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Swastika

 

Kein Knopp zum Abschalten

 


Adolf Hitler hätte diesen Film gemocht, wenigstens zu 98 Prozent. Denn in 98 Prozent des Films spielt er die unbestrittene Hauptrolle.  Die „Swastika“ (Sanskrit: „Das Heilbringende“), das titelgebende Hakenkreuz, aber ist noch häufiger zu sehen als er.  Zuerst als Schlüssel zur wahren deutschen Heimat: Tanzend, kreiselnd, schwankend, grünlich schimmernd fliegt es heran, mit Wagnerklängen,  durch einen Spielzeugsternenhimmel und wir fliegen durch es hindurch, hinab in die schöne Welt des 1000jährigen Reiches, was des Heiles voll ist und keine Not mehr kennt, seit ein Freund und Führer sich seiner angenommen hat.  

Welch Paradies eines einigen deutschen Vaterlandes es doch gab, ein Miteinander ordentlicher, tüchtiger, gesunder Deutscher unter dem allgegenwärtigen Hakenkreuz, ganz gleich, ob es Arbeiter oder Landmänner, Schmiede oder Dichter oder Bildhauer oder Denker oder Soldaten oder Mädels oder Mütter waren, alle lebten in Eintracht, der Film mit Originalaufnahmen belegt es, in Eintracht miteinander in den schönen historischen und den quirligen großen Städten auf dem Weg in eine neue Zeit, so wie auch auf dem fruchtbaren und schönen Land, beseelt von nur einem Wunsch: Deutschland mit Fleiß und Disziplin zu dienen, was hieß, dem einzigen zu dienen, der Deutschland aus dem Sumpf heraus geholt hat.

Ein glückliches Deutschland zeigt der Film „Swastika“, ein Deutschland, dessen Welt heil ist, ein Land, in dem jeder seinen Platz und seine Bestimmung hat, ein Land, das, wenn es sich seiner Tugenden besinnt, es zu Größe und Wohlstand bringen kann. Das Glückszentrum des Landes ist - Beethovens Neunte, dirigiert von Furtwängler, bebildert mit Szenen erregter Menschenmassen belegt es - der Eine, der je näher er kommt, immer wogendere Stürme von Begeisterung entfacht. Die steif gereckten Arme fängt er auf, angewinkelten Arms, ein Orgasmusspender für Zehntausende, in seinem Gesicht das reine, gerührte Strahlen eines Kindes!

Der Skandal, den der Film „Swastika“ 1973 bei den Filmfestspielen in Cannes auslöste und der den Abbruch der Vorführung zur Folge hatte, rührte, so wurde später gemutmaßt, vor allem von den erst kurz davor entdeckten privat gedrehten, stummen Farbfilmaufnahmen auf dem Obersalzberg her, in denen man Hitler mit Eva Braun sowie hochrangigen Politikern und ihren Frauen und Kindern beim Kaffeetrinken und Plaudern auf der Terrasse mit Alpenpanorama nebst den Hunden Stasi und Blondie begutachten konnte und die nachträglich mit Hilfe von Lippenlesern synchronisiert worden waren. Szenen mit einem eher profanen, ungelenken Hitler, die vom Mythos eines bösen, dämonischen Führers nicht mehr viel übrig lassen.

Der Skandal von „Swastika“ aber liegt eher in der Tatsache, dass zwischen den, durch die Regisseure Philippe Mora und Lutz Becker kreativ verdichteten und überhöhten, Propagandafilmen mit ihrem inszeniert charismatischen Hitler (denn aus Wochenschauen und Nazipropaganda-Filmen ist der überwiegende Teil des Films zusammengesetzt) und dem kleinbürgerlichen Idyll des „Führers daheim“ kein wirklicher Bruch markiert ist, sondern dass der Film (ganz im Geiste seiner Vor-Bilder) die Geschichte des Dritten Reiches mit der Privatfigur Hitler „gleichschaltet“; und das auf eine denkbar naive Weise. Scheint am Obersalzberg die Sonne, paradiert die Große Deutsche Kunstausstellung mit ihrem Kitsch und Pomp durch die Straßen Münchens, ziehen Gewitterwolken über den Bergen auf, muss es leider Krieg geben ... Das Dritte Reich als Schicksal des Führers, der Führer als Schicksal Deutschlands.

Eine Zumutung ist der Film vermutlich erst deshalb, weil er den Geist der Nazi-Propaganda affirmativ fortschreibt und in seinem Rausch und Fanatismus auf die Spitze führt, nicht nur ohne jeden kritischen und distanzierenden Kommentar, sondern, im Gegenteil, mit allen Mitteln der dramatischen Steigerung durch Bild- und Toncollagen. „Swastika“ lässt uns ganz allein mit Hitler und seiner Ideologie. Mehr noch, er benutzt die mediale Erfahrung und das filmtechnische Instrumentarium der Nachkriegsjahre, um das Ganze zu verstärken.  Kein Guido Knopp erklärt uns, wie die Bilder lügen. 93 Minuten lang müssen wir uns dem „Faszinosum“ des deutschen Faschismus entgegen stemmen. (Allein der Gebrauch dieses Worts in Bezug auf das „3. Reich“ hat mal einem Bundestagspräsidenten den Job gekostet.) Das strengt an, wenn man nicht spüren will, dass auch man selbst hätte empfänglich dafür sein können.

Das Verfahren der Aneignung und der Aufblähung dieses reinen Nazidrecks, der aus dem kitschigen Klischee der Idylle von Heimat und Volk heraus (unentnazifiziert weiter geführt in den Heimatfilmen der 50er Jahre) die Mobilmachung (zunächst gegen die Juden im Land mit ihren „parasitären Absichten“, daraus folgend:  Kristallnacht etc., dann gegen den Rest der Welt, von wo aus sie gegen „uns“ vorgehen) folgert, dieses Verfahren der naiven Verstärkung der Original-Ästhetik ist vielleicht das tauglichste, wenn es darum geht, die innere Logik ihrer Manipulation zu begreifen und zu untersuchen, nicht nur welchem Druck sondern auch welchem Sog die Deutschen der dreißiger und vierziger Jahre ausgesetzt waren.

Die Verführungskunst der Nazipropaganda erscheint uns als unheimlich, vielleicht ausgerechnet deshalb, weil wir sie zu wenig kennen, weil eine offene, unzensierte Auseinandersetzung mit ihr bis heute erschwert wird:  Z.B. darf der Film „Jud Süss“ nur in Ausnahmefällen und unter bestimmten Auflagen aufgeführt werden, gerade so, als sei die darin transportierte Ideologie immer noch zu stark und verführerisch für den demokratisch sozialisierten Nachkriegsmenschen.

Ein Film wie „Swastika“, der (sicherlich aus ähnlichen Gründen wie „Jud Süss“) 37 Jahre lang geächtet und ignoriert wurde, kann als ähnlich wertvoll eingeschätzt werden wie Claude Lanzmanns „Shoah“, denn wo letzterer (der Film wird übrigens auch oft genug selbst von Juden gemieden, da er selbst geschaffene, idealisierende Mythen untergräbt) das Berichten über die Judenvernichtung der ungefilterten Zeugenschaft weniger überlebender Opfer überlässt, überlässt „Swastika“-Regisseur Philippe Mora uns ohne Anleitung das potenzierte Gedanken- und Gefühlsfutter der Verbrecher für das Volk der „willigen Vollstrecker“.  Mit beiden Filmen müssen wir alleine umgehen, sie gehören zu wenigen zu dieser Thematik, die sich bewusst an mündige Menschen richten.

Andreas Thomas

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.filmgazette.de

 

Swastika
OT: Swastika
Großbritannien 1973 - 93 min.
Regie: Philippe Mora - Drehbuch: Philippe Mora, Lutz Becker - Produktion: David Puttnam, Sandy Lieberson - Schnitt: Andrew G. Patterson - Musik: Richard Wagner, Ludwig van Beethoven; Songs: Noel Coward: Don't Let's Be Beastly To The Germans, Helen Morgan: What Would I Do For That Man? - Verleih: absolut Medien - Besetzung: Werner von Blomberg, Martin Bormann, Dirk Brinkley, Eva Braun, Gretl Braun, Wilhelm Bruckner, Neville Chamberlain, Fräulein Christians, Graf Ciano, Albert Einstein, Hermann Esser, Wilhelm Furtwängler, Hermann Göring, Joseph Goebbels, Rudolf Hess, Reinhard Heydrich, Heinrich Himmler, Adolf Hitler, Heinrich Hoffmann, Fritz Kuhn, Benito Mussolini, Dr. Theodor Morell, Jesse Owens, Joachim von Ribbentrop, Baldur von Schirach, Fräulein Schröder, Franz-Xaver Schwarz, Albert Speer, Julius Streicher, Joseph Thorak, Adolf Wagner, Arno Breker
DVD-Start (D): 13.08.2010

 

 

 

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