zur startseite

zum archiv

zu den essays

 

Stein der Geduld

 


Mit seinem ersten, auf Französisch verfassten Roman „Stein der Geduld“ gewann der aus Afghanistan stammende Atiq Rahimi 2008 auf Anhieb den prestigeträchtigen Goncourt-Preis. Der 1962 in Kabul geborene und seit den 1980er-Jahren in Frankreich lebende Schriftsteller, Filmregisseur und ehemalige Filmkritiker übernahm, wie schon bei „Erde und Asche“ (fd 38 233), die Verfilmung selbst. Sein Kammerspiel besticht trotz einer vordergründig statischen Dramaturgie durch eine Frauenfigur, die inmitten eines Kriegsinfernos aus explodierenden Bomben und pausenlosen Schießereien ihr bisheriges Leben hinterfragt. Während ihr verletzter Ehemann komatös in einem Zimmer liegt, verlässt sie, verhüllt mit einer Burka, immer wieder das Haus, um ihre beiden Töchter durchzubringen. Der Rest der Verwandtschaft hat der vom Bürgerkrieg erschütterten Stadt schon lange den Rücken gekehrt. Ein brutaler Überfall auf die Nachbarn zwingt die Frau schließlich doch, die Kinder bei einer Tante in Sicherheit zu bringen. Ihr selbst bleibt nichts anderes übrig, als bei dem Kranken auszuharren, da sie ohne eigenes Auskommen und ohne männlichen Schutz in der patriarchalischen Gesellschaft Afghanistans immer mit Übergriffen rechnen muss.

Ermutigt durch die stumme Passivität des einstigen Tyrannen, beginnt sie auf ihren viel älteren Gatten einzureden, der sieben der zehn lieblosen Ehejahre an der Front verbracht hat. Die lange wie ein willenloses Kind behandelte Frau konfrontiert ihn mit ihren Ängsten und Sehnsüchten, mit all dem Ungesagten, das jetzt wortreich aus ihr heraussprudelt. Die auf diese Weise neu aufgestellte Beziehung beginnt wie in der afghanischen Legende jenem ,Stein der Geduld‘ zu ähneln, dem man solange seine intimsten Gedanken, Geheimnisse und Sorgen anvertrauen kann, bis er zerspringt und den Leidenden damit vom Ballast der Vergangenheit befreit.

Die ruhige Kamera folgt dem inneren Emanzipationsdrang der Protagonistin mit farblich sorgfältig komponierten Bildern und bleibt auch dann noch unaufgeregt, als ein junger Kämpfer in die Zweisamkeit des Paars eindringt. Mit dem schönen, aber sprachgehemmten Jüngling beginnt die sexuell unterdrückte Frau eine rein körperliche Affäre, deren Details sie ihrem Mann genüsslich ausbreitet. Dazu zählen auch abgeklärte Kommentare einer Tante, die als Prostituierte arbeitet, und gleichfalls über das „unerhörte“ Geschehen auf dem Laufenden gehalten wird.

Die monologische Grundkonstellation der fortschreitenden Geständnisse lebt von der großartigen Hauptdarstellerin Golshifteh Farahanis (u.a. „Elly…“, fd 40 245, „Huhn mit Pflaumen“, fd 40 487), die der Ohnmacht ihrer Figur kämpferische Gefühle wie Hass und Zorn, aber auch reichlich Humor entgegensetzt und dabei all die Ungerechtigkeiten, die ihr bisher widerfahren sind, mit selbstbewusster Lebensbejahung zu verarbeiten scheint. Eine klug reflektierende Erzählerin auf den Spuren von Scheherazade in „Tausendundeiner Nacht“, die dem Fundamentalismus ihrer Umgebung mit einem grenzenlosen Überlebenswillen zu trotzen weiß. Ein fesselndes Frauenporträt und zugleich das Protokoll eines sich anbahnenden Befreiungsakts, das angesichts der drohenden Rückkehr Afghanistans zum alten Status quo erschauern lässt.

Alexandra Wach

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Filmdienst 21/2013

 

Stein der Geduld

(Syngué sabour) - Frankreich, Deutschland, Afghanistan 2012 - 102 Minuten - Kinostart(D): 10.10.2013 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Atiq Rahimi - Drehbuch: Jean-Claude Carrière, Atiq Rahimi - Produktion: Michael Gentile - Kamera: Thierry Arbogast - Schnitt: Hervé de Luze - Darsteller: Golshifteh Farahani, Hamid Djavadan, Hassina Burgan, Massi Mrowat, Mohamed Al Maghraoui, Malak Djaham Khazal, Faiz Fazli, Hatim Seddiki, Mouhcine Malzi, Amine Ennaji, Hiba Lharrak, Aya Abida, Fatima Mastouri, Sabah Benseddik, Ahmed Ait Mahrabi

 

 

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays