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Superman v Batman: Dawn of Justice

 

Einen Superheldenvergleich stellt Zack Snyder in "Batman v Superman - Dawn of Justice" an.

Mathematisch gelesen (soviel Nerdigkeit sollte in einer Kritik zu einer Comicadaption erlaubt sein) bezeichnet das "v" in "Batman v Superman - Dawn of Justice" keine Gegnerschaft, sondern eine nicht-ausschließende Disjunktion. Also nicht "Batman gegen Superman", sondern "Batman und / oder Superman". Tatsächlich geht es in Zack Snyders aktuellem Film vielleicht zuerst darum, dass sich ein Übermensch einem Vergleich, einer Relativierung zu stellen hat. Eine der interessantesten Figuren der breit aufgefächerten Erzählung, die Senatorin Finch (Holly Hunter), drückt das in einer Szene folgendermaßen aus: In einer Demokratie sei das Gute eine Sache von Aushandlungen; der vom Planeten Krypton exilierte, im uramerikanischen Weizenfeld Kansas sozialisierte, flugfähige und vielebärenstarke Außerirdische Superman (Henry Cavill) stehe dagegen für eine "unilaterale", also totalitäre Definition des Guten. Deshalb solle er den staatlichen Institutionen Rede und Antwort stehen.

Der Moment, in dem er das tatsächlich tut, in dem Superman vor einem Untersuchungsausschuss des Senats erscheint, und zwar nicht inkognito als Reporter Clark Kent, sondern in voller ikonischer Heldenmontur, ist eine der stärksten Szenen in "Batman v Superman". Nicht, dass sich der Film komplett auf die Seite der äußerst ambivalent gezeichneten Senatorin schlagen würde. Auf den ersten Blick sogar: ganz im Gegenteil. Hinter ihrem naiven Liberalismus lauert der knallhart populistische Anarchismus des Multimillionärs Lex Luther (Jesse Eisenberg, der die "bad-guy"-Rolle irgendwo zwischen dem Joker aus Nolans Batman-Filmen und seiner eigenen passiv-agressiven Mark-Zuckerberg-Verkörperung in "The Social Network" anlegt). Dennoch attackiert auch Snyders Film die Einzigartigkeit des Helden.

Der ebenfalls von Snyder inszenierte Vorgänger hatte sich noch ganz der Singularität Supermans verschrieben. Vor allem hatte "Man of Steel" den Namen des Helden für einmal ganz wörtlich genommen und sich so konsequent wie kein Superheldenfilm vorher oder nachher der Phänomenologie des Übermenschlichen gewidmet. Henry Cavills Superman flog nicht, sondern knallte und schoss durch die Gegend, als menschgewordenes Projektil, das nicht nur ganze Großstädte mit links in Schutt und Asche legte, sondern auch die filmische Form instabil werden ließ: Wie seine Hauptfigur hatte "Man of Steel" etwas Unförmiges und Übergriffiges an sich, platzte vor lauter freidrehender Bewegungsenergie aus allen Nähten, schien Wahrnehmungsorgane zu adressieren, über die der Großteil des Publikums noch gar nicht verfügt.

Das Sequel sagt allerdings: Es gibt nicht nur Superman, sondern Superman und / oder Batman. Dieser Superheldenvergleich ist einerseits durchaus interessant aufgefaltet: Während Superman endgültig ins Messianisch-Christologische abzudriften droht (der nun, wie einst Jesus, auch noch zu lernen hat, wie man für die Welt blutet), ist Batman geradezu obsessiv diesseitig. Ben Affleck interpretiert die Rolle komplett anders als Christian Bale in den "Dark Knight"-Filmen: Sein Batman ist kein spätromantischer, im Geheimen zivilisationsmüder Melancholiker, sondern ein sich selbst und anderen gegenüber gleichermaßen unnachgiebiger Selbstoptimierer (eine Figur wie aus einem Ayn-Rand-Roman - Snyder arbeitet derzeit an einer Adaption von "The Fountainhead"). Wo Superman, gerade weil er dem Menschlichen von Anfang an enthoben ist, mit offenem Visier kämpfen kann, muss sich Batman seine Menschlichkeit aktiv austreiben, mit immer durchgeknallteren Gefährten durch die Gegend düsen, seinen grobschlächtigen, aber verletzlichen Körper in immer dickere Rüstungen verpacken; auf seine altbekannte Maske hat er sich diesmal eine Zornesfalte aufprägen lassen. Am Ende stolziert er fast wie ein mittelalterlicher Raubritter durch die Gegend.

Andererseits kommt dem neuen Film, gerade weil er sich nicht mehr obsessiv mit einer einzelnen Hauptfigur identifiziert, die manische Energie von "Man of Steel" abhanden. "Batman v Superman" ist zwar noch einmal zehn Minuten länger als der Vorgänger und durchaus mit so manchem Exzess vollgestellt, aber so richtig abheben will er bis zum Schluss nicht. Superman setzt seine Kräfte enttäuschend ökonomisch ein, die einzige urbane Zerstörungsorgie wird gleich zu Beginn abgehandelt, fast wie eine müde Pflichtübung, auch die Terrence-Malick-Allusionen beschränken sich auf ein, zwei Kansas-Postkartenpanoramen. Wahrscheinlich ist es eine vernünftige Entscheidung, dass Snyder nicht versucht, "Man of Steel", diesen filmgewordenen Bewegungsorgasmus, zu überbieten. Aber das heißt eben auch: "Superman v Batman" ist ein vernünftigerer Film als "Man of Steel". Und Vernunft steht weder Snyders megalomanischem Affektkino noch dem Superheldengenre allzu gut.

Freilich ist der Film nur im Vergleich mit anderen Snyder-Filmen und höchstens in der Hinsicht vernünftig, dass er seine Attraktionen halbwegs mundgerecht zu verpacken weiß. Im engen Sinne sinnvoll ist wenig an "Superman v Batman", schon gar nicht das Drehbuch: Das konstruiert in der fast procedural-artig anmutenden ersten Hälfte dank ausdauerndem cross cutting durchaus mit einigem Geschick eine politische Verschwörung; nur um in der zweiten Hälfte die aus Genderparitätsperspektive dringend notwendige, aber leider weitgehend beschäftigungslose Wonder Woman (Gal Gadot), sowie zwei ebenso beknackte wie generische Konflikte aus dem Hut zu zaubern, die alle aufwändig behauptete Komplexität doch wieder auf Mama und (Weltraum-)Monster reduzieren.

Nun mag man einwenden, dass eine an Skriptfeinheiten orientierte Kritik Spektakelkino dieser Art fast schon grundsätzlich verfehlt. Im Fall von "Superman v Batman - Dawn of Justice" allerdings verweisen die diversen kleineren Unstimmigkeiten und größeren Durchhänger auf ein grundlegenderes Problem, das sich ebenfalls bereits im Titel manifestiert: Dessen "Gerechtigkeitsdämmerung" ist nicht bloß Krawallrhetorik, sondern verweist auf zwei weitere Superheldenfilme um eine sogenannte "Justice League", die Snyder in den nächsten Jahren drehen wird und für die das diesjährige Superheldengipfeltreffen nur ein aufgeplusterter Teaser darstellt. Das ist die vielleicht entscheidende Differenz zu Snyders magnum opus: "Man of Steel" war ein Blockbuster nicht nur im ökonomischen, sondern auch im Wortsinn: Kein Block bleibt ungebustet.

Der Nachfolger ist dagegen ein Scharnierfilm, ein Bindeglied, das dabei helfen soll, zwei im Kino bislang isolierte Heldenerzählungen in ein lukrativeres cinematic universe nach Marvel'schem Vorbild zu überführen. In einem solchen cinematic universe werden Figuren und Handlungsstränge nicht mehr als verfügbares Spielmaterial, sondern als geldwerte Anlagen betrachtet, die nicht in einem einzelnen Film verpulvert werden dürfen. In "Superman v Batman" ist, anders als in den Marvelfilmen, noch genug Platz für allerlei Spinnereien zwischendurch, und als fantasmatischer, deutlich erkennbar auf analogem Filmmaterial fotografierter Bilderbogen, der immer wieder, ohne jede Vorankündigung, bizarre Traum- und Traumabilder in die Erzählung einbrechen lässt und in dem aus dem Rauch von Hochhaustrümmern auch schon einmal ein Pferd auftauchen darf, macht das Ganze ohnehin viel Freude. Mittelfristig allerdings könnte im Zuge der allseitigen Superheldenproliferation Snyders auteuristische Singularität auf der Strecke bleiben.

Lukas Foerster

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 


Batman v Superman: Dawn of Justice
USA 2016 - 152 Min. - Start: 24.03.2016 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Zack Snyder - Drehbuch: Chris Terrio, David S. Goyer, Jerry Siegel, Joe Shuster, Bob Kane, Bill Finger - Produktion: Charles Roven, Deborah Snyder - Kamera: Larry Fong - Schnitt: David Brenner - Musik: Junkie XL, Hans Zimmer - Darsteller: Henry Cavill, Ben Affleck, Gal Gadot, Jason Momoa, Amy Adams, Jena Malone, Ezra Miller, Jesse Eisenberg, Diane Lane, Jeremy Irons, Holly Hunter, Dante Briggins, Christina Wren, Ray Fisher, Laurence Fishburne

Verleih: Warner Bros. GmbH

 

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