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Spectre

 

 

(Dieser Text ist eine von fünf Filmkritiken, die für den Siegfried Kracauer Preis 2016 als beste Filmkritik nominiert sind.)

Alles auf Null

Etwas geht zu Ende in Sam Mendes' "Spectre" - und vielleicht nicht nur Daniel Craigs Amtszeit als Bonddarsteller.

"Vor dem Ende geht etwas zu Ende. Ö Aber noch gibt es Medien, gibt es Unterhaltung."
Friedrich Kittler: Grammophon Film Typewriter

"... these are a few of my favorite things."
Oscar Hammerstein II: My Favorite Things

"Die Toten sind lebendig": Eine programmatische Texttafel eröffnet das 24. Bond-Abenteuer, das vierte und vielleicht auch letzte der Craig-Phase. Diese erfährt mit "Spectre" Höhe- samt Fluchtpunkt und Abrundung zugleich, indem sich der Film als rahmendes, das Vorangegangene neu perspektivierendes Narrativ offenbart. Plausibilitäts- und Traditionsfanatiker, die auch im Fall von "Spectre" schon mäkeln, dass die Craig-Filme den einstigen, locker-leichten Bond-Camp-Fluff - Postkarten aus aller Welt, Connerys behaarte Männerbrust, Martini hier, Martini da und Roger Moore macht dazu einen tantig-britischen Witz - über Bord geworfen und aus dem einstigen Posterboy des 60s Chauvinismus einen grüblerischen Melancholiker gemacht haben, diese Plausibilitätsfanatiker merken zu Recht an, dass diese Bewegung Richtung Epos (samt Familienfrühgeschichte und daraus folgenden schicksalhaften Verstrickungen) bloß Behauptung ist - tatsächlich ist sie das sogar buchstäblich. Dass die Ereignisse in "Casino Royale", "Ein Quantum Trost" und "Skyfall" von einer unsichtbaren Hand planmäßig gesteuert wurden, die sich nun als die (im Franchise seit "Diamonds Are Forever" nicht mehr erwähnte) Geheimorganisation "Spectre" zu erkennen gibt, muss man dem Film schlicht abnehmen. Doch geschenkt. "Spectre" macht es einem leicht, ein solches Manöver als schlichtes Zugeständnis an Erzählmoden abzutun, um den Blick auf interessantere Themen zu legen. Auch Sam Mendes, der nach dem gigantischen "Skyfall"-Erfolg noch einmal auf dem Regisseurstuhl Platz nahm, scheint das so zu handhaben.

Die Toten sind lebendig. Lebende Tote, Untote. Welche Toten? Da ist Bond selbst, der in "Skyfall" für tot erklärt wurde. Da sind die Toten aus den drei vorangegangenen Filmen, die als Heimsuchung unter der undurchdringlichen Panzerung, als die Craig seinen Körper auch hier wieder in den Dienst der Figur stellt, höchst lebendig an Bond nagen. Auch ist es das Franchise selbst, das hier - mehr noch als in den vorangegangenen Craig-Bonds - eine Art historisches Reservoir bildet: Der klassische Bondfilm als Untoter, der den Gegenwarts-Bond heimsucht und dem dieser in einer Vielzahl von Anspielungen und Zitaten Reverenz erweisen muss, obwohl doch die politischen und kulturellen Rahmenbedingungen längst andere sind als zu klassischen Connery/Moore-Zeiten. Gespenster, Zombies allenthalben. Und was ist ein Gespenst, mit Salman Rushdie gesprochen, schon anderes als "unfinished business"?

Vielleicht auch deshalb beginnt dieser Bond mit einer atemberaubenden, ultra-hochauflösenden Plansequenz beim mexikanischen "Día de los Muertos": Heerscharen als Tote verkleideter Menschen bilden die quicklebendig-wuselige Kulisse für den Startschuss dieses Abenteuers, das unseren Helden in bewährter Manier von einer Episode zur nächsten an des Pudels Kern bringt (auch Monica Bellucci, im Vorfeld als "ältestes Bond-Girl ever" gefeiert, stellt im übrigen nur eine Episode von einer Laufzeit im niedrig einstelligen Minutenbereich dar). Es geht um ein Thema von politischer Brisanz: Seit dem letzten Bond-Film "Skyfall" (Premiere im November 2012), der bereits von der Krise des handelnden Subjekts im Gadget-Zeitalter handelte, haben die Enthüllungen Edward Snowdens (seit Juni 2013) den utopischen Glanz des Internets und seiner Tools weiter ins Dystopische verschoben und nach den Glücksmomenten des Aufbegehrens im Iran und des sich anschließenden "Arabischen Frühlings", beide noch als Social-Media-Revolutionen eingestuft, eine handfeste Depression getriggert: Eben noch demokratisierten wir die Welt, schon befinden wir uns in einem hocheffizienten, transnationalen und deshalb kaum mehr greifbaren Überwachungsgebilde, das exakt jene Infrastruktur nutzt, die gerade noch ein Glücksversprechen barg.

Soweit die Realität, die in "Spectre" noch nicht geworden, aber im Entstehen begriffen ist: PRISM und andere Superprogramme der Five Eyes sind demnach eine Art Kuckucksei, das die Geheimorganisation Spectre den Geheimdiensten der westlichen Welt in mühseliger Kleinarbeit unterjubelt - eine Art Meta-Geheimdienst, der sämtliche Informationen und Datenkanäle in einen Strom überführt, an dessen Ende ein auch hier wieder auf seine Paraderolle als asig-sardonischer Bösewicht abonnierter Christoph Waltz sitzt, um per Knopfdruck die Weltherrschaft an sich zu reißen.

Dass es ausgerechnet die Recken des althergebrachten, als sympathisch altmodisch gekennzeichneten Geheimdienstes sind - Bond, M (Ralph Fiennes), Q (Ben Whishaw) und Moneypenny (Naomie Harris) -, die sich dem entgegenstellen, ist Ausdruck der spezifischen Melancholie, die den Film trägt: Wären es doch nicht die eigenen Leute gewesen, die das Unheil der Überwachung angerichtet hätten! Wären sie doch standhaft geblieben! Wo waren sie, die aufgeklärten Demokraten des Westens, als es darum ging, Position zu beziehen? Ein unerfülltes, unerfüllbares Sehnen liegt unter den atemberaubend fotografierten Bildern von "Spectre".

"Spectre" kennzeichnet den "Rise of the Machines", wie er im Terminator-Franchise noch lustvoll von der Hardware und hier von Big Data her imaginiert wird, als traumatisierend-einschneidendes Ereignis: In "Spectre" geht etwas zu Ende - der Traum vom historisch handelnden Subjekt. Die Protagonisten in "Spectre" haben eine Vergangenheit, die sie nicht loslässt, und blicken einer Zukunft entgegen, in der sie als Subjekt nicht mehr vorgesehen sind, sondern lediglich als Gegenstand von Messungen und Kalkulationen.

Vielleicht spielt der Film deshalb oft in verfallenen alten Gebäuden, die hart kontrastieren zu den gläsern-transparenten Bauten der neuen Zeit. Eine ganz eigene Wehmut beschleicht den Film, wenn er Bond im weißen Sakko und roter Knopflochblume und Léa Seydoux als klassischer Hollywood-Queen im pastellblauen Kleid in einer Art Orient-Express dinieren lässt und damit nahezu ungebrochen für einen Moment die klassische Bond-Ikonografie aufruft. Bevor der Medienpark der alten Zeit eingeht in die große Medienkonvergenz, erinnern sich die Leute daran, dass es einmal Medien gegeben hat, die noch nicht über einen Rückkanal verfügten, einen beim Lesen also nicht selbst gelesen haben: Immer wieder rücken alte Videokassetten und vergilbte Fotografien wie archäologische Fundstücke aus einer ja tatsächlich anderen Zeit ins Bild: Als nostalgische Referenz einer verschütteten Biografie einerseits, aber auch als materieller Beleg für eine Welt vor dem Zahlenhunger. "Wie wir alle wissen und nur nicht sagen, schreibt kein Mensch mehr", heißt es einmal bei Friedrich Kittler.

Bond, zurückgeworfen auf sich als Körper, der seiner (in einer Szene sogar buchstäblich) Subjektzerlegung nicht tatenlos zuschauen will, bildet selbst einen Schauplatz dieser Auseinandersetzungen: Die Gadgets, die ihm diesmal zur Seite stehen, beschränken sich auf eine simple Sprengkopf-Uhr und das ihm per Injektion verabreichte "Smartblood", das es gestattet, Bonds Körper weltweit zu orten. Die auch organische Implementierung der Medien und Tracking Devices ist im vollen Gang.

Etwas geht zu Ende. Von keiner anderen Ahnung wird "Spectre" getragen - das macht die Traurigkeit dieses Films aus. Ein letztes Mal diese global-raumgreifende Geste, bevor die physischen Arenen der politischen Auseinandersetzungen endgültig vom Algorithmus als obsolet ausgezählt wurden. Ein letztes Aufbäumen des Agentenkörpers. Ein letztes Mal Aufschub vor dem Sachzwang. Und ein-, nein, zweimal ein letztes Mal: Hollywood-Tränen, als letztes Zuflucht des Subjekts. Noch sind die Toten lebendig: Je nachdem, welche Perspektive man wählt, hat Zombiemeister George A. Romero einmal gesagt, sind wir alle Tote, die noch nicht gestorben sind - die lebenden Toten, das sind wir selbst. "Spectre" ist auf 35mm gedreht - die digitale 4K-Projektion sieht sagenhaft aus. Sein Happy End hat es nie gegeben.

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen im:www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Spectre
USA / Großbritannien 2015 - 148 min. - Regie: Sam Mendes - Drehbuch: Ian Fleming, John Logan, Neal Purvis, Robert Wade - Produktion: Barbara Broccoli, Roberto Malerba - Kamera: Hoyte van Hoytema - Schnitt: Lee Smith - Musik: Thomas Newman - Verleih: Sony Pictures Germany - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Daniel Craig, Léa Seydoux, Monica Bellucci, Dave Bautista, Ralph Fiennes, Christoph Waltz, Ben Whishaw, Naomie Harris, Stephanie Sigman, Andrew Scott, Rory Kinnear, Neve Gachev, Jesper Christensen, Tony Paul West, Gjevat Kelmendi - Kinostart (D): 05.11.2015

 

 

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