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Die Stooges - Drei Vollpfosten drehen ab

 

 

Holzhammer-Humanismus

In "Die Stooges - Drei Vollpfosten drehen ab" der Brüder Bobby und Peter Farrelly reimt sich Hiebe noch jedesmal auf Liebe.

Ganz am Ende, bevor der Abspann einsetzt, aber nach dem Schriftzug "The End", den man im Kino sonst kaum noch sieht, treten zwei junge Männer vor die Kamera, stellen sich als die Regisseure des Films vor (sind aber eigentlich Schauspieler; Peter und Bobby Farrelly wünschen sich vermutlich, so auszusehen wie ihre Doubles) und wenden sich direkt an die Zuschauer: Die Vorschlaghämmer, mit denen sich die Figuren im Film gegenseitig malträtieren, sagen sie und sie führen es auch vor, sind aus Gummi und die Finger, die stets zielgenau in die Augen des Gegenüber zu stechen scheinen, zielen in Wahrheit zwei Zentimeter höher. Kurz und gut: alles nur Spiel, don't try this at home. Eine rührende Ansprache, die in ihrer spielerischen Direktheit gut zu dem naiven Holzhammer-Humanismus des Films passt, dem sie nachgestellt ist. Und die man auch als eine Form von Filmvermittlung lesen kann, als Perspektivierung eines Stücks Filmgeschichte, das mit der Kinogegenwart nur noch sehr wenige Berührungspunkte aufweist.

Die historischen "Three Stooges" standen zwischen 1934 und 1959 in 190 Kurzfilmen (Beispiel) für die Columbia vor der Kamera, danach entstand noch eine Handvoll längerer Werke. Die Komikertruppe - bestehend aus Moe Howard, Larry Fine und in der klassischen Phase der 30er- und frühen 40-er-Jahre Curly Howard - hatte eine Vorgeschichte im Vaudeville-Betrieb und dementsprechend sehen die Filme auch aus: Die Stooges geben stets drei tumbe, erst bei genauem Hinsehen gutherzige Tölpel und bemühen eine körperliche Form der Slapstick-Komik, die sich gegen Narrativierung weitgehend sträubt; die primitive Form der Filme war von Anfang an anachronistisch und erwies sich als unreformierbar.

Als proletarisch-anarchische Grundierung der bürgerlich-geschmackssicheren Columbia-Hauptfilme begleiteten (und unterwanderten) die Stooges drei Jahrzehnte Hollywoodgeschichte. Vermisst werden sie bis heute, unter anderem von den Brüdern Bobby und Peter Farrelly, die in Filmen wie "Verrückt nach Mary" oder "Dumm und Dümmerer" ihre eigene Idee von Körperkomik als lowbrow-Kunst entwickelt haben. Jetzt erweisen sie den Slapstick-Legenden die Ehre mit einer "Stooges"-Kinoversion, die einiges vom ungehobelten Charme der Vorlagen vermittelt und doch nicht einfach nur so tut, als wäre die Zeit stehen geblieben. Die statt dessen Rahmungen setzt, Vermittlungsangebote unterbreitet.

"Die Stooges - Drei Vollpfosten drehen ab" (der dämliche deutsche Titel geht ausnahmsweise einmal voll in Ordnung) ist in drei Segmente unterteilt, deren Länge ungefähr der der historischen "Stooges"-Kurzfilme entspricht. Allerdings werden sie von einer durchgehenden Storyline zusammengehalten: Drei Kleinkinder werden einem von Nonnen geführten Waisenhaus buchstäblich vor die Tür geworfen und wachsen zu widerborstigen, der Gesellschaft nicht zu vermittelnden - ein Adoptionsversuch scheitert kläglich - jungen Männern heran. Erst als das Waisenhaus in seiner wirtschaftlichen Existenz bedroht wird, ziehen sie hinaus in die Welt und geraten in die Fänge der Erbschleicherin Lydia, die nach Wegen sucht, ihren Ehemann umzubringen.

Für die Farrellys, die in den letzten Jahren die eine oder andere kommerzielle Schlappe hinnehmen mussten, war der Stooges-Film seit langem ein Traumprojekt. Ursprünglich war ein hohes Budget und eine Starbesetzung - Sean Penn, Benicio del Toro, Jim Carrey - vorgesehen, in dem Film, der jetzt in die Kinos kommt, ist alles eine Nummer kleiner. Chris Diamantopoulos, Sean Hayes und Will Sasso, die die Rollen der erwachsenen Stooges übernehmen, haben solide Fernsehkarrieren hinter sich, bekannte Gesichter aber sind sie nicht. Das hat den Vorteil, dass sie so weit hinter ihren Rollen verschwinden, so sehr mit den grotesk frisierten Stooges eins werden, wie das Penn oder Carrey nicht hätte gelingen können.

"Die Stooges" besteht zu weiten Teil aus wüsten, comicartig verfremdeten, von quietschenden, hupenden Soundeffekten begleiteten Prügeleien, durch die allein die Hauptfiguren sich untereinander und mit der Welt verständigen zu können scheinen; und ist doch ein grundgutmütiger, herzerwärmender Film, in dem sich Hiebe noch jedesmal auf Liebe reimt. Ein Film mit einer natürlichen Affinität zu Waisenkindern und einem Hang zu jener Art integrativer Sozialutopie, die man aus den besten Farrelly-Filmen (aus "Unzertrennlich", zum Beispiel) kennt. Ein Film, der selbst die eisige Gefühlskälte des zeitgenössischen Reality-TV zum Schmelzen bringt, wenn Moe in "Jersey Shore" als "Dyna-moe" gecastet wird.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 


Die Stooges - Drei Vollpfosten drehen ab
USA 2012 - Originaltitel: The Three Stooges - Regie: Bobby Farrelly, Peter Farrelly - Darsteller: Sofía Vergara, Jane Lynch, Larry David, Sean Hayes, Nicole 'Snooki' Polizzi, Craig Bierko, Jenni Farley, Lin Shaye, Jennifer Hudson - FSK: ab 12 - Länge: 92 min. - Start: 11.10.2012

 

 

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