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Sound it Out

 

 

Dass der Plattenladen ein eigentümliches Biotop mit ebenso interessanter wie liebenswerter Flora und Fauna ist, weiß der Mainstream spätestens seit „High Fidelity“ (fd 34 344). Wer in „einen“ Plattenladen geht, um eine Platte zu kaufen, hat nichts kapiert; wer aber „seinen“ Plattenladen betritt, der betritt einen sozialen Raum, wo nicht nur Tonträger gehandelt werden, sondern auch symbolisches Kapital für Distinktionsgewinner, zudem Informationen, Tipps und Erinnerungen. Dabei ist mit Ungleichzeitigkeiten zu rechnen, denn nachdem der Tod der Vinyl-Schallplatte offenkundig ausgeblieben ist, droht jetzt der Niedergang der CD. Zugleich ist das Internet als Warenhaus mit umfassendem Angebot zur größten Konkurrenz des (unabhängigen) Plattenladens geworden; großen Teilen der jugendlichen Klientel ist die Kulturtechnik des materiellen Sammelns (und Ordnens) längst fremd. Und doch haben einige unabhängige Plattenläden die diversen Krisen überlebt, erscheinen allerdings wie aus der Zeit gefallen als Stätten der Erinnerung.

„Sound it Out Records“ ist der letzte unabhängige Plattenladen im Nordosten Englands, gelegen in Stockton-On-Tees, wo die Mieten sehr günstig sind. Die Filmemacherin Jeanie Finlay reiste in ihre Heimatstadt und stellte ihre Kamera einige Wochen lang im Plattenladen auf, unschlüssig zunächst, was genau sie erzählen wollte. So beginnt „Sound it Out“ mit den üblichen Geschichten vom Plattensammeln als Sport für Jungs. Sie sei, so Finlay, oft die einzige Frau gewesen, die den Plattenladen im Lauf eines Tages betreten habe. Da gibt es die liebenswerten Szenen, in denen Nerds ihr enzyklopädisches Wissen auspacken. Der Laden mag etwas unaufgeräumt erscheinen, aber die Mitarbeiter kennen sich aus, in jeder Hinsicht. Verlangt ein älterer Kunde nach „Sultans of Swing“, dann weiß „Sound it Out“-Besitzer Tom, ein wandelndes Lexikon, nicht nur, dass er gerade keine CD des Debütalbums der Dire Straits vorrätig hat, sondern er weiß auch, dass es die frühe CD-Kompilation „Money For Nothing“ gibt, auf der „Sultans of Swing“ enthalten ist. Ja, er weiß sogar, in welchem Stapel sich die CD befindet. Gerne lässt man in diesem Ambiente den Blick schweifen, erkennt die Schallplatten-Cover von Klassikern zwischen Mainstream und Indie. Auch Free Jazz gäbe es hier, versichert Tom. Viele der Platten sind mit kurzen, pointierten Kommentaren versehen, die auf den symbolischen, musikalischen oder rein pekuniären Wert mancher Pretiose hinweisen. In manchem Moment ist der Film selbst ein Blättern durch die Geschichten, die mit bestimmten Plattencovers verbunden sind, und setzt sich im Kopf des Zuschauers zusammen. Doch Jeanie Finlay will mehr: Sie sammelt einige Impressionen über den wirtschaftlichen Niedergang einer Region, die ihren Bewohnern wenig mehr als Langeweile anzubieten hat, und so wird der Plattenladen zum Konzertraum für Bands, die kaum mehr als 20 Zuhörer anlocken, aber trotzdem gern Rock’n’Roll à la The Cramps zelebrieren.

Dann entscheidet sich der Film zum Glück, einige der in der Regel männlichen Kunden zu Wort kommen zu lassen. Auch hier gibt er dem scheinbar Skurrilen Raum: Da sind die beiden jugendlichen Metal-Fans, die sich knochentrocken die Pointen zuspielen, da ist aber auch der gesundheitlich angeschlagene Status-Quo-Fan, dessen Leben durch die immer gleichen Akkorde der britischen Band zusammengehalten wird. Später kommen noch Plattensammler unterschiedlichen Temperaments zu Wort, mal ein eher indifferenter Oldie-Fan, mal ein Sammler, der sich über Ordnungssysteme der Sammlung und Rezeptionsrituale den Kopf zerbricht. Man ahnt, wie bedeutsam die Musik für individuelle Biografien ist oder gewesen ist, doch scheint der subkulturelle Glamour vergangener Tage vorbei. Es geht nicht länger um die Akkumulation symbolischen Kapitals im Zeichen subversiven Wissens, vielmehr vermittelt „Sound it Out“ den Eindruck, man sehe einer (sympathischen) Gruppe Versprengter bei ihren etwas schal gewordenen Ritualen und Spleens zu. Was auch damit zu tun haben könnte, dass die Regisseurin ihr Porträt eher vom Zufall als von einer klaren Haltung zum Gegenstand formen lässt.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film Dienst

Sound It Out
Großbritannien 2011 - Regie: Jeanie Finlay - Mitwirkende: Tom Butchart - FSK: ohne Altersbeschränkung - Fassung: O.m.U. - Länge: 75 min. - Start: 10.5.2012

 

 

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