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Tage am Strand

 

 

Von Gefühl auf Welle

Rotwein, Meer und Sex mit dem Sohn der besten Freundin: Anne Fontaine erkundet unheimliche Gefühle in "Tage am Strand", nach einer Vorlage von Doris Lessing.

Das sonderbarste an diesem sonderbaren Film ist, dass man bis zum Schluss nicht sagen kann, wie er sich zu all den Sonderbarkeiten verhält, die er vor einem ausbreitet - in sehr souveräner Manier ausbreitet, soweit kann man das schon spezifizieren: Zu den beiden mittelalten Blondinen Lil und Roz (Naomi Watts und Robin Wright) vor allem, die in einem kleinen australischen Ort irgendwo an einem Traumstrand - nach Maßgaben einschlägiger Werbeclips und Urlaubsbroschüren - wohnen, in einer ausladenden Villa hoch über dem Meer sitzen und Rotwein trinken, im azurblauen Meer schwimmen und zwischendurch wechselseitig ihre kaum 20-jährigen Söhne Tom und Ian ficken. Zu diesen Söhnen (James Frecheville und Xavier Samuel, letzterer hatte eine kleine Rolle in einer der "Twilight"-Fortsetzungen) dann auch, die ihrerseits aussehen, das meinen nicht zuletzt ihre Mütter und Geliebten, "wie junge Götter", mit ihren durchtrainierten Oberkörpern und markanten Kinnpartien, wenn sie auf Surfbrettern über die Wellen gleiten oder die Mütter ihrer besten Freunde anhimmeln.

Eine ziemlich verquere Konstellation; die nur vorübergehend entschärft wird, wenn sich erst Tom, dann Ian mit anderen, ihnen alterstechnisch angemesseneren Partnerinnen zusammentun. Eine Storyline ist das, die sich zwischendurch wie ein Groschenheftreißer ausnimmt, wofür sie dann aber doch wieder zu reflektiert anmutet. "Tage am Strand" basiert, immerhin, auf einer Novelle der unlängst verstorbenen Doris Lessing. Ich habe die Vorlage nicht gelesen, insofern bleibt alles Spekulation, aber ich könnte mir vorstellen, dass das auch insgesamt System hat: Eine Nobelpreisträgerin versucht, einen abstrakten Porno zu schreiben; und eine Arthausregisseurin macht daraus einen abstrakten Exploitationfilm.

"Tage am Strand" hält sich an der Oberfläche an die Regeln des guten Geschmacks; gelackt aussehen tut sowieso alles, die Sexszenen gehen nicht allzu weit, Watts und Wright überspielen auch die durchgeknalltesten Volten nicht. Anne Fontaine schneidet immer wieder effektiv von Gefühl auf Welle; aber die Wellen, auch das Mondäne und Rotweinige der Sets, dämpfen die Exzesse insgesamt eher, als dass sie sie verstärken. Gleichzeitig ist jede Handlung, jeder Blick unendlich überdeterminiert, vor allem über die Dialoge. Wenn gezeigt werden soll, dass der Freundschaft der beiden Hauptfiguren möglicherweise ein lesbisches Begehren zugrunde liegt, sagt Lil zu Roz: "He thinks, we are lesbians! We're no lezzos! Or Are we?" In solchen Momenten hat der Film durchaus ein Bewusstsein, wenn nicht für die Absurdität, so zumindest für die Konstruiertheit seiner Erzählung.

Es gibt zum Beispiel auch ein Bild, das die groteske Symmetrie der asymmetrischen Begierden, um die es die ganze Zeit geht, auf den Punkt bringt: Ein gemeinsamer Ausflug des gesamten Personals - es gibt zunächst noch zwei Männer im fortgeschrittenen Alter, die werden vom Film schnell entsorgt -, das, in Reih und Glied angeordnet (beziehungsweise in Zweiergruppen hintereinander, wie im Kindergarten), zum Strand schlendert: Drei Generationen sind unterwegs, eigentlich ein übertypischer Familienausflug, nur dass die Geschlechterverhältnisse ein wenig verschoben sind, hin zum Weiblichen. Offensichtlich beißt sich die Harmonie dieses Bilds mit den "illegitimen" und so gar nicht klassisch familiären Begehrensstrukturen. Nahe läge da die satirische Lesart, die aufs Rumoren unter der falschen Harmonie zielt, in der der Film aber kein bisschen aufgeht: Denn in der Artikulation des Films sind die "illegitimen" Begehrensstrukturen eben gerade nicht untergründig, sondern ganz im Gegenteil immer direkt an der Oberfläche, direkt greifbar sowohl für alle (unmittelbar) Beteiligten, als auch für die Regie.

"Tage am Strand" ist ein schwer lesbares, faszinierendes Kleinod, das dem Arthauskino dieser Tage wie untergejubelt wirkt. Wo Filme wie Frauke Finsterwalders "Finsterworld" und David Wnendts "Feuchtgebiete" zuletzt mit einigem Aufwand so verzweifelt versucht hatten, die Grenzen der Permissivität moderner Gesellschaften im Symbolischen auszuloten, nur um dann doch wieder bei den ewiggleichen Tabubrüchen (Finsterwalder) und Utopisierungen (Wnendt) zu landen, begnügt sich Anne Fontaine damit, eine einzige soziale Überschreitung mithilfe der nüchternen Eleganz des Starkinos auszubuchstabieren und entlang ihrer psychologischen Eigenlogik (das ist vielleicht der Kern der Irritation, und vielleicht auch das eigentlich Radikale am Film: die konsequente und rückstandslose Verschiebung vom Sozialen ins Psychologische) durchzudeklinieren. Herausgekommen sind einige der unheimlichsten Gefühle, denen man im diesjährigen Kinojahr begegnen konnte.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 


Tage am Strand

(Two Mothers) Alternativer Titel: Adore - Frankreich, Australien 2013 - 112 Minuten - Kinostart: 28.11.2013 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Anne Fontaine - Buch: Doris Lessing, Christopher Hampton - Produktion: Philippe Carcassonne, Michel Feller, Barbara Gibbs, Andrew Mason - Kamera: Christophe Beaucarne - Schnitt: Luc Barnier, Ceinwen Berry - Musik: Christopher Gordon - Darsteller: Naomi Watts, Robin Wright, Ben Mendelsohn, Xavier Samuel, Sophie Lowe, James Frecheville, Gary Sweet, Jessica Tovey, Alyson Standen, Charlee Thomas, Dane Eade, Scott Pirlo, Isaac Cocking

 

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