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Star Trek Into Darkness

 

 

Populärmythische Schmiere

In J. J. Abrams "Star Trek Into Darkness" wird der Zierrat als Zierrat kenntlich - eine reine Leistung nach üblichen Parametern liefert der Blockbuster dennoch ab.

Der gängige Modus des Blockbusters ist der eines so üppigen, wie genossenen "Zuviel": Zuviel an Action, zuviel an Material, zuviel an "bigger than life". Und in jüngerer Zeit auch: Zuviel an Subtext. Wobei fraglich bleibt, ob ein Subtext noch Subtext ist, wenn er deutlich oberhalb der Oberfläche prangt wie daumendick Butter auf dem Butterbrot. Als kapitalintensivste Form der Filmproduktion (und, was Hollywood betrifft, zunehmend auch als einzige) sieht sich der Blockbuster dazu gezwungen, einerseits in alle Richtungen davon zu streben, andererseits aber auch für den Cash-Rückfluss immer mehr Publikum auf sich einzuschwören. Der schlicht Amüsierwillige kriegt die Action, der Nerd den Insider-Gag und der sich seines Amüsements leicht schuldig fühlende Bürger immerhin den feuilletonistisch aufbereitbaren Subtext. Da letztere Gruppe in der Gesamtbilanz eher den kleinsten Anteil ausmacht, wirkt der Subtext hingeworfen wie ein Köder: Fass, berichte davon, hol' doch Deine Leute auch noch rein.

Weshalb die Ikonografie des Terrorismus seit 9/11 sich nun auch im Star-Trek-Universum, das "Lost"-Regisseur J.J. Abrams vor wenigen Jahren mittels Parallel-Universum-Schaltung neuerlich in eine von Lens-Flare-Exzessen geprägte Monetarisierungs-Galaxis gebogen hat, wiederfindet: Hineingestellt, mittels (wenn auch nachträglich konvertiertem und also ziemlich hässlichem) 3-D quasi begehbar (Volte der Erzählung: auch erzählintern), aber sehr unmotiviert. Es kracht und zerbirst in Londons Zentrum, der Schuldige ist rasch gefunden: Benedict Cumberbatch, sonst im BBC-London als Sherlock Holmes tätig, hier nun als drahtig-aasige Osama-Bin-Laden-Analogie, die sich nicht mehr in Bergregionen Zentralasiens, sondern auf einem fernen Gestirn versteckt hält, wo ihn Kirk (Chris Pine) und Spock (Zachary Quinto) bald ausfindig machen, nur um festzustellen, dass sie von vornherein als Teil eines weit größeren Plans nach allen Regeln der Kunst genasführt worden waren.

Vom einstigen Humboldt'schen Projekt einer interstellaren Welterkundung, das Trekker insbesondere gegenüber Star-Wars-Fans gerne stark machen, bleibt in Abrams' Franchise-Reboot allenfalls die Spur einer Reminiszenz. Stattdessen misst sich sein zweiter Teil in den üblichen Disziplinen der Blockbuster-Königsklassen: Digitaleffekte, Action, Code- und Referenzsystem, zeithistorischer Kommentar, nicht zuletzt persönliches Drama der Archetyp-Figuren: Kirks Mangel an Pflichtgehorsam rettet Spock eingangs das Leben. Der wiederum liefert ihn als qua seiner vulkanischen Natur obsessiv-Kantianer mit einem eben nicht geflunkerten, sondern der Sachlage entsprechenden Bericht ans Messer, schließlich hätte Kirk ihn protokollgemäß in den Tod gehen lassen müssen. Stattdessen glaubt nun eine primitive Kultur weit draußen im All noch vor der Erfindung des Rads an einen Enterprise-förmigen Gott.

Pflichtgehorsam und individuelle Spontaneität, emotionale Intelligenz und reine Vernunft - diese Reibeflächen in Spocks und Kirks ohnehin sehr sonderbarer Freundschaft bilden die populärmythische Schmiere, mit der Abrams auch die vom in Serie geschalteten Blockbuster gebotene große Oper ins Action-Tableau überführt. Der Nerd im Publikum bedankt sich für die dabei großzügig verstreuten Anspielungen auf den unter Fans im exzellenten Ruf stehenden zweiten Teil des alten Star-Trek-Kinofranchise.

Dass Abrams all diese Fäden dann noch, wenn auch nach einer arg lange vor sich her dribbelnden Exposition, in eine stimmige Materialschlacht überführt, ist aber doch erstaunlich. Eine reine Leistung nach üblichen Parametern lässt sich "Star Trek Into Darkness" jedenfalls ohne weiteres attestieren: Die zweite Hälfte ist mehr als solide spannungsgeladen, die Actionszenen ansehnlich und mitreißend, die schauspielerischen Leistungen - zumindest im zweiten Glied - sehr passabel (und im Falle Cumberbatchs ohnehin erwartungsgemäß zum Niederknien).

Doch liegt vielleicht gerade darin, dass der Film von Langeweile schlagartig auf gute Unterhaltung umstellt, ein zu Denken gebender Knackpunkt: Kenntlich wird darin der Zierrat als Zierrat - und zugleich auch, dass ein einst von einer treuen Fankultur umhegtes Franchise sich auf diese, ähnlich wie die lange Reihe an jüngeren Comicverfilmungen, schon aus Investitionsgründen längst nicht mehr allein verlassen kann. Das Resultat überzeugt am Ende zwar - zum Preis einer gewissen Stromlinienförmigkeit allerdings, in der Distinktion und Differenz höchstens noch als nostalgische Spur für den Abgang zu haben sind. Auch eine Form von Konvergenz, die sich abzeichnet: Die Spezialeffekte stammen eh schon von Lucas Films, als nächstes dreht J.J. Abrams "Star Wars".

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.perlentaucher.de

 


Star Trek Into Darkness

USA 2013 - 129 Minuten - Start(D): 09.05.2013 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: J.J. Abrams - Drehbuch: Roberto Orcil, Alex Kurtzman, Damon Lindelof - Produktion: J.J. Abrams, Bryan Burk, Alex Kurtzman, Damon Lindelof, Roberto Orci - Kamerfa: Daniel Mindel - Schnitt: Maryann Brandon, Mary Jo Markey - Musik: Michael Giacchino - Darsteller: Benedict Cumberbatch, Chris Pine, Alice Eve, Zachary Quinto, Zoë Saldana, Karl Urban, Simon Pegg, Anton Yelchin, John Cho, Peter Weller, Nolan North, Bruce Greenwood, Nazneen Contractor, Elly Kaye, Heather Langenkamp

 

 

 

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