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Spider-Man 3

 

Liebe, Luftkampf, Legendenbildung

Sam Raimis "Spider-Man 3" ist einer der teuersten Filme aller Zeiten und randvoll mit Liebe und Luftkampf.

"Spider-Man 3", die zweite Fortsetzung der erfolgreichsten Comic-Verfilmung der jüngeren Hollywoodgeschichte, gehorcht einer einzigen Logik: der der Überbietung. Es gibt diesmal von allem - Liebe, Luftkampf, Legendenbildung - einfach mehr, sehr viel mehr sogar als in den ersten beiden Teilen. Am Anfang kommt man aus dem Staunen kaum mehr raus - darüber vor allem, dass der Film ohne Scheu vor Überladung ein Fass nach dem anderen aufmacht. Denn Peter Parker (Toby Maguire) kämpft an allen Fronten: Er wird aus der Luft, aus dem All, aus der eigenen Psyche, aus der Vergangenheit, in seinem Job bei der Zeitung und sogar in seiner Liebe zu Mary Jane (Kirsten Dunst) attackiert. Die Gegner und Feinde sind schwarz und glibbrig (eine digital animierte Ekelmasse aus dem All), spitzzähnig und beißfreudig (Schurke Venom, gespielt von Topher Grace), sandig und riesig (Schurke Sandman, gespielt von Thomas Haden Church) und auf Rache aus für den nach wie vor - und tot wie er ist - Forderungen stellenden Goblin-Vater (Teilzeit-Schurke Harry/New Goblin, wiederum dargestellt von James Franco).

Fragt sich nur: Wie macht man aus diesem Überangebot an Attraktionen einen Film, für den selbst die 140 Minuten, die er währt, recht knapp bemessen scheinen? Erfreulicherweise belässt es Sam Raimi, diesmal in Sachen Drehbuch unter anderem von seinem Bruder Ivan unterstützt, nicht bei der Methode "keep it simple", sondern packt diverse, teils heftige Charakterumschwünge und Ambivalenzen obendrauf. Wie überzeugend man das findet, hängt ein wenig von der Haltung zur in den ersten Teilen mit einigem Ernst ausgestellten Adoleszenz-Empathie ab. Wer bisher mit Peter Parker an Liebeskummer und Fadenproduktionspotenzproblemen litt und gerade dies die Superheldentalente balancierende Moment der Erdenschwere zu schätzen wusste, der wird diese Form von nur bedingt subtilem Realismus im dritten Teil gewiss ein wenig vermissen. Zu schnell wechselt die Stimmung hier von himmelhochschwingend zu tödlich betrübt und wieder zurück. Dies Hin und Her wird aber nicht in erster Linie psychologisch begründet, sondern durch den Glibberspinnen-Parasiten, der, wenn er seinen Wirt befällt, dessen böse Seiten zum Vorschein bringt.

Er tut dies auch bei Spider-Man, innerlich wie äußerlich. Wie in eine zweite Haut schlüpft Peter Parker, charakterlich verdüstert, in ein schwarzes Kostüm und legt, zur weiteren Demütigung der als Musical-Star gescheiterten Mary Jane, einen richtig fiesen Auftritt mit blonder Gespielin im Jazzlokal hin. Gewiss ist er als schwarze Spinne nicht er selbst - den Mut der Macher, mit dem Charakter ihres Helden fast ohne Netz und doppelten Boden zu experimentieren, muss man dennoch bewundern. Und durch diese mit parasitischer Hilfe hochbeschleunigte Charaktertransformation doppelt sich die Abenteuergeschichte doch noch - und gar nicht so simpel adoleszenzpsychologisch - zum Bildungsroman, aber unterm dem Genre angemessenen Gesetz, dass alles Innerliche zu auch äußerlich sichtbarer Darstellung gebracht werden muss. Und so geschieht es. Der innere Konflikt wird äußerer Kampf. Die verschattete Seele zeigt sich in der verfinsterten Spinnen-Montur. Noch Peter Parkers Einbildung, am Tod des Onkels schuldig zu sein, äußert sich als so ungreifbare wie riesenhafte Wiederkehr des Verdrängten. Und noch diese verkörperte Wiederkehr als Sandman ist von ambivalentem Charakter, ein Mörder, der seine Tochter liebt und selbst schwer trägt an seiner Tat - ohne dass dies seiner zerstörerischen Wut sonderlich Abbruch täte.

"Spider-Man 3" erzählt unendlich viel und das gelingt, weil der Film das bisher Geschehene zum einen umstandslos als bekannt voraussetzt, zum anderen ein noch einmal entspannteres Verhältnis zur eigenen Mythologie entwickelt - ohne dass ihm ein Fauxpas passierte wie der Verweis auf Ebay im zweiten Teil, der die schöne Illusion einer gegenwartsnahen, aber doch entschieden fiktionalen Parallelwelt schnöde zerstörte. Am schönsten zeigt sich das diesmal, wenn Spider-Man zum Ehrenbürger New Yorks ernannt, das ganze öffentlich gefeiert wird und Peter Parker bei der Gelegenheit allzumenschliche Eitelkeiten offenbart. Spidey ist für diesen Moment ein Popstar, nicht anders als, sagen wir, der Papst oder Knut - und dass die Filmemacher diese reflexive Pointe mit ihres Helden fast kindlicher Charakterschwäche kurzschließen, das bringt das Gelingen der "Spider-Man"-Serie vielleicht am besten auf den Punkt: Sie spielt mit dem Mythos und nimmt ihn doch Ernst. Sie ist ziemlich klug, aber selten zu clever. Und sie findet, wenn es sein muss, den richtigen Ton fabulatorischer Unschuld, ohne darum den Betrachter oder die Figuren für dumm verkaufen zu müssen.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Spider-Man 3

USA 2007. R: Sam Raimi. B: Stan Lee, Steve Ditko (nach dem Marvel Comic). P: Laura Ziskin, Avi Arad, Grant Curtis. K: Bill Pope. Sch: Bob Murawski. M: Christopher Young. T: Oscar Mitt. A: J. Michael Riva, Neil Spisak, David Swayze. Ko: Katina Le Kerr, James Acheson. Animation: Scott Fritts, Keith Paciello. Sp: J.C. Brotherhood, Daniel P. Rosen, Matt McDonald. Pg: Columbia/Marvel Enterprises. V: Sony. L: 139 Min  Da: Tobey Maguire (Peter Parker/Spider-Man), Kirsten Dunst (Mary Jane Watson), James Franco (Harry Osborn), Thomas Haden Church (Flint Marko), Topher Grace (Eddie Brock), Rosemary Harris (May Parker). Dt. Start: 1.5.2007

 

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