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Die Strände von Agnès

 

 

Agnès Varda hat mit 80 Jahren einen autobiographischen Film gedreht, in dem Strände als Leitmotiv wiederkehren. Sie spricht lapidar formulierte, nicht unpoetische Kommentare und Reflexionen aus dem Off, aber auch direkt in die Kamera, zum Beispiel während sie rückwärts aufs Meer zugeht und gleichsam Erinnerungsvorgänge visualisiert. Erinnerung ist für die französische Fotografin und Regisseurin eine gegenwärtige Aktivität, bei der die aktuelle Situation schnell ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken kann. Während sie Mädchen des 21. Jahrhunderts in altmodischen Badeanzügen eine Szene nach einem vor 70 Jahren gemachten Urlaubsfoto nachstellen lässt, begibt sie sich unterbrechend ins Bild, redet mit dem Kameramann und schafft so, eher nebenbei, ein dichtes Gefüge aus Dokumentation, Fiktion, Inszenierung, Desillusionierung und Improvisation. Schon in ihrem ersten Film »La Pointe Courte« aus dem Jahr 1955, der in dem gleichnamigen französischen Fischerdorf (in der Nähe von Sète, wo Varda ihre Jugend verbrachte) spielt, wurde Fiktives und Dokumentarisches auf für damalige Begriffe sehr ungewöhnliche Weise in Beziehung gesetzt; die Nouvelle Vague fängt nach gängiger Auffassung erst drei Jahre später an.

 

Zu Beginn von »Die Strände von Agnès« sieht man die Regisseurin und ihr Team an der belgischen Nordseeküste, wo sie während ihrer in Brüssel verlebten Kindheit regelmäßig mit ihrer Familie die Ferien verbrachte – bevor die Vardas vor deutschen Bombenangriffen fliehen mussten und nach Frankreich emigrierten –, Spiegel in unterschiedlichen Größen und Rahmen aufstellen. Es entsteht eine surrealistische Flohmarktszenerie, angereichert mit Metaphern für filmisches Selbstporträt, fotografisches Abbild oder Kadrierung und prima geeignet, um in kubistischer Manier die Bildperspektive zu vervielfältigen. In den Einstellungen dieser Installation, dieses, wie man es getrost nennen kann: reflexiven Settings, wird räumlich und zeitlich dicht gedrängt und thematisch ausufernd eine Fülle von Bezügen hergestellt – ob nun zu persönlichen Erinnerungen Vardas, der Malerei von beispielsweise Magritte oder Filmgeschichtlichem, wie Jean Cocteaus »Orphée«. Schließlich werden die Crewmitglieder, über Spiegel in die Kamera blickend, aufgenommen. Varda porträtiert sich nicht ohne ihr Umfeld, und verweist im Film auf den Vorgang des Drehens. Zudem betont sie durch abrupte Schnitte die Montage – ein Begriff der in »Die Strände von Agnès« auch fortwährend im Sinne von Fotomontage oder im Bezug auf surrealistische Collagen ausbuchstabiert wird.

 

Aus ihren eigenen Filmen montiert sie viele Ausschnitte ein, auch zeigt sie das breite wie disparate Spektrum an Leuten, die sie traf (Fidel Castro, Jane Birkin etc.), mit denen sie arbeitete (Harrison Ford, Jane Birkin etc.), befreundet (Jim Morrison, Jane Birkin etc.) und verbündet (Chris Marker, Jane Birkin etc.) war. Oft befand sie sich mitten im Geschehen, auch wenn sie den Pariser Mai ’68 verpasste. Denn 1968 lebte Varda in Los Angeles und drehte während des Prozesses gegen Huey Newton eine Doku über die Black Panthers. 1962 fotografierte sie in Kuba, unter anderem Fidel Castro als Engel mit steinernen Flügeln.

 

Varda kenne »auf dem ästhetischen Sektor keine Schuldgefühle«, womit sie sich »aus dem allgemeinen Kulturbetrieb herauskatapultiert« habe, schrieb Frieda Grafe 1967 in der Zeitschrift Filmkritik. Nun sind Filmstreifen von »Les Créatures«, ein (obwohl Catherine Deneuve und Michel Piccoli die Hauptrollen spielten) Misserfolg Vardas, den Grafes Text verteidigt, Teil einer in der Fondation Cartier ausgestellten Installation der Regisseurin. Varda ist im Kulturbetrieb längst akzeptiert. In »Die Strände von Agnès« überträgt sie ihren, wie sie es selbst nennt, »Fliegenschwarm« aus Erinnerungen formstreng in kaleidoskopisches Bilderchaos.

 

Der Film ist gleichzeitig durchkonstruiert und improvisiert, leichtfüßig und inhaltsschwer, also definitiv Kunst. Es gibt Widersprüche en masse auf verschiedensten Ebenen und eine eigens geschaffene Struktur, die diese Widersprüche aushält. Die Szenen fügen sich aneinander, als hätte sich Howard Hawks den Fortgang der Handlung ausgedacht: Die Übergänge sitzen, der große Plotbogen splittert. Eine in ihrer Puzzlehaftigkeit wichtige Vorarbeit ist sicherlich Vardas essayistische Doku »Die Sammler und die Sammlerin« aus dem Jahr 2000, ein Film der Leute porträtiert, die (in ähnlicher Körperhaltung wie die Sammlerinnen in Jean-Francois Millets klassischem Gemälde zum Thema) auf abgeernteten Feldern oder verlassenen Marktplätzen die Überbleibsel ergattern. Selbstverständlich sammelt Varda nebenbei Skurriles aus Trödelläden ein oder, mit ihrer leichten digitalen Kamera, Bilder ihrer eigenen gealterten Hand. Hinsichtlich des energetischen Umgangs mit dem Altwerden kann auch »Uncle Janco« als Vorarbeit betrachtet werden, ein 1967 entstandener Film über Vardas Onkel, der auf seinem Hausboot in der Bucht von San Francisco zwischen Hippies und Künstlern eine prima Figur abgibt.

 

Agnès Varda selbst unterläuft körperliche und geistige Trägheiten durch Clowneskes – im Kartoffelkostüm auf der Biennale 2003 in Venedig – und ihren Sinn für Situatives: Zurück im Brüsseler Elternhaus passiert nichts mit ihr, keine Erinnerungsschübe; statt dessen entsteht das Miniporträt eines Modelleisenbahnsammlers – der Hausherr, der sie einlud, kurz bevor er das Anwesen verkaufte. (In den Anspielungen dieser Episode werden nebenbei Proust und Orson Welles durchgerüttelt.)

 

In »Strände« kommen viele Erzähltonwechsel vor – so findet etwa Marschall Pétain in einer lustigen Anekdote über ein dämliches Liedchen Erwähnung, das Varda als Mädchen in der Schule singen musste, und im Anschluss daran wird, selbstverständlich in einem ganz anderen Tonfall, die Deportation der französischen Juden thematisiert. Lobenswerterweise kennt Varda keine klare Trennung zwischen unterschiedlichen Lebensbereichen. Das Öffentliche und das Intime vermischen sich nicht nur in ihrem Engagement als Feministin, sondern auch in der Trauer um Jacques Demy, ihren 1990 an den Folgen von AIDS verstorbenen Lebensgefährten, Regisseur von »Les Demoiselles de Rochefort« oder »Une Chambre en ville«, dessen Kindheit und Jugend sie in »Jacquot de Nantes« verfilmte – zur selben Zeit, als sie ihn gewissermaßen beim Sterben begleitete. Er ist äußerst präsent in »Die Strände von Agnès«. Man könnte meinen, nicht zuletzt eine »Orphée«-Variation zu sehen. Varda, auf der Schwelle zwischen Tod und Alltag, holt Jacques Demy zurück in ihr vielgestaltiges Leben.

 

Frank Geber

 

Dieser Text ist, gekürzt, zuerst erschienen in: Junge Welt

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

 

Die Strände von Agnès

Frankreich 2008 - Originaltitel: Les Plages d'Agnès - Regie: Agnès Varda - Darsteller: (Mitwirkende) Agnès Varda, André Lubrano, Blaise Fournier, Vincent Fournier, Andrée Vilar, Stéphane Vilar, Christophe Vilar, Rosalie Varda - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 108 min. - Start: 10.9.2009

 

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