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Soundbreaker

 

 

Ein Idiot mehr (oder weniger)

Im Frühjahr 2014 findet die Musik im Kinosaal statt. Ist mit den Startterminen natürlich immer auch etwas kontingent, aber trotzdem ist diese Häufung an durchaus sehenswerten Musikdokumentationen aktuell auffällig. Und natürlich auch zu begrüßen.

"Oft ist es so, dass man mit einer Idee an etwas herangeht, aber dann besteht die große Kunst darin, dass man auf das Material schaut und nicht auf das, was man als Idee mitgenommen hat", erklärt der Dokumentarist Christoph Hübner im Pressematerial zum Film "Transmitting", den er gemeinsam mit Gabriele Voss produziert hat. Im Falle von "Transmitting" dreht sich alles um Improvisation im doppelten Sinne, denn auch die Musiker, die die Dokumentaristen mit ihrer Kamera begleiten, hatten nur einen ungefähren Plan von dem, was auf sie zukommen sollte. Gleich zu Beginn stellt ein Insert klar, was in den folgenden knapp 90 Minuten zu sehen sein wird: "Rabat / Marokko".

Das Trio Joachim Kühn, Majid Bekkas und Ramon Lopez realisiert ein lange gehegtes Projekt. Einen Monat Zeit für Musik und eine neue CD. Sie mieten ein kleines Studio und laden Gastmusiker ein. Sie reisen bis in die Wüste, um zu spielen und Aufnahmen zu machen." Diese kurze Beschreibung stimmt, aber natürlich auch wieder nicht, denn wir sehen das Musiker-Trio im Studio, bei Gesprächen oder Strandspaziergängen. Die Musiker arbeiten an etwas, was später einmal das Album "Out of the Desert" werden sollte. Es gibt Schwierigkeiten, die künstlerisch bewältigt sein wollen.

So ist "Transmitting" eine außerordentliche, weil geduldige und offene Musikdokumentation, die gleichzeitig auch eine Reiseerzählung voll bleibender Eindrücke geworden ist. Ein Glücksfall! Und dann ist da die stets herzliche Neugier, die Gesprächsbereitschaft von Joachim Kühn, der vom Habitus her immer etwas an Udo Lindenberg erinnert und schöne Sätze sagt, wie beispielsweise: "Wichtig ist nicht, wo man herkommt. Wichtig ist, wo man hingeht." Interessant auch noch: die Verspätung des Films, denn Joachim Kühn, der vor ein paar Tagen 70 wurde, feierte bei den Sessions in Rabat seinen 66. Geburtstag.

Von 2008/2009 stammen auch die Bilder des Films "Charlie Mariano - Last Visits". Bekanntlich ist der Saxophonist im Juni 2009 nach langer Krankheit in Köln gestorben. Axel Engstfelds betont kunstlose und etwas unkonzentriert wirkende Dokumentation hat Mariano in seinen beiden Lebensjahren mit der Kamera durch seinen Alltag begleitet, zeigt ihn bei Arztbesuchen, aber auch noch auf der Bühne kleiner Clubs und großer Häuser, die Mariano nicht missen mochte, solange die Kräfte reichten.

Gleichfalls aus der Zeit gefallen, wenngleich zwischen November 2010 und März 2012 gedreht, scheint Augusto Contentos "Parallax Sounds Chicago". Dabei handelt es sich um keine konventionelle Musikdokumentation, keinen Reisebericht, sondern vielmehr um einen fast schon improvisierend sich gebenden Film-Essay über die Beziehung zwischen Urbanität und Kreativität unter den spezifischen Bedingungen Chicagos, einer Metropole, die eben glücklicherweise etwas abseits liegt. Um den Musiker Sam Prekop zu zitieren, der in diesem Film selbst leider keinen Auftritt hat, es aber andernorts einmal auf den Punkt gebracht hat: "New York reflektiert die Welt, wie sie ist. Chicago reflektiert die Welt, wie sie sein sollte."

Abseits der Medien-Hochburgen New York und Los Angeles stellte Chicago einen attraktiven, weil (auch) bezahlbaren Lebensraum für Künstler zur Verfügung, die mit großem Enthusiasmus ihre Vorstellungen jenseits der Moden und Mainstreams zu realisieren gedachten. Contento hat Musiker und/oder Musikproduzenten wie David Grubbs, Steve Albini, Damon Locks, Ian Williams oder eben Ken Vandermark in urbanem Ambiente vor die Kamera gelockt, damit sie noch einmal das Hohelied des undogmatischen Neben- und Miteinander singen, das es ab Mitte der 1990er Jahre erlaubte, aus Begeisterung für Kraut-Rock und Dub, für Folk und Free Jazz eine »offene«, experimentelle Musik zu entwerfen, die all dies und noch viel mehr zu fusionieren wusste.

"Parallax Sounds Chicago" ist ein aufschlussreicher Versuch, den urbanen Raum Chicagos atmosphärisch auf die dort entstandene Musik zu beziehen - und zwar unter den sehr konkreten Bedingungen einer Generation von Künstlern, die mit Punk und No Wave aufgewachsen sind und den kommerziellen Ausverkauf von Grunge miterleben musste. Die Musiker, um die es hier geht, streben nicht in erster Linie ins Rampenlicht, sondern ihr Interesse gilt - idealistisch gesprochen - der Musik, dem Material. Sie verhalten sich kritisch und distanziert gegenüber der Musikindustrie, aber auch gegenüber der »großen« Politik, agieren lieber international auf Graswurzel-Niveau.

Tatsächlich zentriert sich vieles, was der Film zeigt, um den Begriff "alternativ": alternativ zum Mainstream einer globalen Massenkultur, alternative Songstrukturen, alternative Musik, alternative Aufführungsorte, alternative Ethik, alternativer Habitus, alternative Ökonomie. Doch nicht ist es dem Film vorrangig darum zu tun, diese politische Haltung zu vermitteln, sondern eher geht es darum, inwieweit die vorgestellten Haltungen und Handlungen etwas von Chicago erzählen.

Ungleich konzentrierter nähert sich Kimmo Koskela seinem Objekt, dem "Hendrix des Akkordeons" Kimmo Pohjonen. Der ist irgendwann mal auf die Idee gekommen, sein Instrument elektrisch zu verstärken und so in völlig neue Klangmöglichkeiten vorzustoßen. Der Weg dahin war lang und alles andere als gerade. "Lately it occurs to me what a long, strange trip it´s been", singen The Grateful Dead in ihrem bekannten Song "Truckin´". Daran mag man denken, wenn gegen Ende von Koskelas Musikerporträt "Soundbreaker" die Kamera endlos sich windende finnische Landstraßen dokumentiert - und den porträtierten Akkordeon-Extremisten Kimmo Pohjonen in seine Zukunft entlässt. So rekonstruiert "Soundbreaker" eine leidlich originelle, aber durchaus repräsentative Musikerbiografie, die davon erzählt, wie es sich anfühlt, seine musikalischen Talente zum Ausdruck einer möglichst individuellen Persönlichkeit zu bündeln.

Hilfreich ist dabei immer auch ein glücklicher Zufall, damit der "long, strange trip" ein gutes Ende findet. Einmal gibt es hier alte Fernsehbilder von Pohjonen zu sehen, der als Akkordeon-Wunderkind pflegeleicht zu Protokoll gibt, alle Arten von Musik zu mögen: Polka, Volksmusik, Klassik. Aus heutiger Sicht würde Pohjonen wohl sagen, dass er diese liberale Bravheit nur an den Tag gelegt habe, um seinen Eltern zu gefallen. Denn, so ein schönes Bonmot Pohjonens, schließlich sei das Akkordeon ja ein "Instrument für Idioten, die es spielen, um den Eltern zu gefallen". Nur gefallen zu wollen, ist aber nicht der Königsweg zur Kreativität.

Da ist es schon besser, man vertraut auf sein Gefühl - und erkundet als Klangforscher die Möglichkeiten des Instruments für Idioten. Gehasst habe er das Instrument, allerdings auch kein Anderes so gut gekannt, um es nachhaltig für sein »eigenes Ding« zu verändern. Pohjonen ist sich sicher: es geht als Künstler allein darum, diesen eigenen Weg zu finden und dabei sich nicht von Regeln beeindrucken oder einschränken zu lassen. Koskela, der Filmemacher, hat sich jedenfalls von Pohjonen inspirieren lassen und findet für sein Filmporträt kraftvolle und höchst originelle Bilder, wenn er den Finnen, der sich gern als körperbetonter Männerdarsteller in archaischem Wams gibt, in ein Eisloch springen und per Trick ein eindrucksvolles Unterwasser-Konzert geben lässt.

Verglichen mit "Transmitting" ist die Präsenz des Filmemachers unübersehbar, fast möchte man von einer etwas verschrobenen Form von Doppel-Porträt sprechen. Andererseits schadet die Inszenierung dem Porträt nicht, sondern ist quasi ein Aspekt der Kunst Pohjonens. Neben einigen impressionistischen Passagen und ein paar biografischen Hintergrundinformationen zeigt der Film immer wieder den Künstler bei der Arbeit. Die sieht allerdings nicht immer nach Arbeit aus, sondern auch manchmal nach Spleen, wenn etwa die Geräusche von Landmaschinen wie Traktoren, Dreschmaschinen, Kartoffelsortierern mikrofoniert werden.

Erst viel später werden wir die Geräusche wieder hören, diesmal als Teil einer kunstvollen Klang-Collage, die bäuerlichen Alltag in Kunst transformiert - und zwar in Gegenwart der Bauern. Pohjonen kann aber nicht bloß Industrie-Folk, sondern auch Prog-Rock an der Seite der King Crimson-Koryphäen Trey Gunn und Pat Mastelotto und Klassik-Crossover mit dem Kronos Quartet. So eilt der umtriebige Finne mit erstaunlichem Tempo von Projekt zu Projekt, erzählt von der Freiheit, nicht allen gefallen zu wollen und von den Hindernissen auf dem Weg zur Freisetzung von Kreativität. Der Tonfall ist mal kauzig, mal philosophisch - und immer wieder geprägt von jenem minimalistischen Understatement, das man den Finnen seit der Begegnung mit den Kaurismäkis nachrühmt. Am Schluss steht die Idee, eine alte Tradition als Performance wieder aufleben zu lassen: die musikalische Begleitung von Wrestling-Kämpfen, die einst dazu diente, die unvermeidlichen Furz-Geräusche zu übertönen. Manchmal glaubt man Kimmo Pohjonen kichern zu hören, selbst, wenn er ernst in die Kamera schaut.

Nächste Woche wenden wir uns dann denen zu, die im Hintergrund agieren und es nicht in den Vordergrund schaffen. Vielleicht, weil ihnen das Pohjonen-Gen abgeht. Was ja nicht schlimm sein muss, wie der "Oscar"-prämierte Dokumentarfilm "20 Feet from Stardom" (auch) zeigt.

Benotung des Films: (7/10)

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.filmgazette.de

 

Soundbreaker
Finnland, Tansania, Großbritannien, Belgien, Portugal 2012 - 86 min.
Regie: Kimmo Koskela - Drehbuch: Kimmo Koskela - Produktion: Ann Guedes, Klaus Heydemann, - Kamera: Kimmo Koskela - Schnitt: Jani Ahlstedt, Akke Eklund, Kimmo Koskela - Musik: Kimmo Pohjonen - Verleih: W-Film - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Kimmo Pohjonen, Samuli Kosminen, Timo Kämäräinen, Sami Kuoppamäki, Trey Gunn, Pat Mastelotto, Kronos Quartet, Heikki Laitinen, Jerry Muhonen, Phillip Page, Msafiri Zawose, Saana Pohjonen, Inka Pohjonen, Sanna
Kinostart (D): 17.04.2014

 

 

 

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