zur startseite

zum archiv

zu den essays

 

Submarine

 

 

 

Richard Ayoades Regiedebüt "Submarine" weicht den Fallen des nostalgischen Hipsterkinos geschickt aus.

Shakespeare, Nietzsche, Salinger - drei Autoren, drei Bücher, die Oliver Tate (Craig Roberts) der eher unwilligen Jordana Bevan (Yasmin Paige) zwischen zwei Schulstunden in die Hände drückt. Weil sie jetzt ein Paar sind, weil es jetzt Zeit ist, dass sie mehr über ihn erfährt. Als Zuschauer erfährt man in diesem Best-of der Literatur für empfindungssüchtige Gymnasiasten, die etwas abseits vom Popularitätsradar stehen, in erster Linie, dass Oliver ein wandelndes Klischee ist. Und natürlich: Einer dieser Nerds, wie sie gerade in Heerscharen die Feuilletons beschäftigen und das Kino bevölkern. Ein Nerd in einer Zeit allerdings, die von Herzen grausam zu den Nerds gewesen ist: "Submarine", das Regiedebüt von Richard Ayoade, den man ansonsten vor allem als Über-Nerd Moss aus der britischen Sitcom "The IT-Crowd" kennt, spielt Mitte der Achtziger in Wales.

Dass es überhaupt zur Paarbildung und, folgt man den Implikationen eines elliptischen Umschnitts, zum erfolgreich vollzogenen Beischlaf gekommen ist, grenzt an ein Wunder. Als eigentlich eher von Grundauf verkorkstes Ergebnis steht beides am Ende einer langen Kette sonderbarer Verrenkungen, die Ayoade genüsslich mit einer Mischung aus Nostalgieanflügen (dass manches vom eigenen Leben geborgt sein könnte, denkt man sofort) und aufrichtigem Interesse am Humorpotenzial klassischer Fremdscham-Situationen aneinanderreiht: "Awkwardness” als Lebenskunst.

Der Fundus, aus dem Ayoade dabei großzügig schöpft, ist den längst zum Manierismus geronnenen Filmen aus "Indiewood" entliehen: Ein sozial mittelschwer unbegabter Schüler mit leicht treudoofem Blick, Hang zu verschrobener Kleidung und für einen Teenager eher ausgefallenen ästhetischen Präferenzen (hängt da ein Bild von Pasolini an der Wand?) pflegt zur eigenen Körperlichkeit ein tendenziell problematisches Verhältnis und lebt in einer retro-okönomisch gut ausschlachtbaren, vergangenen Dekade mit eher unmöglichen, ebenfalls mittelprächtig neurotischen Eltern mit kuriosen Berufen - der Vater (Noah Taylor) ist ein bärtiger Meeresbiologe - in einer trostlosen Mittelschichtsvorstadt. Er ist umringt von kuriosen Gestalten, die ihrerseits sonderbaren, heute kaum mehr vermittelbaren ästhetischen Neigungen nachgehen (waren Vokuhilas und Airbrush-Autos wirklich einmal in?), wird von seinen Mitschülern gehänselt und verliebt sich schließlich bald glücklich, bald unglücklich in eine ebenso nerdige Mitschülerin, während die Ehe der Eltern in die Brüche zu gehen droht. Ein "slice of life", ein "coming of age" im Vintagelook, natürlich mit Voice Over, der dann auch klanglich tatsächlich gar nicht weit weg ist von Michael Cera oder Jesse Eisenberg, den nasalen Helden des US-Indiewood.

Bei alldem macht "Submarine" viel Freude. Zum einen ganz sicher, weil Ayoade seine Hauptfigur nicht als Charmebolzen mit sympathischem Knacks anlegt, sondern als offenkundigen Neurotiker, der von "Routinerecherchen" faselt, wenn er das Schlafzimmer seiner Eltern durchwühlt und dessen größte Freude es ist, mit Jordana liebestoll brandstiften zu gehen. Auch Jordana ist, im Gegensatz zu den weiblichen "love interests" vergleichbarer amerikanischer Filme, kein ätherisch anmutendes Liebeswesen, sondern in ihrem Wesen ganz profund beschädigt und überdies intrigant.

Ähnlich sind auch die Achtziger bei Ayoade kein bloß gefälliger, auf die ästhetischen Bedürfnisse von Hipstern zugeschnittener Resonanzraum, sondern zwar schon auch, aber eben nicht nur nostalgische Referenz: Nie schwingt sich Ayoade zum narzisstischen Popsubjekt auf, das stolz sein Archiv offenlegt und ein emblematisch verdichtetes Phantasma einer Dekade präsentiert, dessen Bestandteile man im Vintage-Memorabilia-Shop nachkaufen könnte. Womöglich interessiert sich Ayoade für die Achtziger auch nur insoweit, wie er sie als Verfremdungseffekt nutzen kann: Der mit grotesker Kleidung und Frisur ausgestattete Nebenbuhler (Paddy Considine), der Olivers phlegmatischem Vater die Frau (Sally Hawkins) auszuspannen droht, würde heutzutage in solcher Erscheinung Argumentationsbedarf wecken, bleibt in diesem zeitlichen Kontext aber immerhin legitimes Kuriosum. Und nur in den Achtzigern ist es Olivers Vater ohne größeren Widerspruch möglich, dem Sohn, kaum steht im Raum, dass dieser doch nicht, wie insgeheim befürchtet, schwul ist, sondern eine Freundin hat, stolz ein Mixtape in die Hand zu drücken, das eben als einziges Amateur-Audiomedium von vornherein mit zwei Seiten kommt: Seite A bringt den Soundtrack zu Jubel, Seite B den Soundtrack zum Schmerz, in dem noch fast jede erste große Jugendliebe zwangsläufig endete.

Nicht zuletzt eignet dem Film eine gewisse ästhetische Souveränität: Zwar spielt auch Ayoade mit den Verlockungen nostalgischer Patina, verwechselt diese aber nie mit in dicken Strichen angebrachtem Lack. Mitunter bleiben seine Bilder fragil und sanft defizitär, sie liebäugeln eher mit den Bildtraditionen des europäischen Autorenkinos - einmal erfährt man kurz, dass der Vater Eric Rohmer schätzt -, als dass sie sich hemmungslos an die amerikanischen Nachbarn heranschmeißen würden. Ein schöner, kleiner Film.

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen in:www.perlentaucher.de  

Submarine
Großbritannien / USA 2010 - Regie: Richard Ayoade - Darsteller: Craig Roberts, Yasmin Paige, Sally Hawkins, Paddy Considine, Noah Taylor, Darren Evans, Osian Cai Dulais, Lily McCann, Otis Lloyd, Elinor Crawley - FSK: ab 12 - Länge: 97 min. - Start: 17.11.2011

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays