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Stadt Land Fluss

 

Dokumentarisch gefilmte Landwirtschaft auf der einen und knospende junge Liebe auf der anderen Seite: Benjamin Cantus Film "Stadt Land Fluss" führt vor, wie das eine zum anderen passt.

Kühe und Möhren bestimmen das Bild in der brandenburgischen Agrargenossenschaft "Der Märker" in Jänickendorf. Eine ehemalige LPG im Nuthe-Urstromtal, nicht weit von Berlin, aber Welten entfernt. In Gestalt von Vorhängen und Kulturzimmern und resolut-herzlichen Ausbilderinnen, die etwa Petra Thymian heißen, überlebt hier die DDR als Ästhetik und Mentalität. Auf der Weide und im Stall stehen die Kühe. Die Möhrenwaschmaschine tut, was ihr Name schon sagt. Wir sind auf dem Land, weit ist die Fläche, immerhin gibt es Handy-Empfang.

Hierhin versetzt Regisseur Benjamin Cantu als Azubi einen jungen Mann namens Marko. Der weiß zwar nicht, ob er in der Landwirtschaft wirklich sein Lebensglück sieht, nur drängen sich Alternativen nicht direkt auf. Marko trinkt kein Bier und zeigt kein Interesse an Mädchen. Die Arbeit scheint ihm okay, das Schreiben, das zur Prüfung dazugehört, ist nicht so sein Ding. Er lernt, wie man einem Kalb Marken ins Ohr knipst und die Mutter dabei mit dem zugeklappten roten Regenschirm auf Distanz hält. Als Jakob, der Praktikant, den Ausschaltknopf bei der Wasserabfüllanlage (oder wie immer das heißt) nicht findet, eilt Marko herbei und hilft ihm. Es kommt zur Annäherung zwischen den beiden. Sie fahren mit dem kleinen alten Lada gegen Ende des Films dann nach Berlin, das noch immer Welten entfernt ist von Jänickendorf. Weil man sich der Stadt aber sozusagen von der Möhrenwaschanlage her nähert und mit den Augen der beiden, die frisch verliebt und aus der tiefen Provinz sind, scheinen selbst die Dönerbuden seltsam verzaubert bei Nacht.

"Stadt Land Fluss" ist ein erstaunlicher und ein sehr schöner Film. Das liegt an den Freiheiten, die sich Regisseur und Autor Benjamin Cantu nimmt gegenüber allen dramaturgischen Standardverfahren. Und dass diese Freiheiten nicht ins Leere gehen, sondern dem Film selbst eine ganz eigene Freiheit der Bewegung geben und lassen, das liegt an den von ihm eingenommenen Perspektiven. Im Ansatz ist die Herangehensweise dokumentarisch: Jänickendorf ist ganz und gar echt. Die Ausbilderinnen sind es, das Kulturzimmer ist es, die Kühe sowieso, die brandenburgisch-ruppige Herzlichkeit ist es auch und die Vorhänge kann sowieso keiner erfinden. Die beiden Protagonisten werden von den Schauspielern Lukas Steltner und Kai-Michael Müller großartig gespielt, die meisten anderen aber sind Laien und treten auf als sie selbst. Die Dialoge zwischen den Sphären sind improvisiert, der Eindruck ist übermächtig: So geht es zu. Das Verfahren erinnert an Valeska Grisebachs "Sehnsucht", aber nur auf den ersten Blick.

Wo Grisebach den Laiendarstellern durchs Hineinstellen in eine erfundene Liebesgeschichte per Verfremdung wahre Gefühle entlockte, bleiben das Dokumentarische und das Fiktive hier geschieden. Nicht deutlich, denn der Film forciert die Differenz nicht, aber sehr spürbar. Es geht auch nicht um einen Verfremdungseffekt.

So trocken die Arbeit im landwirtschaftlichen Betrieb ist, so fluide und flirrend setzt der Film die sehr simple und gerade in der Einfachheit der Begegnungen, Blicke, Gesten, Berührungen überzeugende Liebesgeschichte, die sich anbahnt, entwickelt und beim Sex im winzigen Lada nicht endet, ins Bild. Wollte man beschreiben, wie Alexander Gheorghius Arbeit mit der Kamera - meist in der Hand geführt, oft den Figuren nahe, zur äußeren Begleitung ihres inneren Aufruhrs neben ihnen durch das Feld herzujagen bereit - sich beim Betrachten anfühlt, müsste man sagen: leicht und gelöst. Sie nimmt - und das ist keine ganz kleine Kunst - dem Brandenburgischen alles Schwere, Szilvia Ruszevs leichtfüßiger Schnitt ist das andere passende Äquivalent zum raschen Wandel der Gefühle im Zustand aufkeimender Liebe, und sei's in der Welt der Ex-LPG.

Und auf genau diese Weise sind das Dokumentarische und das Gespielte, die nüchterne Welt der Resolutheitsdiskurse und das Zärtliche, Scheue der Blicke und ersten Körperkontakte zwischen Jakob und Marko wie füreinander gemacht. Das Agrargenossenschafthafte und der Zauber und das Gelöste stehen zueinander im Kontrast wie die alltäglichste Wirklichkeit und die ganz andere Perspektive und Frische und Leichtigkeit und das Verstörende der eigenen Gefühle, die sich zum Verliebtsein summieren. Diesen Kontrast fängt der Film ein. Er hat Augen für alle Momente: das Banale der glotzenden Kühe, des Schippens in Ställen und anderer Landwirtschaftsfragen; das Sublime des Körpers des Anderen und der eigenen Blicke darauf; und auch und erst recht für die gemischten Gefühle dazwischen, die Fluchtversuche in irgendein Dunkles und Fernes und er bringt am Ende alles zusammen: die weiß der Teufel wie bestandene Prüfung und das Liegen im Arm des anderen, den man liebt.

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte


Stadt Land Fluss
Deutschland 2011 - Regie: Benjamin Cantu - Darsteller: Lukas Steltner, Kai-Michael Müller, Cristina Do Rego, Burkhard Donath, Sabine Gilewski, Michael Hahn, Karl Hegener, Christine Hillner, Ursula Jannasch - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 84 min. - Start: 19.5.2011

 

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