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Striche Ziehen

 

Im November 1986 wurde ein Strich gezogen. Weiß, auf Augenhöhe, auf der Westseite der Berliner Mauer, quer über all die bunten Graffitis, die zu jener Zeit die tödliche Grenzanlage trügerisch verschönten. Die jungen Künstler wollten wieder auf die Tatsache aufmerksam machen, dass die Mauer eine Grenze bezeichnete, die zu überwinden viele träumten. Kein Wunder, denn die fünf jungen Männer, alle Jahrgang 1962 bis 1966, hatten die Grenze gerade hinter sich gelassen, waren aus der DDR ausgereist oder von der DDR abgeschoben worden. Zuvor waren sie gemeinsam Teil der Weimarer Punk-Szene, waren unbequem gewesen, hatten „Neue Männer braucht das Land“ oder „Macht aus dem Staat Gurkensalat“ an Hausmauern gesprüht, waren stadtbekannte Querulanten gewesen, die gerne mal von der Staatssicherheit schikaniert wurden. Mit Spitzeln war in der offenen Szene immer zu rechnen; immer wieder gab es Verdächtigungen. Doch als die Gruppe schließlich verraten wurde, war der Verräter jemand, dem man das nicht zugetraut hätte.

Ausgerechnet Jürgen Onißeit hatte seinen Bruder Thomas und die Freunde Wolfram Hasch, Frank Schuster und Frank Willmann verraten und zwischen 1981 und 1984 regelmäßig Berichte geliefert. Dass er darüber auch nach der Ausreise in die BRD nicht geredet hat, nehmen ihm die ehemaligen Freunde bis heute sehr übel. Erst im Rahmen einer Recherche zur Kunstaktion „Der weiße Strich“ kam die Sache ans Licht. Der Filmemacher Gerd Kroske hat sich des Falles angenommen, hat das vorhandene Material gesichtet und die Beteiligten vor der Kamera dazu befragt.

Er zeichnet das Bild einer nicht konformen Jugend in der DDR der frühen 1980er Jahre, die auf unterschiedliche Art und Weise subversiv tätig ist, mit der Punk-Bewegung liebäugelt, sich politisch gegen den Strich verhielt oder einfach aus der DDR wegwollte. Im Falle von Jürgen Onißeit wiederholt sich eine Denkfigur, die man bereits aus dem Film „Anderson“ kennt: Onißeit lässt sich mit der Stasi ein, weil er glaubt, er könne ein Spielchen spielen, weil er ja die Informationen, die er preisgibt, kontrolliere. Schnell zeigt sich der Irrtum, aber es dauert ein paar Jahre, bis sich Onißeit aus der Zusammenarbeit befreien kann. Onißeit war jung, brauchte das Geld und glaubte, die Sache unter Kontrolle zu haben. Hatte er aber nicht, weshalb er diesen Deal auch unumwunden als „Fehler seines Lebens“ erkennt. Nachdem die Sache aufgeflogen war, hat er seine Schuld auch eingeräumt, will aber jetzt nicht mehr darüber reden. Aus Scham und auch aus Wut, weil Jürgen Onißeit sich als Opfer begreift. Er sei doch nur ein kleines Rädchen gewesen, sagt er und rät Kroske doch einmal bei den wahren Tätern nachzufragen. Was Kroske auch tut, aber die wahren Täter sind entweder tot oder wollen ihrerseits die Vergangenheit Vergangenheit werden lassen.

Es wird im Verlauf des Films, dessen notwendige und mitunter schmerzhafte Redundanzen durch beharrliches Insistieren offenbar nicht zu umgehen sind, weil die Fronten zwischen Beteiligten so verhärtet sind, offenbar, dass Jürgen Onißeit seinerzeit die Malaktion initiierte, weil er für sich einen Schlussstrich unter die DDR-Geschichte ziehen wollte. Dass sich im Verlauf der Aktion eine Tür in der Mauer öffnete - und Wolfram Hasch im Grenzgebiet von DDR-Grenzern verhaftet wurde, ist manchem vielleicht noch in Erinnerung. Onißeit hatte damit nichts tun, aber viel wichtiger als diese Erkenntnis ist es, zu beobachten, wie Jürgen Onißeit voller Selbstmitleid nicht die Empathie aufbringt, sich der Tatsache zu stellen, dass er durch seinen Verrat wesentlich in die Biografien seiner Freunde und seines Bruders eingegriffen hat. Ganz zum Schluss kommt es zum Gespräch zwischen den Brüdern. Es zeichnet Kroskes Film aus, dass er nicht harmonisiert, wo bis heute Wunden nicht verheilt sind.

„Striche ziehen“ ist ein Angebot, offene Fragen nicht ruhen zu lassen, dessen Verrat ist kein Lapsus und auch kein ästhetischer Akt. Selbst, wenn man vielleicht wünschte, dass dem so wäre.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in:filmdienst 08/2015

 

 

Striche ziehen
Deutschland 2014 - 100 Min. - Start(D): 23.04.2015 - FSK: ohne Altersbeschränkung - Regie: Gerd Kroske - Drehbuch: Gerd Kroske: Produktion: Gerd Kroske - Kamera: Anne Misselwitz - Schnitt: Karin Gerda Schöning - Musik: Klaus Janek - Verleih: Salzgeber & Company Medien

 

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