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Stung


 


Reich an Geld und Neurosen

Benni Diez motzt in seinem Spielfilmdebüt "Stung" mit Monsterwespen die eigene Showreel auf.

Die Diezreel zeigt, woher der Regisseur kommt: In seinem persönlichen Leistungsschauvideomixtape präsentiert Benni Diez, Absolvent der Filmakademie Baden-Württemberg, knalliges CGI-Handwerk, oft mit einem Schlag ins Humoristische, entstanden teils als Auftragsarbeit für die Werbebranche, teils im Dunstkreis des nerdigeren, technikaffineren Segments der deutschen Kurzfilmszene. Dazu wummert generisch Elektronisches. Nicht Teil der Diezreel und auch auf der Homepage des Regisseurs nirgendwo erwähnt ist ausgerechnet der mit Abstand bekannteste Film, an dem Diez - als Teil des visual-effects-Teams - mitgearbeitet hat: Lars von Triers "Melancholia". Insofern zeigt die Diezreel nicht nur, woher der Regisseur kommt, sondern auch, wohin er will; und sogar, wohin er nicht will.

Ironischerweise gibt es trotzdem einige zwar rein oberflächliche, aber dennoch amüsante Parallelen zwischen "Melancholia" und "Stung", dem ersten langen Spielfilm, den Diez selbst inszeniert hat. Beide beginnen (im Fall von "Melancholia" gibt es vorher noch einen möglicherweise vom "Stung"-Regisseur gestalteten kosmologischen Zeitlupenprolog) mit einer Szene, in der ein Mann und eine Frau in einem Auto durch grüne Wiesen über eine Landstraße fahren und sich dabei, im älteren Film heftig, im neueren eher passiv-aggressiv, in die Haare geraten. In beiden Filmen ist das Ziel der Fahrt ein herrschaftlich-mondänes Landhaus, in beiden Filme wird auf diesem Anwesen eine Party gefeiert, auf der es vor sehr weißen Männern und Frauen wimmelt, die reich an Geld und Neurosen sind; und in beiden Filmen geht anschließend die Welt unter. Viel weiter wird man den Vergleich auch mit viel Mühe nichts ausreizen können; dazu fühlt sich der Wespen-Film einfach zu wohl in seiner ostentativen Gewöhnlichkeit.

Bei Diez sind jedenfalls die Schuldigen klar auszumachen: mutierte Wespen. Die kommen in zwei Inkarnationsstufen vor. Die erste ist nur geringfügig größer als das nichtfiktionale Original, lässt sich noch mit der flachen Hand zerquetschen und hinterlässt dabei eine wenig appetitliche glibbrige Masse. Das ist aus Ekelhorrorfilmsicht ein Vorteil der Wespe: Sie taugt sowohl lebend als auch tot als Attraktion. Diez' Wespen haben außerdem die Fähigkeit, sich in menschlichen Wirten einzunisten, um diese von innen zu übernehmen. Wenn sie dann aus diesen Leihkörpern "schlüpfen", kleben auf dem computergenerierten Monsterwespenkörper noch Überreste der ursprünglichen Hauthülle. Diese Szenen dürften jeden erfreuen, der einen Sinn für effektbewusste kinematographische Grobheiten hat. "Stung" ist offensichtlich ein Film, der ein gewisses Gespür dafür hat, wie man eine gleichzeitig abstruse und längst totkonventionalisierte Prämisse ausbeuten, wie man ihr Bilder entlocken kann, die auch abgebrühte Zuschauer zumindest momenthaft in ihrer körperlichen Integrität erschüttern.

Weit weniger Gespür hat der Film, wenn es darum geht, diese insgesamt doch eher wenigen Kleinode des Abscheulichen, zu denen zumindest noch jener Moment zu zählen ist, in dem Clifton Collins Jr. - neben Genrekino-Urgestein Lance Henriksen einsames Highlight eines ansonsten nicht einmal wirklich hysteriefähigen Casts - ein Wespenkopf aus der Schulter wächst, in einen Spielfilm zu integrieren, der einen auch nur für schlanke 87 Minuten bei der Stange halten könnte. Und damit, nebenbei bemerkt, endlich einmal das Theater rechtfertigen würde, das der "neue deutsche Genrefilm", zu dem man Diez' auf brandenburgischen Äckern inszeniertes Debüt trotz englischsprachigen Dialogen zählen darf, nun schon seit ein paar Jahren auf diversen Kanälen veranstaltet. Mit handwerklich soliden, aber komplett austauschbaren Retortenproduktionen wie "Stung" kann man sicherlich am internationalen Markt - insbesondere in dessen Heimkinosegment - konkurrieren; was allerdings das Kino (wenn's denn sein muss auch das deutsche, vor allem aber das Kino an sich) davon haben könnte, wenn man das tut, ist eine ganz andere Frage.

Tatsächlich wird alles, was nicht durchaus kompetente Effekthascherei ist, wie eine lästige Pflichtübung, aber deshalb noch lange nicht kurz und knapp, abgehandelt. Von der satirisch gemeinten High-Society-Party zu Beginn bleibt höchstens der deutsche Youtube-Star Daniele Rizzo in Erinnerung, der schief grinsend auf einer elektronischen Orgel vor sich hin klimpert. Und wenn die Wespen losschlagen, verzieht sich der Film schnell ins größtenteils reizarme Innere des Landhauses. Insbesondere die wenig prickelnde Romanze, die den beiden Hauptfiguren auf den Leib geschrieben ist, wirkt wie trister Dienst nach Vorschrift: Natürlich darf sich die erst sarkastisch-abweisende Julia (Jessica Cook) dem linkischen Charme Pauls (Matt O'Leary) irgendwann doch ergeben. Aber dass die beiden wirklich neugierig aufeinander sein könnten, nimmt man dem dröge Flirtversuche und verschämte Abcheck-Blicke brav aneinander reihenden Film nun wirklich nicht ab. Mehr als Händchenhalten ist vorerst sowieso nicht drin, weil: stechwütige Monsterwespen. Die freilich werden sich demnächst sicherlich gut machen, als Teil der upgedateten Diezreel.

Lukas Foerster

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

 

  

Stung
Deutschland, USA 2015 - 87 Min. - Kinostart(D): 29.10.2015 - FSK: ab 16 Jahre - Regie: Benni Diez - Drehbuch: Adam Aresty - Produktion: Christian Becker, Benjamin Munz - Kamera: Stephan Burchardt - Schnitt: Dominik Kattwinkel - Musik: Antonio Gambale, David Menke - Darsteller: Clifton Collins Jr., Jessica Cook, Tony de Maeyer, Lance Henriksen, Florentine Lahme, David Masterson, Matt O'Leary, Cecilia Pillado, Kathleen Renish, Daniele Rizzo, Eve Slatner - Verleih: Kinostar

 

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