich in acht Folgen ausgestrahlten ‚Formats’ „Talk 2000“, dass Uhses Familie eine DVD-Veröffentlichung der Folge mit der in die moralische Ecke getriebenen Grande Dame des Sex-Business (und dem bedröhnten Helmut Berger) sich gerichtlich zu untersagen veranlasst fühlte (zum Glück kursieren noch Video-Aufzeichnungen dieser Folge). Und die Stellen, wenn Schlingensief „Tötet Helmut Kohl!“ ruft (und Teile des Publikums mitmachen), sind immer noch, wie damals in der TV-Ausstrahlung, gebeept. Einerseits gewinnt natürlich dadurch der Satz (den man von den Lippen lesen kann) eine zusätzliche Aura von Brisanz und Verbotenem, zum anderen nimmt auch hier „Talk 2000“ ästhethische Standards von im Sekundentakt piepsenden unerträglichen MTV-Sendungen vorweg, in denen zwar gezeigt wird, wie sich masochistische Jugendliche dem Vergnügen der Selbstverletzung hingeben, aber ein Wort wie „fucking“ um Gotteswillen nicht gehört werden darf.

 

Und die Frage ist: War Schlingensief geschmackloser als das, was in den Neunzigern täglich aus dem Fernsehen schwappte? Meiser, Arabella, Pilawa und der weiße Trash, der sich bei ihnen exhibitionierte? Die Antwort ist: Nein. Schlingensiefs „Talk 2000“ war im medialen Sumpf der Neunziger eine veritable Erfrischung und ein Erholungsurlaub. „Talk 2000“ führte vor, wie wenig es im Fernsehen noch um Inhalte ging und wie sehr um den Thrill der l’emotion pour l’emotion, ein Trend, der sich heute -  zusammen mit der Maxime eines sanktionierten rigorosen Egoismus - in allen gesellschaftlichen Bereichen etabliert hat.

 

Schlingensiefs „Talk 2000“ war natürlich keine Talkshow, sondern eine Inszenierung von Personen und Gefühlen zu pornographischen Zwecken, wenn schneller billiger Thrill sowas wie Pornographie ist. Dabei halfen ihm, ob freiwillig oder unfreiwillig, wahre Stars wie Hildegard Knef, Udo Kier, Harald Schmidt, Rudolph Moshammer, Kitten Natividad, Konrad Kujau, Gotthilf Fischer, Sophie Rois; deren mehr oder weniger ausgeprägter Hang zur Selbstdarstellung war dabei praktisch – im Zweifelsfall, um sie als Selbstdarsteller im Regen stehen zu lassen, sie auszustellen bzw. um die Performance kenntlich zu machen. Nicht alle konnten damit umgehen, wenn ihr Talkmaster (das Andy Warhol nachempfundene Motto: „Jeder kann ein Talkmaster sein“) minutenlang verstummte oder einfach die Drehbühne und die Kantine der Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz verließ, wenn er irgendwen aus dem Publikum weiter talken ließ oder seine Talk-Gäste dazu aufforderte, den „6 Millionen Arbeitslosen am Bildschirm draußen“ etwas Hilfreiches zu sagen. Auch dieser „Versprecher“ war ein deutsches Crossover, eine natürlich unzulässige Gleichsetzung von Opfern Nazideutschlands, den auf die Zahl von sechs Millionen geschätzten ermordeten Juden, und den Arbeitslosen der Kohlregierung, deren Zahl sich Mitte der Neunziger auf geschätzte vier Millionen belief. Skandalös und im besten, da humansten, Sinn emotional daran war die emphatisch-dramatische Hervorhebung dieser stillgelegten Menschenmasse als Opfer des Neo-Liberalismus und der Kohlregierung und - Deutschlands. (Deutschland, bei Schlingensief ist das immer auch das Gespenst Deutschland, die eifrig verdrängte oder verharmloste Vergangenheit der NS-Zeit, deshalb musste notgedrungen auch in „Talk 2000“ „Hitler“ stattfinden). In einer Zeit, in der Arbeitslosigkeit erstens immer als Normalität gesehen wird und zweitens immer als etwas Selbstverschuldetes - vor allem von den Betroffenen selbst - hingenommen wird, besaßen diese Durchhalte-Appelle etwas zutiefst Anrührendes und zugleich Verstörendes, weil sie von einer Wahrheit sprachen, die in der politischen Agenda, abgesehen von Lippenbekenntnissen, als ökonomischer Faktor einkalkuliert ist.

 

„Talk 2000“ war natürlich nicht Pornographie, sondern die Formulierung der Frage, wie man in einer medial verschütteten Realität noch Wahrheiten sagen kann, so dass einem geglaubt wird. Wenn aller Inhalt in der Performance liegt, kann man dann noch einen Satz sagen, der nicht vom allgemeinen Gejohle geschluckt wird?

 

„Wenn Sie mich richtig treffen wollen, dann müssen zu mir ‚geiler Provokateur’ sagen“, sagt Schlingensief zum Prinzen von Hohenzollern. Und weil Provokation auch nur eines dieser Mittel ist, ein an Inhaltsleere ersterbendes Land bei Laune zu halten, war und ist Schlingensief natürlich mehr als ein „geiler Provokateur“, ein trauriger, wütender und romantischer Humanist, einer von denen, die die Welt immer noch begreifen und mit dem Begreifen verändern wollen.

 

Die Doppel-DVD mit sieben von acht Folgen „Talk 2000“ ist Anfang 2009 bei Salzgeber erschienen.

 

Andreas Thomas

 

Beachten Sie zum Thema bitte auch "Christoph Schlingensief -Die Piloten"

 

 

 

TALK 2000

Regie: Cordula Kablitz-Post

D 1997, Doppel-DVD, 240 Minuten

Mit den Folgen FOREVER YOUNG (Sophie Rois, Hildegard Knef), SIND TIERE DIE BESSEREN MENSCHEN? (Walter Bockmayer, Rudolph Moshammer), DEUTSCHER HUMOR (Harald Schmidt), NEUANFÄNGE (Ingrid Steeger, Konrad Kujau), KÖRPERKULT (Lilo Wanders, Rolf Eden), LEBEN MIT LEGENDEN (Alexander Prinz von Hohenzollern, Udo Kier) und AUF LEBEN UND TOD (Kitten Natividad, Gotthilf Fischer). Außerdem: MAKING OF TALK 2000.

 

Bestellnummer: D230

VÖ: 05.02.2009 (Direktvermarktung)

EAN: 4040592003368

FSK: 16

Empfohlener VK: 19,90 Euro

Ländercode: 2

Disc-Type: DVD 5

Ton: Dolby Digital Stereo

Salzgeber & Co. Medien GmbH • Mehringdamm 33 • 10961 Berlin

Tel: +49 30 285 290 90 • Fax : +49 30 285 290 99

www.salzgeber.de • video@salzgeber.de • Ust-IdNr. DE 167065308

 

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